nnz-exklusiv: Gedanken zum Tag der deutschen Einheit von Landrat Joachim Claus
Dienstag, 03. Oktober 2000, 10:04 Uhr
Nordhausen (nnz). Seine Gedanken zu zehn Jahren deutsche Einheit hat der Landrat des Landkreises Nordhausen, Joachim Claus (CDU) exklusiv für die Leser der nnz aufgeschrieben. Er erzählt von einem Anfang als Landrat mit 28 Lebensjahren, von Erfolgen, Rückschlägen, "gewonnenen Schlachten" und falschen Freunden:
Wenn ich heute, zum Tag der Deutschen Einheit, die vergangenen 10 Jahre Revue passieren lasse, so möchte ich meine Betrachtungen in zwei Richtungen lenken. Eine Richtung ist die ganz persönliche Bewertung, auf mich direkt bezogen. Und natürlich eine Bilanz im Hinblick auf die wirtschaftliche und die kommunalpolitische Entwicklung unserer Region.
Lassen Sie mich zunächst einige persönliche Betrachtungen hinsichtlich der vergangenen 10 Jahre machen. Mit 28 Jahren wurde ich vom damaligen Kreistag zum Landrat des Landkreises Nordhausen gewählt. Was das für ein Amt ist und was konkret auf mich zukommt, war mir zum Zeitpunkt des Amtsantrittes nur in begrenztem Rahmen klar. Lernen hieß für mich die Devise. Lernen, wie ich als frisch gebackener Kommunalpolitiker mit den neuen Gegebenheiten im Sinne der Bürgerinnen und Bürger des Landkreises umzugehen habe. Lernen aber auch, in globalen Dimensionen zu denken und nach Recht und Gesetz zu handeln.
Da wir unmittelbar nach der Wende über keinerlei kommunalpolitische Kompetenz verfügten, war es wichtig, Freunde und Wegbereiter zu finden, die mit mir gemeinsam an den wichtigen Zielen und Visionen für unseren Landkreis gearbeitet haben. Aber, und auch das muß ich resümieren, ist man hier und da auch "sogenannten Freunden" aufgesessen, die vordergründig das Gute darstellten und favorisierten, am Ende aber nur Ihren persönlichen Vorteil sahen. Lehrgeld zu zahlen, war schon hier und da die schmerzliche Konsequenz.
Unter dem Strich gab es für mich in den letzten 10 Jahren eine persönliche Entwicklung, die mir einerseits eine Reihe von Erfolgen gebracht hat. Es war aber auch eine Entwicklung, die mir klar gemacht hat, dass zum Erfolg auch das Verkraften und Verarbeiten von Mißerfolgen gehört.
Positiv bewerte ich die kommunalpolitische und die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landkreises in den letzten 10 Jahren. Dank vieler Helfer, Freunde und engagierter Bürgerinnen und Bürger konnten auf vielen Ebenen positive Akzente gesetzt werden. Sie haben mit dazu beigetragen, dass unser Landkreis eine Entwicklung genommen hat, die beachtenswert ist. Aber ohne das Engagement, die Kreativität und den Willen unzähliger Bürgerinnen und Bürger unseres Landkreises wären die Nachwendeprobleme in der ganzen Vielschichtigkeit nicht beherrschbar gewesen. Die meisten Einwohner unseres Landkreises haben es sehr schnell verstanden, sich der neuen und bis dato ungewohnten Demokratie zu stellen. Sie bringen sich ein, sie machen mit, sie stellen sich der neuen Herausforderung. Dafür möchte ich mich auch an dieser Stelle nochmals ganz herzlich bedanken.
Der wirtschaftliche Aufbau unserer Region, die Entwicklung der Infrastruktur, des Tourismus und der Abbau der Arbeitslosigkeit waren Schwerpunkte, die schnellstens angeschoben und auf den Weg gebracht werden mußten. So wurde unmittelbar nach der Wende mit dem Bau des neuen Abfallwirtschaftszentrums in Nentzelsrode begonnen. Hier entstand ein System, welches im Bundesmaßstab beispielgebend ist. Darüber hinaus war die sehr desolate Infrastruktur überarbeitungs- und rekonstruktionsbedürftig. Zwischenzeitlich haben wir im Landkreis das modernste Telekommunikationssystem Europas. Die medizinische Versorgung wurde komplett neu aufgebaut und mit dem SÜDHARZ-Krankenhaus und dem Rettungswesen zu einem effizienten System der Krankenversorgung und der Betreuung unserer Bürgerinnen und Bürger gestaltet. Darüber hinaus nenne ich die Erschließung der vielen Gewerbegebiete im Landkreis Nordhausen, den Aufbau des BIC-Nordthüringen als Innovationszentrum, die Etablierung vieler mittelständischer Unternehmen im Landkreis, die Errichtung der Fachhochschule in Nordhausen, den Bau der Südharzautobahn A 38, um nur einige Schwerpunkte zu erwähnen. Allerdings, wenn ich das Erreichte und die Geschehnisse der letzten 10 Jahre aus der gebührender Distanz betrachte, dann gebe es schon ein paar Dinge die ich doch lieber etwas anders gemacht hätte. So wäre der Ausbau der B 243, der Ausbau der B 4 mit den Ortsumfahrungen im Südharz zuerst realisiert worden und die Eisenbahnstrecke Nordhausen - Northeim wäre inzwischen komplett ausgebaut. Ebenso bin ich heute der Auffassung, dass es in unserem Landkreis zu viele Abwasserzweckverbände gibt. Ich halte größere und überschaubarere Struktureinheiten für billiger und effizienter. Es hätten mehr Arbeitsplätze und damit verbunden, Lehrstellen im gesamten Landkreis entstehen müssen. Was wir bisher erreicht haben, ist nicht ausreichend.
Nicht unerwähnt bleiben darf die für meine Begriffe unglückliche Entwicklung des Tourismus im Landkreis. Hier wünschte ich mir eine zielstrebigere und gemeinsame Entwicklungsarbeit im Landkreis. Derzeit sehe ich da noch viele Reserven. Wenn ich an dieser Stelle anläßlich des 3. Oktober 2000 einmal meine Gedanken hinsichtlich der letzten 10 Jahre aufgezeigt habe, dann möchte ich abschließend auch noch einige Worte zu den derzeitigen Vorgängen um die momentan laufenden Bemühungen, zwei Beigeordnete für die Kreisverwaltung zu installieren, verlieren.
Gerade in diesem Zusammenhang wurde in der letzten Zeit viel Unsinn geschrieben. Es wurden Anschuldigungen, besonders gegen meine Person laut, die mehr als ungerechtfertigt sind. Man wirft mir zum Beispiel vor, dass ich die Ausschreibungskriterien für die künftigen Beigeordneten, besonders was die Qualifikation betrifft, zu hoch bemessen hätte. Dabei wird aber verschwiegen, dass neben den Mitarbeitern meiner Verwaltung auch die Fraktionsvorsitzenden von SPD und PDS am Ausschreibungstext mitgewirkt haben.
Unbeachtet bleibt bei den ungerechtfertigten Meinungsäußerungen auch, dass es sich bei den ausgeschriebenen Stellen um die höchstdotierten Dienstposten in der Kreisverwaltung handelt. Als Chef dieser Verwaltung erwarte ich, dass ein Bewerber, der aus Steuermitteln finanziert ein monatliches Gehalt in Höhe von ca. 9.300,00 DM bekommt, schon Qualifikationen und Fähigkeiten aufweisen muß, die über dem Durchschnitt liegen. Das momentan laufende Prozedere um die Beigeordnetenwahl ist durch ein verantwortungsbewußtes Kreistagsmitglied in Gang gesetzt worden und wird nunmehr durch das Landesverwaltungsamt bearbeitet. Bleibt für uns alle nur zu hoffen, dass das Thema der künftigen Beigeordneten nach fachlichen Gesichtspunkten und nicht durch parteipolitisches Kalkül um die Macht gelöst wird.
Für die Zukunft wünsche ich mir, dass wieder die Sachlichkeit in den Kreistag des Landkreises Nordhausen einzieht und die gewählten Kreistagsmitglieder sich über die Parteigrenzen hinweg mit Sachverstand an der Abarbeitung des Wählerauftrages orientieren. Es ist aus meiner Sicht viel wichtiger, sich um die echten Probleme unserer Bürgerinnen und Bürger im Landkreis zu kümmern als mit unnötigem Parteiengezänk um die Verteilung der Macht.
Trotz dieser gegenwärtigen Negativschlagzeilen aus dem Kreistag haben wir allen Grund, zuversichtlich auf die nächsten Jahre zu blicken. Natürlich gibt es auch weiterhin viel zu tun. Ich bitte Sie, bringen Sie sich ein und helfen Sie mit, unsere Region weiter zu stärken.
Zum 10. Jahrestag der deutschen Einheit darf ich Ihnen alles Gute und persönliches Wohlergehen wünschen.
Ihr Joachim Claus
Landrat
Autor: psgWenn ich heute, zum Tag der Deutschen Einheit, die vergangenen 10 Jahre Revue passieren lasse, so möchte ich meine Betrachtungen in zwei Richtungen lenken. Eine Richtung ist die ganz persönliche Bewertung, auf mich direkt bezogen. Und natürlich eine Bilanz im Hinblick auf die wirtschaftliche und die kommunalpolitische Entwicklung unserer Region.
Lassen Sie mich zunächst einige persönliche Betrachtungen hinsichtlich der vergangenen 10 Jahre machen. Mit 28 Jahren wurde ich vom damaligen Kreistag zum Landrat des Landkreises Nordhausen gewählt. Was das für ein Amt ist und was konkret auf mich zukommt, war mir zum Zeitpunkt des Amtsantrittes nur in begrenztem Rahmen klar. Lernen hieß für mich die Devise. Lernen, wie ich als frisch gebackener Kommunalpolitiker mit den neuen Gegebenheiten im Sinne der Bürgerinnen und Bürger des Landkreises umzugehen habe. Lernen aber auch, in globalen Dimensionen zu denken und nach Recht und Gesetz zu handeln.
Da wir unmittelbar nach der Wende über keinerlei kommunalpolitische Kompetenz verfügten, war es wichtig, Freunde und Wegbereiter zu finden, die mit mir gemeinsam an den wichtigen Zielen und Visionen für unseren Landkreis gearbeitet haben. Aber, und auch das muß ich resümieren, ist man hier und da auch "sogenannten Freunden" aufgesessen, die vordergründig das Gute darstellten und favorisierten, am Ende aber nur Ihren persönlichen Vorteil sahen. Lehrgeld zu zahlen, war schon hier und da die schmerzliche Konsequenz.
Unter dem Strich gab es für mich in den letzten 10 Jahren eine persönliche Entwicklung, die mir einerseits eine Reihe von Erfolgen gebracht hat. Es war aber auch eine Entwicklung, die mir klar gemacht hat, dass zum Erfolg auch das Verkraften und Verarbeiten von Mißerfolgen gehört.
Positiv bewerte ich die kommunalpolitische und die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landkreises in den letzten 10 Jahren. Dank vieler Helfer, Freunde und engagierter Bürgerinnen und Bürger konnten auf vielen Ebenen positive Akzente gesetzt werden. Sie haben mit dazu beigetragen, dass unser Landkreis eine Entwicklung genommen hat, die beachtenswert ist. Aber ohne das Engagement, die Kreativität und den Willen unzähliger Bürgerinnen und Bürger unseres Landkreises wären die Nachwendeprobleme in der ganzen Vielschichtigkeit nicht beherrschbar gewesen. Die meisten Einwohner unseres Landkreises haben es sehr schnell verstanden, sich der neuen und bis dato ungewohnten Demokratie zu stellen. Sie bringen sich ein, sie machen mit, sie stellen sich der neuen Herausforderung. Dafür möchte ich mich auch an dieser Stelle nochmals ganz herzlich bedanken.
Der wirtschaftliche Aufbau unserer Region, die Entwicklung der Infrastruktur, des Tourismus und der Abbau der Arbeitslosigkeit waren Schwerpunkte, die schnellstens angeschoben und auf den Weg gebracht werden mußten. So wurde unmittelbar nach der Wende mit dem Bau des neuen Abfallwirtschaftszentrums in Nentzelsrode begonnen. Hier entstand ein System, welches im Bundesmaßstab beispielgebend ist. Darüber hinaus war die sehr desolate Infrastruktur überarbeitungs- und rekonstruktionsbedürftig. Zwischenzeitlich haben wir im Landkreis das modernste Telekommunikationssystem Europas. Die medizinische Versorgung wurde komplett neu aufgebaut und mit dem SÜDHARZ-Krankenhaus und dem Rettungswesen zu einem effizienten System der Krankenversorgung und der Betreuung unserer Bürgerinnen und Bürger gestaltet. Darüber hinaus nenne ich die Erschließung der vielen Gewerbegebiete im Landkreis Nordhausen, den Aufbau des BIC-Nordthüringen als Innovationszentrum, die Etablierung vieler mittelständischer Unternehmen im Landkreis, die Errichtung der Fachhochschule in Nordhausen, den Bau der Südharzautobahn A 38, um nur einige Schwerpunkte zu erwähnen. Allerdings, wenn ich das Erreichte und die Geschehnisse der letzten 10 Jahre aus der gebührender Distanz betrachte, dann gebe es schon ein paar Dinge die ich doch lieber etwas anders gemacht hätte. So wäre der Ausbau der B 243, der Ausbau der B 4 mit den Ortsumfahrungen im Südharz zuerst realisiert worden und die Eisenbahnstrecke Nordhausen - Northeim wäre inzwischen komplett ausgebaut. Ebenso bin ich heute der Auffassung, dass es in unserem Landkreis zu viele Abwasserzweckverbände gibt. Ich halte größere und überschaubarere Struktureinheiten für billiger und effizienter. Es hätten mehr Arbeitsplätze und damit verbunden, Lehrstellen im gesamten Landkreis entstehen müssen. Was wir bisher erreicht haben, ist nicht ausreichend.
Nicht unerwähnt bleiben darf die für meine Begriffe unglückliche Entwicklung des Tourismus im Landkreis. Hier wünschte ich mir eine zielstrebigere und gemeinsame Entwicklungsarbeit im Landkreis. Derzeit sehe ich da noch viele Reserven. Wenn ich an dieser Stelle anläßlich des 3. Oktober 2000 einmal meine Gedanken hinsichtlich der letzten 10 Jahre aufgezeigt habe, dann möchte ich abschließend auch noch einige Worte zu den derzeitigen Vorgängen um die momentan laufenden Bemühungen, zwei Beigeordnete für die Kreisverwaltung zu installieren, verlieren.
Gerade in diesem Zusammenhang wurde in der letzten Zeit viel Unsinn geschrieben. Es wurden Anschuldigungen, besonders gegen meine Person laut, die mehr als ungerechtfertigt sind. Man wirft mir zum Beispiel vor, dass ich die Ausschreibungskriterien für die künftigen Beigeordneten, besonders was die Qualifikation betrifft, zu hoch bemessen hätte. Dabei wird aber verschwiegen, dass neben den Mitarbeitern meiner Verwaltung auch die Fraktionsvorsitzenden von SPD und PDS am Ausschreibungstext mitgewirkt haben.
Unbeachtet bleibt bei den ungerechtfertigten Meinungsäußerungen auch, dass es sich bei den ausgeschriebenen Stellen um die höchstdotierten Dienstposten in der Kreisverwaltung handelt. Als Chef dieser Verwaltung erwarte ich, dass ein Bewerber, der aus Steuermitteln finanziert ein monatliches Gehalt in Höhe von ca. 9.300,00 DM bekommt, schon Qualifikationen und Fähigkeiten aufweisen muß, die über dem Durchschnitt liegen. Das momentan laufende Prozedere um die Beigeordnetenwahl ist durch ein verantwortungsbewußtes Kreistagsmitglied in Gang gesetzt worden und wird nunmehr durch das Landesverwaltungsamt bearbeitet. Bleibt für uns alle nur zu hoffen, dass das Thema der künftigen Beigeordneten nach fachlichen Gesichtspunkten und nicht durch parteipolitisches Kalkül um die Macht gelöst wird.
Für die Zukunft wünsche ich mir, dass wieder die Sachlichkeit in den Kreistag des Landkreises Nordhausen einzieht und die gewählten Kreistagsmitglieder sich über die Parteigrenzen hinweg mit Sachverstand an der Abarbeitung des Wählerauftrages orientieren. Es ist aus meiner Sicht viel wichtiger, sich um die echten Probleme unserer Bürgerinnen und Bürger im Landkreis zu kümmern als mit unnötigem Parteiengezänk um die Verteilung der Macht.
Trotz dieser gegenwärtigen Negativschlagzeilen aus dem Kreistag haben wir allen Grund, zuversichtlich auf die nächsten Jahre zu blicken. Natürlich gibt es auch weiterhin viel zu tun. Ich bitte Sie, bringen Sie sich ein und helfen Sie mit, unsere Region weiter zu stärken.
Zum 10. Jahrestag der deutschen Einheit darf ich Ihnen alles Gute und persönliches Wohlergehen wünschen.
Ihr Joachim Claus
Landrat
