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Gesprächsfetzen

Donnerstag, 13. Februar 2014, 07:04 Uhr
Sportinteressierte Leserinnen und Leser der Nordthüringer Online-Zeitungen kennen Hans-Ullrich und seine Beiträge über sportliche Hintergründe. Heute berichtet er über eine Gespräche mit der Mutter einer jungen Olympia-Siegerin...

Carina Vogt, eine Überraschungs-Olympiasiegerin!

Ohne in ihre private Sphäre näher eindringen zu wollen, darf eingeschätzt werden, dass die in der letzten Woche 22 Jahre jung gewordene schwäbische Skispringerin Carina Vogt aus Waldstetten, die für den SC Degenfeld startet, gestern im Olympiagebiet nicht nur ihre aufregendste, sondern auch kürzeste Nacht ihres bisherigen Lebens verbrachte.

Nur ein paar Stunden vorher gelang ihr nämlich das Kunststück, als erste Olympiasiegerin dieser Sportart in das Buch der Geschichte eingetragen zu werden! Dieser knappe Sieg, den sie in dieser Saison gleich mehrmals bei verschiedenen Weltcupspringen nur knapp verpasste, musste natürlich im Kreise ihrer jungen Kameradinnen, die ausgerechnet an diesem wichtigen Tag gesundheitlich angeschlagen waren und deshalb keine Rolle spielten konnten, Trainer - und Betreuerteams entsprechend gefeiert werden, um damit den anhaltend hohen Adrenalinspiegel langsam wieder nach unten zu bringen.

Auch die zahlreichen Anrufe und Glückwunschschreiben aus der Heimat konnte die Überglückliche noch überhaupt nicht auswerten! Da rein zufällig der Autor dieser Zeilen einer Krankenkasse angehört, die in Schwäbisch-Gmünd ihren Sitz hat, bei der u.a. auch die überglückliche Mutter unserer neuen Olympiasiegerin tätig ist, wurde gestern mit ihr ein kurzes Gespräch geführt, das zwischen den Feierlichkeiten geradeso möglich war.

„Mama“ Iris nahm natürlich gern die Glückwünsche an, betonte aber gleich, dass sie dabei besonders auch an den Beginn des von ihrer Tochter zurückgelegten sehr steinigen Weg dachte, als dieser schon mit zarten sechs Jahren betreten wurde.

„An eine spätere Olympiateilnahme war nicht ansatzweise zu denken, weil damals Frauen auf größeren Schanzen nichts zu suchen hatten. Meine Tochter hatte kein besonderes Talent aufzuweisen, wollte aber den gleichaltrigen Jungen einfach beweisen, welchen Mut sie hatte. Natürlich begleitete ich sie gern zu den später immer größeren Schanzenanlagen und gemeinsam freuten wir uns auch über verschiedene vordere Plätze.

Am Ende ihrer Schulzeit wollte sie aber ihre „Latten“ für immer in die Ecke stellen, merkte aber bald danach, dass es ohne Sport nicht bei ihr geht. Langsam ging es wieder aufwärts, die Aufnahme in die Nationalmannschaft sowie die berufliche Orientierung als Bundespolizistin waren ihre nächsten Teilerfolge. Im Januar 2012 startete sie zum ersten Male im Weltcup, doch erst in den letzten Monaten kam der große Ruck nach vorn. Sie stand plötzlich immer häufiger hier und da auf den jeweiligen Siegerpodesten, im Weltcup allerdings nie ganz oben in der Mitte!

Der Handschlagvertrag mit dem neuen Auswahltrainer „Andy“ Bauer, der selbst einen guten Springer verkörperte und besonders der aus der Talenteschmiede des Thüringer Uhrenstädtchens, Ruhla, stammende Christian Bruder, der ebenfalls bis vor ca. fünf Jahren als Aktiver auf vielen Schanzen der Welt zuhause war, ist durch seine klugen Ratschläge für meine Tochter als Co-Trainer ein regelrechter Glücksgriff für den Sport und auch Beruf geworden! Für den Ruhlaer Club startet bekanntlich auch das Urgestein des Damenskispringens, Juliane Seyfahrt, die allerdings den Olympiazug diesmal knapp verpasste.

„Jones“, wie der Polizist und Co-Trainer auch liebevoll genannt wird, hatte dem Wintersport eigentlich bereits schon ade` gesagt, ehe er nochmals angesprochen wurde, in dieser für ihn neuen Funktion wieder zurückzukommen. Was nun dabei herauskam, ist für uns alle einfach unglaublich und bisher noch kaum nachzuvollziehen! Carina sagte mir nach ihrem Wahnsinnssieg und leichten Halsschmerzen, wie schwierig es vor dem allerletzten Sprung für sie war, den gerade vollbrachten Traumsprung der Mitfavoritin und bereits 200 m- Springerin, Iraschko-Stolz, noch zu toppen, nachdem die eigentlich haushohe Gold- Anwärterin und Dauersiegerin, Takanashi, an ihren Nerven scheiterte. Was meiner Tochter alles durch den Kopf ging, bis nach ihrem unbeabsichtigten „Sicherheitssprung“ die „1“ an der großen Anzeigetafel nach einer schier unendlich vorkommenden Wartezeit erschien, kann sich jedermann vorstellen……!

Wie man hörte, sahen dieses Märchen über sechs Millionen Fernsehzuschauer, und fast jeder politische Nachrichtensender vermeldete an diesem Dienstag nicht nur unseren Familiennamen, sondern meinte damit tatsächlich auch meine Tochter! Nur gut, dass wir gemeinsam wissen, dass uns bald der Alltag wieder einholt, doch ist es einfach unglaublich, das einmal erlebt zu haben…..“

Was sich in ihrem „neuen“ Leben nun verändern wird, war die letzte Frage: „Auch, wenn jetzt natürlich der Trubel besonders zuhause nach ihrer Rückkehr noch einmal aufblüht, glaube ich natürlich weiter an die bisher fast immer vorhandene Freundlichkeit, ruhige Ausstrahlung und an das Bodenständige meiner Tochter, die mit den zu erwarteten finanziellen Zuwendungen, im Gegensatz zum Springen, auf dem Boden bleiben wird, aber dabei nicht ansatzweise solche Beträge auf ihrem Konto zu erwarten hat, die ihre beiden sportlichen Vorbilder Schmitt und Hannawald einsprangen“.

Schlussbemerkung: Dafür haben die Beiden aber, die selbst keine Einzel- Olympiasieger waren, damals das junge Mädchen Carina als kleine und noch zarte Fernsehzuschauerin für die genau richtige Sportart animiert, die in dieser, fast zwanzig Jahre später, als zivile (noch) Polizeianwärterin zum weiblichen Hauptdarsteller eines wohl einmaligen Märchens wurde....
Hans-Ullrich Klemm
Autor: red

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