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Gedenken und erinnern anders

Freitag, 08. November 2013, 15:49 Uhr
Am 9. November 1938 ging auch die Nordhäuser Synagoge in Flammen auf. 75 Jahre danach gedenkt man in Nordhausen dieses Tages und seiner Folgen. Die Art und Weise sind jedoch anders als in den Jahren zuvor...

Eröffnung der Ausstellung (Foto: nnz) Eröffnung der Ausstellung (Foto: nnz)

In der Flohburg wurde am Nachmittag die Sonderausstellung „75 Jahre Pogromnacht – Jüdische Leben in Nordhausen“ mit Redebeiträgen aus Politik, Religion und Wissenschaft sowie musikalischer Begleitung des Musikensembles „Misrach“ eröffnet. Als besonderer Gast wurde der Landesrabbiner Konstantin Pal begrüßt.

Das Anliegen der Sonderausstellung ist es, mit den erhaltenen Quellen und mit einer neuen Sichtweise auf die Geschichte der Juden in Nordhausen, die Schatten in der Vergangenheit zu erhellen und regionales Geschichtswissen nachhaltig weiter zu tragen.Um erahnen zu können, was in den antisemitischen Gewaltaktionen des Nationalsozialismus zerstört wurde, muss zunächst gezeigt werden, wie lebendig und blühend das jüdische Leben in der Stadt Nordhausen vor 1933 war.

Die Ausstellung beginnt mit den Anfängen jüdischen Lebens im Mittelalter, die durch Judenregale, Schutzgeleit in Verbindung mit religiöser Lebensweise bestimmt wurden. Zeitweilig durften Juden aber auch das Bürgerrecht und Hausbesitz erwerben und eine Gemeinde nicht nur in religiöser, sondern auch in rechtlicher Beziehung bilden.

Differenzierte Themenpunkte sind vom Jahre 1808 an fokussiert und ermöglichen tiefere Einblicke in die bürgerliche Verbesserung und den sozialen Aufstieg der Minderheitengruppe in die Gesellschaft. Welche Rolle dabei der Erhalt des Bürgerrechts, die Vereinsbildung und die Bildungszugänge für die Integration und Assimilation spielen, wird näher beschrieben. Die Errungenschaften aus der Blütezeit seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nehmen ein jähes Ende mit der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933. In der „Reichskristallnacht“ im November 1938 wurde jüdische Kultur und Lebensweise zerstört. Ein kultureller und menschlicher Verlust, der bis in die Gegenwart nicht mehr einholbar ist.

Erinnern und Gedenken als Voraussetzung für das Bewahren – der Weg des Bewahrens beginnt in den Gedanken und Köpfen der Menschen. Auf lokaler Ebene hat sich Nordhausen seit dem Ende der 1980er Jahre mit dem Setzen des Gedenksteins am historischen Gedenkort vor der ehemaligen Synagoge zum Gedenken an die Opfer der Pogromnacht 1938 ein öffentliches Zeichen gesetzt. Wohl ein Novum in der DDR, die gegenüber der Opfer- und Täterschaft im Nationalsozialismus als aufgeklärt und abgeschlossen galt.

Auf Bürgersteigen sieht man die Stolpersteine und an Gebäudewänden die Gedenktafeln, die das Schicksal personifizieren und näher bringen. Auch die Publikation von Dr. Manfred Schröter und anderen Autoren sowie die Nachdrucke der Schrift von Heinrich Stern sollen in diesem Zusammenhang nicht unerwähnt bleiben.

Gegen 15 Uhr wurde schließlich an dem Ort, an dem die Nordhäuser Synagoge stand, an die Nacht vom 9. zum 10. November 1938 erinnert. Worte des Gedenkens, Mahnens und Erinnerns sprachen unter anderem Oberbürgermeister Dr. Klaus Zeh und Konstantin Pal. Oberbürgermeister Dr. Klaus Zeh erinnerte an Schicksale Nordhäuser Juden und mahnte an, dass sich derartiges nie und niemals wiederholen dürfe.

Danach legten Nordhäuser - einer jüdischen Tradition zufolge - Steine mit Namen von Nordhäuser Juden nieder. Zum Abschluss des Gedenkens las der Landesrabbiner das jüdische Totengebet.

Zurück zur Flohburg: Im Begleitprogramm der Sonderausstellung wird ein musikalischer Workshop für Schüler mit dem Musikensembles „Misrach“ aus Erfurt am 22. November angeboten. In dem rund 2x45 minütigen Workshop werden jüdische Lieder und deren kulturelle Bedeutung vorgestellt. Über die Musik wird die Lebendigkeit der jüdischen Kultur nähergebracht, die zum Zuhören, Mittanzen und Mitreden einlädt. Bei Interesse sind telefonische Voranmeldungen bis zum 15. November erwünscht.

Themenbezogene Führungen mit den Kuratoren der Ausstellung, Marie-Luis Folwaczny M.A. und Dr. Peter Kuhlbrodt, Stadtführungen von der Stadt- und Gästeführer Gilde und Führungen über den jüdischen Friedhof sind ebenfalls vorgesehen. Bei Fragen zu den Angeboten können sie telefonischen Kontakt aufnehmen 03631/4725680.
Autor: red

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