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Bellmann und die "Herdmanns"

Freitag, 29. November 2013, 17:07 Uhr
Im Rahmen der beliebten Veranstaltungreihe "Kunst, Gott und die Welt" hatte der Nordhäuser Tabakspeicher am Donnerstagabend zum wiederholten Mal einen Schauspieler zu Gast, der vor allem durch seine Rolle als Professor Gernot Simoni von der Sachsenklinik in der ARD-Serie "In aller Freundschaft" einen enormen Bekanntheitsgrad erlangte: Dieter Bellmann. Der erzählte vor vollem Hause nicht über sich, sondern über die "Herdmanns". Das konnte nur heiter werden...


Wer den Kinderbuch-Klassiker "Hilfe, die Herdmanns kommen!" von Barbara Robinson bisher noch nicht kannte, der lernte ihn an diesem Abend kennen. Und wie! In sieben Kapiteln schließt man Bekanntschaft mit den "schlimmsten Kindern aller Zeiten". Sechs an der Zahl, dünnhaarig und mager, die sich nur darin unterscheiden, "dass sie verschieden groß waren und an verschiedenen Stellen blaue Flecken aufwiesen, die sie sich gegenseitig beigebracht hatten". Sie gelten als der Schrecken eines ganzen Stadtteils und niemand will mit ihnen zu tun haben.
Doch es gibt eine Gegenseite in dieser Geschichte. Das ist die 14-jährige Berichterstatterin. Sie ist das Kind einer gesittet lebenden amerikanischen Familie. Sonntag ist Kirchgang angesagt und sie steht wie viele aus der Nachbarschaft diesen Rabauken nur kopfschüttelnd gegenüber. Doch während der Vorbereitungsphase des traditionellen Grippenspiels macht die junge Erzählerin eine Erfahrung, mit der sie nicht gerechnet hat.

Immer Anfang Dezember wird mit den Kindern der Sonntagsschule (Bezeichnung für den Kindergottesdienst in den USA) ein solches Spiel eingeübt. Durch ein Gerücht, der Pfarrer verteile in der Kirche immer Süßigkeiten, werden auch die Herdmanns-Kinder aufmerksam und reißen nach und nach sämtliche Hauptrollen, die ein Grippenspiel zu bieten hat, an sich. Es herrscht blankes Entsetzen und die voreilige Meinung: Das kann nur mit einem Debakel enden!

Doch weit gefehlt: Denn die jährlich stattfindende und "ausgeleierte" Wiederholung der Geschichte von der Geburt Jesu, den Hierten auf dem Felde, den drei Waisen aus dem Morgenlande usw. nimmt dank der Herdmanns einen ganz eigenwilligen Verlauf. So bleibt kaum was von der gewohnten Behaglichkeit, Besinnlichkeit und dem Frieden auf Erden. Diese Herdmanns bringen es nämlich fertig, ihre eigenwillige Lebensweise in die Weihnachtgeschichte zu übertragen. Und vermitteln damit eine völlig neue, geradezu erfrischende Sicht auf die Botschaft des Weihnachtfestes – und regen zum Nachdenken an.

Und das alles von keinem Geringeren als Dieter Bellmann mit Charme und Witz, passender Mimik und Gestik vorgetragen, ließ solch einen Abend zu einem Hochgenuss werden. Noch dazu wenn, Matthias Weicker auf seinen Instrumenten diese Lesung mit eigenwillig interpretierten Weihnachtsliedern bereicherte. Dem Team des Tabakspeichers ist mit dieser Veranstaltung ein vorweihnachtlicher "Festschmaus" gelungen. Weiter so.
Hans-Georg Backhaus
Autor: red

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