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Heimatgeschichte: 145 Tote

Dienstag, 14. Januar 2014, 14:25 Uhr
Zwischen Kleinfurra und Wolkramshausen befindet sich noch eine ehemalige Schachtanlage. In diesem Areal, teilweise schon mit Wildwuchs und Unkraut überwuchert, befinden sich noch als markante Zeichen ein alter Rückstandsberg und Hallen. Heute startet die nnz mit Beiträgen zur Heimatgeschichte von Horst Rasemann...


Für manchen Betrachter stellt sich hier die Frage nach dem Sinn und die Geschichte dieser ehemaligen großen Anlage, denn wohl nur wenigen der heutigen jungen Menschen ist die einstige Bedeutung bekannt. Für viele der älteren Bürger z.B. der Dörfer Immenrode, Dietenborn, Groß- und Kleinberndten, Hainrode, Nohra, Wipperdorf, Wolkramshausen, Wernrode, Straußberg, Klein- und Großfurra, Werther sowie der Stadt Nordhausen, ist dieses Gelände mit einer leidvollen Erinnerung verbunden.

Es hat eine lange und zeitweise unrühmliche Historie hinter sich. Hier befand sich in der damaligen preußischen Provinz Sachsen, der ehemalige Schacht „Ludwigshall“, deren Schachtröhre von der Deutschen Tiefbohrgesellschaft Nordhausen 1907 fertiggestellt wurde. Zuvor hatte der Fürst von Schwarzburg-Sondershausen 1902 die Genehmigung erteilt 60 m vor der Landesgrenze, in der schwarzburger – rudolstädter Exklave, den Schacht „Immenrode“ zu errichten.

Etwa 1907 wurde dann auch die Firma „Elektrizitätswerke und Chemie Fabriken G.m.b.H. Wolkramshausen“ gegründet, die den Kraftstrom für die beiden Werke liefern sollten. Die Entwicklung der Kaliindustrie in unserer Gegend bewirkte eine gewaltige soziale Veränderung. Viele Leute die bisher nur in der Landwirtschaft ihr karges Brot verdient hatten, fanden jetzt andere, besser bezahlte Arbeit. Straßenverhältnisse verbesserten sich durch Neubau, eine Betriebseisenbahn zum Bahnhof Kleinfurra entstand und die Arbeitersiedlung am Rüxleber Zoll wurde gebaut.

1908 erfolgte unter Tage der Durchschlag zwischen den Schächten „Ludwigshall“ und „Immenrode“ und im selben Jahr wurde über Tage auch eine Drahtseilbahn mit 1,6 km Länge in Betrieb genommen. Über sie wurde das Kali des Schachtes „Immenrode“ zur chemischen Fabrik Wolkramshausen befördert. Desweiteren wurden in Hain zwei weitere Schächte geteuft. Das aus diesen Schächten geförderte Canallit wurde ebenfalls mittels Seilbahn nach Wolkramshausen geschafft. Zur Umgehung des Dorfes Rüxleben wurde westlich der Ortslage eine Winkelstation angelegt.

Die KCL-Fabrik Wolkramshausen war die größte des Südharzes. Schacht „ Immenrode“ und „Ludwigshall“ gehörten beide zum Konzern Deutsche Kaliwerke AG in Bernterode und dann zum Konzern Wintershall AG in Kassel. Bereits 1924 war letzterer Konzern gezwungen die weniger rentableren Gruben aus unserem Heimatgebiet wegen Absatzschwierigkeiten zu schließen. Viele hundert Männer waren sofort arbeitslos. Es begann in unserer Gegend ein großes Elend unter der Bevölkerung. 1936 wurde von der Reichswehr, der späteren Hitlerwehrmacht, in der 1926 stillgelegten Schachtanlage „Ludwigshall“ ein unterirdisches Munitionsdepot angelegt.

Die fertiggestellten Munitionslagerräume erstreckten sich über zehn „Teilsohlen“. Da bereits 1937 die Lagerkapazität nicht mehr ausreichte, beschloss man den mit Ludwigshall unterirdisch verbundenen Schacht „Immenrode“ bei Straußberg, mit einzubeziehen. In unmittelbarer Nähe des Steinweges von Kleinfurra nach Wernrode wurde dann 1939 von der HMA (Heeresmunitionsanstalt) Wolkramshausen, nach zweijähriger Bauzeit, ein dazugehöriges Fertigungsgebiet, das sogenannte F-Gebiet, in Betrieb genommen.

In fünf Hallen bzw. Häusern wurden dort Geschosshülsen mit Pulver gefüllt und mit Zündern versehen. Beim Einsetzen eines Zünders in eine Granate, kam es am 20.August 1940 zu einer Explosion, bei der eine Arbeiterin starb. Hier im F-Gebiet waren bei der Herstellung und Verladung der Munition bis zu 600 Menschen, vor allen ausländische Zwangsarbeiter eingesetzt. Untergebracht waren sie in drei Barackenlagern. Eines, ein ehemaliges Lager des Reichsarbeitsdienstes, befand sich an der Landstraße bei Kleinfurra. Hier waren vor allen Dingen Franzosen und Belgier untergebracht. Ein zweites im Bereich von Wernrode und ein drittes lag direkt innerhalb des Fertigungsgebietes.

Auch sowjetische Kriegsgefangene, die in einem separaten Teil des Lagers in Wernrode stationiert waren, der mit Stacheldrahtumzäunung umgeben war, wurden beschäftigt. Auch aus einem bewachten Lager bei Nordhausen kamen Ostarbeiter, polnische Zwangsarbeiter für niedere Arbeiten in den Transportkolonnen, kenntlich an den Armbinden mit Nummern am linken Oberarm. Bei der Munitionsfertigung und der Lagerhaltung im Schacht waren bis zu 1000 Zwangsarbeiter tätig.

Unter den in der HMA eingesetzten Deutschen waren viele Frauen und Mädchen, wenig Freiwillige, hauptsächlich Zwangsverpflichtete. 211 Personen fuhren unter Tage ein, teils freiwillig, weil der höhere Stundenlohn und die Zusatzkarte für die rationierten Lebensmittel, wie Fleisch, Butter, Fette, Speck, Käse, Zucker, Marmelade, Milch und Eier, Brot und Kartoffeln lockten, teils kommandiert. Es wurde in Schichten auf der „Muni“ bzw. „Muna“, wie die HMA auch genannt wurde, gearbeitet. Am 29. Juli 1942, ereignete sich in der HMA Wolkramshausen, im Schacht „Ludwigshall“ beim Lagern von Munition ein schweres Unglück.

Frank Baranowski schreibt in seinem Buch „ Die Umwandlung von Kaliwerken im Südharzrevier zu unterirdischen Heeresmunitionsanstalten während der NS – Zeit“ folgendes: „ Um 13.15 Uhr, unmittelbar nach der Mittagspause der Schicht, explodierten im Munitionslagerraum 68 auf der 660-m- Sohle weit über fünftausend Granaten, gefüllt mit etwa 8,4 Tonnen Sprengstoff. Bis zum 2. August um 3.00 Uhr erschütterten Folgedetonationen das Umfeld. Am Unglückstag arbeiteten 211 Personen unter Tage. 145 Menschen, darunter 47 Frauen, kamen ums Leben.

Die hohe Zahl der Opfer ist darauf zurückzuführen, dass die zwischen der Schachtröhre und dem Unglücksraum vorhandenen Wettertüren in Atome zertrümmert wurden. Die giftigen Gase zogen somit nicht zum ausziehenden Schacht „Immenrode“ ab, sondern stauten sich im Grubenfeld Ludwigshall. Die Rettungsarbeiten wurden dadurch erschwert, dass sich der Förderkorb des Schachtes Ludwigshall durch die Wucht der Explosion in der Schachtröhre verkantet hatte und nicht genutzt werden konnte.

Ein Rettungsversuch über den 1,5 km entfernten Schacht Immenrode blieb aufgrund der geringen Einsatzreichweite der vorhandenen Atemgeräte ohne Erfolg. Etwa eine Stunde nach der Explosion konnte durch zwei Ventilatoren die normale Wetterführung zwischen den Schächten annähernd wieder hergestellt werden. Der eine Ventilator stand im Schacht Immenrode und saugte die Rauchgase ab, der andere in Ludwigshall und drückte Frischluft in den Schacht.

So konnten die Rettungsmannschaften die Fahrten (Leitern) des Schachtes Ludwigshall wenigstens zum Einstieg bei der Rettung der Überlebenden ohne Sauerstoffverbrauch aus den Atemgeräten nutzen.“ Durch die Explosion wurden 43 Personen auf der Stelle getötet, 102 verloren ihr Leben durch CO Vergiftung. Unter den Toten waren auch viele Menschen aus den umliegenden Dörfern zu beklagen. Aus Kleinfurra kamen z.B. 8 Menschen, aus Großfurra 4 und aus Wolkramshausen 9 ums Leben.

Im Bericht des OKH hieß es danach: „ Der Schachtfüllort bot ein Bild fürchterlicher Zerstörung, desgleichen auch die Förderstrecke auf der 660-m-Sohle. Von Schienen war teilweise überhaupt nichts mehr zu sehen. Ein Förderwagen war z.B. mit einer derartigen Wucht an den Stoß geworfen, dass er reliefartig an ihn angeklebt war.“ Bis auf den Unglücksraum blieben jedoch alle anderen Munitionslagerräume von der Explosion verschont, so auch der direkte Nachbarraum 67, der mit Kartuschen für die leichte Feldhaubitzen belegt war. Die Kommission die den Vorfall im Auftrag des OKH untersuchte, fand keine Anhaltspunkte für Leichtsinn, Sabotage oder Feindeinwirkung. Als Ursache vermutete man einen defekten Zünder.

Trotz des Unglücks ging der Betrieb der HMA weiter. Im Juli 1945 bis etwa 1947 nahm die sowjetische Armee von den Anlagen der ehemaligen „Muni“ Besitz und demontierten vieles. Vor eineinhalb Jahren begann man nun die ehemalige Schachtröhre des Kalischachtes „Ludwigshall“ zu verfüllen und mit einem Betondeckel zu verschließen. Am 29.06.2013 wurde mit einer feierlichen Abschlussveranstaltung eine Schachttafel mit den Daten des ehemaligen Bergwerkes enthüllt. Die Gedenktafel der Namensliste der Opfer der Katastrophe vom 29.Juli 1942 wurde an Ort und Stelle unter Tage belassen.

Lieber geneigter Leser, wenn du mehr über das Unglück erfahren möchtest, so empfehle ich dir das lesenswerte Buch „Das Unglück“ von Ralph Ardnassak.(Taschenbuch: 138 Seiten, Verlag: united p.c., erschienen: 19.April 2013, Preis: 16,40 Euro) Dieses Buch ist der erste literarische Versuch, den Hergang und die Begleitumstände jener gewaltigen und zugleich mysteriösen Explosion aufzuhellen. Es ist das zaghaft tastende Bemühen, auch nur annährend das Grauen nachzuvollziehen, dass unter Sterbenden und Überlebenden in der Panik und Hitze und Enge der Stollen geherrscht haben muss, nachdem dort 5000 Granaten explodierten und eine Rettung über die zerstörten Förderkörbe nicht mehr möglich war.
Horst Rasemann
Autor: red

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