Menschenbilder (76)
Mittwoch, 02. Oktober 2013, 06:48 Uhr
Im Spätherbst 2013 veröffentlicht der Nordhäuser Autor Bodo Schwarzberg den zweiten, reich bebilderten Band der Buchreihe "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" - wiederum mit rund 200 Texten über Zeitzeugen unserer jüngeren Geschichte...
Brocken-Benno – der einzige Siebentausender im Harz
Internet: www.brocken-benno.de
Am 3.12.1989 saß der Wernigeröder Benno Schmidt bei einer in der Harzstadt stattfindenden Konferenz zur Rettung der DDR. Mit seinen Gedanken aber war der am 22.05.1932 in Bochum geborene, wohl bekannteste Harzwanderer an diesem Tag ganz woanders: Tags zuvor hatte in der Zeitung gestanden, dass der Rat des Kreises die Brockenstraße vom Eckerloch bis hinauf zur die Brockenkuppe damals umgebende Mauer für Wanderer freigibt. Das Neue Forum jedoch gab am selben Tag eine noch viel weitreichendere Parole aus: Wir begnügen uns nicht mit der Brockenstraße. Das Ziel heißt freier Brocken.
Brocken-Benno beschenkte sich zu seinem 75. Geburtstag am 22.05.2007 mit der 5.000. Brockenbesteigung. Heute, am 2.10.2013 steht er zum 7.119. Mal ganz oben - mit mittlerweile 81 Jahren.
Die Bürgerrechtsbewegung rief für den 3.12. zu einer Sternwanderung zum höchsten Harzgipfel auf. Benno Schmidt hielt es unter diesen Umständen nicht auf seinem Stuhl bei der Konferenz in Wernigerode. Er gesellte sich zu den von Schierke hinaufstrebenden, mutigen Enthusiasten. Der auf dem Brocken diensttuende Offizier der Grenztruppen gab den lauten Rufen und dem vereinten Klopfen an die Sperranlagen schließlich nach: Individuell habe er entschieden, zunächst Gruppen von jeweils zehn Personen auf das Plateau zu lassen.
Aber wir waren brockenhungrig und rissen das Tor einfach auf, ließen den Offizier stehen und stürmten den Berg unserer 28-jährigen Träume, beschreibt Benno Schmidt das historische Ereignis. Es war gerade 12:45. Wir tanzten und lagen uns in den Armen, einige weinten vor Freude, sagt er. Von den Soldaten sei zunächst keiner mehr zu sehen gewesen. Nur die auf dem Berg stationierten Rotarmisten hätten die Vorgänge mit entsetzten Staunen beobachtet. Zu fotografieren traute sich Benno am Mauertor noch nicht. Auf der Brockenkuppe verknipste er dann einen ganzen Film. Fünf Stunden später saß er wieder bei der Konferenz in Wernigerode, gerade noch rechtzeitig, um das Schlusswort nicht zu verpassen. Aber so richtig zuhören konnte der Harzer nicht mehr.
Für den Wernigeröder begann im Herbst 1989 wie für alle anderen Noch-DDR-Bürger ein neuer Lebensabschnitt. Der Alltag fast aller Menschen änderte sich grundlegend. Natürlich auch Benno Schmidts Alltag. Er jedoch sollte von nun an vom Wandern dominiert werden, vom Wandern an fast jedem Tag hinauf zum deutschesten aller Berge, zum Berg von Goethes Faust und Heines Harzreise, bis zu 300 Mal im Jahr. Am 22. Mai 2013 bestieg er ihn zum 7.000 Mal. 1997, 1998 und 2000 wurde er durch eine Würdigung im Guinnessbuch der Weltrekorde berühmt. Einholen wird ihn niemand mehr. Um seinen 1.000 Aufstieg herum gaben ihm Freunde den Namen Brocken-Benno, mit dem er für immer in die denkwürdige Geschichte des Berges eingegangen ist.
Der Harzwald und das Wandern liegen dem 81-fährigen seit seiner Kindheit im Blut. Geboren wurde er zwar in Bochum, seine Eltern jedoch stammen aus der bunten Stadt am Harz. In meinem Großvater Friedrich Spott sehe ich mein wichtigstes Vorbild, weil er von früh bis spät arbeitete, weil er mich als Stellmacher im Umgang mit Holz schulte und weil er mich regelmäßig mit hinaus in die Wälder nahm, um Holz zu machen. Von ihm habe ich die Liebe zur Natur, zum Harz und meine handwerklichen Fähigkeiten, sagt er. Im Jahre 1937 stand er als Fünfjähriger gemeinsam mit Friedrich Spott und einem Onkel aus Amerika erstmals dem Brocken. Ich erinnere mich noch, dass ich zwar hoch, aber nicht mehr hinunterlaufen wollte. Der Onkel musste mich auf die Schultern nehmen. Bis zur Sperrung des Gipfels für zivile Besucher am 13. August 1961 schätzt mein Gesprächspartner 60 bis 80 eigene Besteigungen.
Erinnern tut er sich auch an die Bombenabwürfe auf Wernigerode. Rund 200 sollen es gewesen sein. In einer Turnhalle sah er Menschen, die die Angriffe nicht überlebt hatten.
Von 1947 bis 1950 erlernte Benno Schmidt beim Rat des Kreises Wernigerode den Beruf eines Verwaltungsangestellten und studierte anschließend Ökonomie an Fachschulen in Magdeburg und Merseburg. Schließlich wurde er Referatsleiter Planung in der Fachabteilung Handel und Versorgung beim Rat des Kreises Wernigerode. Zwangsläufig trat er in die SED ein. Mit den Worten ‚Wer nicht für uns ist, ist gegen uns, der ist gegen den Frieden und damit für den Krieg‘, begründeten dies die Genossen.
Weil sein Vater Walter Schmidt in der damaligen hessischen Landesregierung in Wiesbaden mitarbeitete, kam er um einen Dienst bei der kasernierten Volkspolizei und der späteren NVA herum. Ich brauchte keine Waffe anzufassen, worin ich eine glückliche Fügung sehe, sagt er. Auf Grund von Kontakten zu einem seiner früheren Lehrer, der die DDR verlassen hatte, erhielt er in den 70er Jahren in ein Disziplinarverfahren mit dem Ergebnis einer strengen Rüge. Vom Rat des Kreises wurde er wegen seiner Westkontakte schließlich zur unerwünschten Person erklärt, fand jedoch bei der Konsumgesellschaft Ilsenburg-Wernigerode eine neue Anstellung als Bereichsleiter. Ihr hielt er bis zur Auflösung des Konsums Anfang der 90er Jahre die Treue.
1992 ging Benno Schmidt zwangsläufig in den Vorruhestand, übte jedoch weiterhin Nebentätigkeiten im Handel aus: Noch bis 2005 räumte er Regale in Supermärkten ein. Bis zu drei Jobs nahm er täglich wahr, weil das Geld knapp war. Zwischendurch fuhr ich nach Schierke und wanderte zum Brocken. Anschließend räumte ich weiter Regale ein, sagt er. Und: Arbeit schändet nicht. Auch war und ist der Kontakt zu anderen Menschen für mich ein Lebensbedürfnis.
Nach der Brockenöffnung am 3.12.1989 war Benno Schmidt auf Grund seines Arbeitsverhältnisses zunächst jedoch nur sonnabends zu seinem Traumgipfel unterwegs. Jeweils sonntags unternahm er Wanderungen mit Aktiven des Harzklubs Bad Harzburg, zum dem bis heute starke freundschaftliche Bande bestehen.
Im April 1990 führte Brockenwirt Hans Steinhoff den Brockenpass ein (siehe in diesem Band), auf dem jeder Brockenbesuch mit einem Stempel dokumentiert wird. Zudem sah ich meist dieselben Menschen, die den Berg regelmäßig, das heißt mindestens einmal pro Woche bestiegen, erklärt er. Dies habe eine Wettbewerbssituation ebenso begünstigt, wie der ebenfalls vom Brockenwirt initiierte Klub der Hunderter, zu dem nur jene Wanderer gehören, die wenigstens 100 Brockenstempel vorweisen können.
Alljährlich im Advent lädt Hans Steinhoff bis heute zum Treff der Brockenelite auf ihrem Hausberg ein. Und dann war da auch noch ein besonders aktiver Brockenbesteiger aus Clausthal-Zellerfeld. Er wanderte augenscheinlich öfter als ich zum Brocken, hielt aber die Zahl seiner Besteigungen geheim. Erst nach seinem 100. Stempel ließ er die Katze aus dem Sack. Zu demselben Zeitpunkt konnte ich erst 60 vorweisen, was mich elektrisierte, denkt er zurück. Und zwar so sehr, dass der spätere Brocken-Benno zeitweilig sogar zweimal täglich seinen Rucksack schnürte, nach Schierke fuhr und meist durch das Eckerloch in Richtung Gipfel stapfte, mitunter sogar bei Nacht. Zwischendurch nahm er seine Nebenjobs in Wernigerode wahr. Um seinem Konkurrenten die Gegenargumentation zu erschweren, ließ er sich die Startzeit in Schierke, die Ankunftszeit auf dem Brocken und die Zeit seiner Rückkehr nach Schierke von Nationalparkranchern bestätigen.
Der Clausthaler Wanderer sah seinen Vorsprung mehr und mehr schrumpfen, so dass er den Klub der Hunderter dafür gewinnen konnte, nur eine Brockenbesteigung pro Tag gelten zu lassen.
Auch die Presse wurde auf den um den Brocken entbrannten Kampf aufmerksam, vor allem auch deswegen, weil er ein Wettbewerb zwischen Ossi und Wessi war: Das Fass zum Überlaufen brachte schließlich ein Fernsehbeitrag, in dem es wörtlich hieß: Während der Wessi schon oben ist, keucht der Ossi immer noch empor. Dieser Satz kam dadurch zustande, dass der Wernigeröder kurz nach seinem Start in Schierke interviewt und gefilmt worden, während der Westdeutsche auf Grund eines früheren Starts bereits oben angekommen war. Hinzu kam noch, dass Benno zu diesem Zeitpunkt tatsächlich noch immer hinter dem Clausthaler zurücklag: 290 zu 310 stand es damals zwischen den beiden. Ich bin der Brockenkönig und bleibe es für alle Zeiten, habe der Westharzer im Fernsehen verkündet und Benno nahm sich nun endgültig vor, ihn vom Tron zu stürzen. – Er wanderte weiterhin fast täglich hinauf.
Der Clausthaler gab schließlich auf. Brocken-Benno ließ seine historischen Vorbilder aus der Vorkriegszeit, den Brocken-Geist und den Brocken-Willy, alsbald hinter sich. Beide standen bis zur kriegsbedingten Aufgabe der Dokumentation bis 1941 500 bzw. 650 Mal auf dem Brockengipfel. Für diese Zeit waren dies großartige Leistungen, zumal diese Wanderer meist von Wernigerode aus starteten, so der Wernigeröder Nach seiner 1.000. Besteigung wurde er gefragt, ob er tatsächlich noch weiter machen würde. Und ob!, sagte sich Benno, denn einen Tag ohne seinen Berg war für ihn kaum noch vorstellbar. Und obwohl er schon längst keinen ernst zunehmenden Verfolger mehr hatte, beschloss er auch nach dem 3.000. Brockenstempel, weiterhin fast täglich hinaufzugehen, also von Schierke aus hin und zurück mindestens 12 Kilometer mit rund 500 Metern im Anstieg. Im langjährigen Mittel erreichte er pro Jahr 333x den Brockengipfel, um sich seinen Stempel zu holen, meist gegen 11 Uhr. Heute, mit über 80, möchte er aller vier Jahre einen neuen Tausender vollmachen.
Mit Rücksicht auf meine Frau Helga und auf mein Alter habe ich die Anzahl meiner Besteigungen etwas reduziert, sagt er. Die meisten Menschen denken, ich bin total kaputt. Das Gegenteil aber ist der Fall: Ich kehre erholt zurück. Meine Frau weiß., dass ich besonders gute Laune habe, wenn ich nach Hause komme. Deswegen toleriert sie meine häufige Abwesenheit. Sonnabends begleitet sie ihren nimmermüden Ehemann übrigens meist zu seinem Hausberg, weil sie den Brocken ebenso liebt, wie er.
Als Beweis möge dienen, dass sie die Brockenkuppe selbst schon mehr als 1.111 mal betrat. Der Rekordhalter selbst bewahrt 202 zugestempelte Brockenpässe (Stand Anfang Oktober 2013) auf. Nach dem Erreichen einer runden Besteigungszahl beginnt er jeweils mit einem neuen Pass. Bis Oktober diesen Jahres bewältigte der bekannteste Harzer rund 96.000 Kilometer insgesamt auf seinen Brockenbesteigungen, was unglaublichen 3,5 Mio. Höhenmetern allein im Anstieg entspricht. Am 3.10.2013 stand er zum 7.120. Mal oben.
Gibt es dennoch Gründe, die den Wernigeröder daran hindern, loszugehen? Er nennt die Wünsche seiner Frau, Urlaub und Verpflichtungen im Harzklub. Die auf dem Brocken häufigen Wetterunbilden sind kein Grund für Benno Schmidt, morgens gegen 9 Uhr nicht in Schierke zu starten. Selbst bei einem halben Meter Neuschnee stapft er das Eckerloch hinauf, oder bei 140 km/h Windgeschwindigkeit. Gelegentlich startet er aber auch in Wernigerode, Ilsenburg, Bad Harzburg oder am Torfhaus.
Eine altersbedingte Grenze sieht Brocken-Benno für seine Besteigungen übrigens nicht. Vorbei sind zwar die Zeiten, an denen er von Schierke zum Brocken nur rund eine Stunde benötigte. Heute ist er meist eine Stunde und 50 Minuten lang bergauf unterwegs. Aber der 81-jährige hat keine letzte Brockenbesteigung konkret geplant. Viel zu sehr genießt er die Begegnungen mit anderen Brockenwanderern (ein wahrer Glücksfall für mich), die ihn um Autogramme und Fotos bitten und denen er Informationen zu Sehenswürdigkeiten und Wandertipps gibt. Viel zu gern auch fordert er seinen Körper.
Nur einen Rückschlag musste er verkraften: Mit 77 erkrankte er an Prostatakrebs, fiel aber gerade einmal für sieben Wochen aus: Eigentlich operieren wir Menschen in Ihrem Alters nicht mehr, machen aber auf Grund Ihrer Fitness eine Ausnahme, ließ man ihn wissen. Während seines 14-tägigen Aufenthaltes im heutigen Nordhäuser Südharz-Klinikum vertrat er sich stundenlang die Füße, um die eingetretene körperliche Schwäche so schnell wie möglich zu überwinden. Der Krebs kehrte nicht zurück. Das lag ganz gewiss auch an den anderen Motivationen, die Benno für seinen Enthusiasmus ins Feld führt: Ich möchte gleichermaßen Vorbild für die Jugend und für Ältere sein. Der jeweils erreichte Rekord verpflichtet mich in gewisser Weise zu immer weiteren Aufstiegen. Und nicht zuletzt sind da der Mythos Brocken und der Name Brocken-Benno. Als letzterer fühle ich mich nur, wenn ich den Brocken besteige, schmunzelt er.
Im Laufe der Jahre fanden sich bekanntermaßen auch zahlreiche Prominente auf dem höchsten Berg Norddeutschlands ein, von denen Brocken-Benno die meisten persönlich kennenlernte: So entstand beispielsweise eine Freundschaft mit Reinhold Messner, der als erster alle 14 Achttausender bestieg. Messner selbst bestieg den Brocken bereits dreimal. Alljährlich tauschen sie Neujahresgrüße aus.
Brocken-Benno tike – Sie sind auf dem richtigen Weg!, schrieb er 1999 bei einem seiner Brockenbesuche. Als besonders angenehme Persönlichkeit hat Brocken-Benno auch den ehemaligen sachsen-anhaltischen Ministerpräsident Wolfgang Böhmer sowie den früheren Bundespräsidenten Roman Herzog in Erinnerung. Kanzlerin Merkel ließ ihn bei einer Wahlkampfveranstaltung 2013 in Wernigerode wissen, er sei wohl zu schnell für sie, sie behalte sich aber eine Brockenbesteigung dennoch vor.
Weitere prominente Wegbegleiter Bennos waren u.a. Edmund Steuber, Christian Wulff, Carlo von Tiedemann, Olaf Berger, Hans Kammerlander, Gotthilf Fischer, Gunther Emmerlich und Olaf Berger.
Keinesfalls jedoch möchte sich der bekannte Harzer allein auf den Nimbus als ewiger Brockenbesteiger reduziert sehen: Immer wieder erhebt er seine Stimme, wenn es um die Ausgestaltung des Wandertourismus im Harz geht: Der am 13. Mai 2006 eröffnete Harzer Grenzweg – Wandern am Grünen Band wurde von ihm initiiert (mit Unterstützung durch Harzklub und Nationalpark konnte er verwirklicht werden). Seit 2007 ist er Sonderbotschafter des beliebten Projekts Harzer Wandernadel und setzt sich gegenwärtig für die Verlängerung des Teufelsstiegs bis nach Elend ein, wo er nach Goethes Faust seinen historischen Ursprung hat. 2009 wurde er mit der Ehrennadel des Landes Sachsen-Anhalt geehrt. Nach wie vor bietet Benno auch Gruppenführungen zum Brocken und in dessen Umgebung an.
Wenngleich die beiden Töchter Brocken-Bennos (Susann Müller, 47, Diplom-Bauingenieur) und Annett Koch (45, Diplomlehrer Mathematik / Physik /Informatik an einem Gymnasium) nicht vorhaben, den Rekord ihres Vaters zu brechen, so sind sie doch ebenfalls sportlich: Susann trainiert in einer Laufgruppe, und auch Annett joggt für ihr Leben gern.
Brockenbesteigungen von Brocken-Benno seit 03.12.1989:
100. am 12.02.1992
1.000. am 26.08.1995
2.000. am 19.09.1998
3.000. am 25.08.2001
4.000. am 07.08.2004
5.000. am 22.05.2007
6.000. am 21.05.2010
6.666. am 22.05.2012
7.000. am 22.05.2013
Keine Kommentare zugelassen
Autor: redBrocken-Benno – der einzige Siebentausender im Harz
Internet: www.brocken-benno.de
Am 3.12.1989 saß der Wernigeröder Benno Schmidt bei einer in der Harzstadt stattfindenden Konferenz zur Rettung der DDR. Mit seinen Gedanken aber war der am 22.05.1932 in Bochum geborene, wohl bekannteste Harzwanderer an diesem Tag ganz woanders: Tags zuvor hatte in der Zeitung gestanden, dass der Rat des Kreises die Brockenstraße vom Eckerloch bis hinauf zur die Brockenkuppe damals umgebende Mauer für Wanderer freigibt. Das Neue Forum jedoch gab am selben Tag eine noch viel weitreichendere Parole aus: Wir begnügen uns nicht mit der Brockenstraße. Das Ziel heißt freier Brocken.
Brocken-Benno beschenkte sich zu seinem 75. Geburtstag am 22.05.2007 mit der 5.000. Brockenbesteigung. Heute, am 2.10.2013 steht er zum 7.119. Mal ganz oben - mit mittlerweile 81 Jahren.
Die Bürgerrechtsbewegung rief für den 3.12. zu einer Sternwanderung zum höchsten Harzgipfel auf. Benno Schmidt hielt es unter diesen Umständen nicht auf seinem Stuhl bei der Konferenz in Wernigerode. Er gesellte sich zu den von Schierke hinaufstrebenden, mutigen Enthusiasten. Der auf dem Brocken diensttuende Offizier der Grenztruppen gab den lauten Rufen und dem vereinten Klopfen an die Sperranlagen schließlich nach: Individuell habe er entschieden, zunächst Gruppen von jeweils zehn Personen auf das Plateau zu lassen.
Aber wir waren brockenhungrig und rissen das Tor einfach auf, ließen den Offizier stehen und stürmten den Berg unserer 28-jährigen Träume, beschreibt Benno Schmidt das historische Ereignis. Es war gerade 12:45. Wir tanzten und lagen uns in den Armen, einige weinten vor Freude, sagt er. Von den Soldaten sei zunächst keiner mehr zu sehen gewesen. Nur die auf dem Berg stationierten Rotarmisten hätten die Vorgänge mit entsetzten Staunen beobachtet. Zu fotografieren traute sich Benno am Mauertor noch nicht. Auf der Brockenkuppe verknipste er dann einen ganzen Film. Fünf Stunden später saß er wieder bei der Konferenz in Wernigerode, gerade noch rechtzeitig, um das Schlusswort nicht zu verpassen. Aber so richtig zuhören konnte der Harzer nicht mehr.
Für den Wernigeröder begann im Herbst 1989 wie für alle anderen Noch-DDR-Bürger ein neuer Lebensabschnitt. Der Alltag fast aller Menschen änderte sich grundlegend. Natürlich auch Benno Schmidts Alltag. Er jedoch sollte von nun an vom Wandern dominiert werden, vom Wandern an fast jedem Tag hinauf zum deutschesten aller Berge, zum Berg von Goethes Faust und Heines Harzreise, bis zu 300 Mal im Jahr. Am 22. Mai 2013 bestieg er ihn zum 7.000 Mal. 1997, 1998 und 2000 wurde er durch eine Würdigung im Guinnessbuch der Weltrekorde berühmt. Einholen wird ihn niemand mehr. Um seinen 1.000 Aufstieg herum gaben ihm Freunde den Namen Brocken-Benno, mit dem er für immer in die denkwürdige Geschichte des Berges eingegangen ist.
Der Harzwald und das Wandern liegen dem 81-fährigen seit seiner Kindheit im Blut. Geboren wurde er zwar in Bochum, seine Eltern jedoch stammen aus der bunten Stadt am Harz. In meinem Großvater Friedrich Spott sehe ich mein wichtigstes Vorbild, weil er von früh bis spät arbeitete, weil er mich als Stellmacher im Umgang mit Holz schulte und weil er mich regelmäßig mit hinaus in die Wälder nahm, um Holz zu machen. Von ihm habe ich die Liebe zur Natur, zum Harz und meine handwerklichen Fähigkeiten, sagt er. Im Jahre 1937 stand er als Fünfjähriger gemeinsam mit Friedrich Spott und einem Onkel aus Amerika erstmals dem Brocken. Ich erinnere mich noch, dass ich zwar hoch, aber nicht mehr hinunterlaufen wollte. Der Onkel musste mich auf die Schultern nehmen. Bis zur Sperrung des Gipfels für zivile Besucher am 13. August 1961 schätzt mein Gesprächspartner 60 bis 80 eigene Besteigungen.
Erinnern tut er sich auch an die Bombenabwürfe auf Wernigerode. Rund 200 sollen es gewesen sein. In einer Turnhalle sah er Menschen, die die Angriffe nicht überlebt hatten.
Von 1947 bis 1950 erlernte Benno Schmidt beim Rat des Kreises Wernigerode den Beruf eines Verwaltungsangestellten und studierte anschließend Ökonomie an Fachschulen in Magdeburg und Merseburg. Schließlich wurde er Referatsleiter Planung in der Fachabteilung Handel und Versorgung beim Rat des Kreises Wernigerode. Zwangsläufig trat er in die SED ein. Mit den Worten ‚Wer nicht für uns ist, ist gegen uns, der ist gegen den Frieden und damit für den Krieg‘, begründeten dies die Genossen.
Weil sein Vater Walter Schmidt in der damaligen hessischen Landesregierung in Wiesbaden mitarbeitete, kam er um einen Dienst bei der kasernierten Volkspolizei und der späteren NVA herum. Ich brauchte keine Waffe anzufassen, worin ich eine glückliche Fügung sehe, sagt er. Auf Grund von Kontakten zu einem seiner früheren Lehrer, der die DDR verlassen hatte, erhielt er in den 70er Jahren in ein Disziplinarverfahren mit dem Ergebnis einer strengen Rüge. Vom Rat des Kreises wurde er wegen seiner Westkontakte schließlich zur unerwünschten Person erklärt, fand jedoch bei der Konsumgesellschaft Ilsenburg-Wernigerode eine neue Anstellung als Bereichsleiter. Ihr hielt er bis zur Auflösung des Konsums Anfang der 90er Jahre die Treue.
1992 ging Benno Schmidt zwangsläufig in den Vorruhestand, übte jedoch weiterhin Nebentätigkeiten im Handel aus: Noch bis 2005 räumte er Regale in Supermärkten ein. Bis zu drei Jobs nahm er täglich wahr, weil das Geld knapp war. Zwischendurch fuhr ich nach Schierke und wanderte zum Brocken. Anschließend räumte ich weiter Regale ein, sagt er. Und: Arbeit schändet nicht. Auch war und ist der Kontakt zu anderen Menschen für mich ein Lebensbedürfnis.
Nach der Brockenöffnung am 3.12.1989 war Benno Schmidt auf Grund seines Arbeitsverhältnisses zunächst jedoch nur sonnabends zu seinem Traumgipfel unterwegs. Jeweils sonntags unternahm er Wanderungen mit Aktiven des Harzklubs Bad Harzburg, zum dem bis heute starke freundschaftliche Bande bestehen.
Im April 1990 führte Brockenwirt Hans Steinhoff den Brockenpass ein (siehe in diesem Band), auf dem jeder Brockenbesuch mit einem Stempel dokumentiert wird. Zudem sah ich meist dieselben Menschen, die den Berg regelmäßig, das heißt mindestens einmal pro Woche bestiegen, erklärt er. Dies habe eine Wettbewerbssituation ebenso begünstigt, wie der ebenfalls vom Brockenwirt initiierte Klub der Hunderter, zu dem nur jene Wanderer gehören, die wenigstens 100 Brockenstempel vorweisen können.
Alljährlich im Advent lädt Hans Steinhoff bis heute zum Treff der Brockenelite auf ihrem Hausberg ein. Und dann war da auch noch ein besonders aktiver Brockenbesteiger aus Clausthal-Zellerfeld. Er wanderte augenscheinlich öfter als ich zum Brocken, hielt aber die Zahl seiner Besteigungen geheim. Erst nach seinem 100. Stempel ließ er die Katze aus dem Sack. Zu demselben Zeitpunkt konnte ich erst 60 vorweisen, was mich elektrisierte, denkt er zurück. Und zwar so sehr, dass der spätere Brocken-Benno zeitweilig sogar zweimal täglich seinen Rucksack schnürte, nach Schierke fuhr und meist durch das Eckerloch in Richtung Gipfel stapfte, mitunter sogar bei Nacht. Zwischendurch nahm er seine Nebenjobs in Wernigerode wahr. Um seinem Konkurrenten die Gegenargumentation zu erschweren, ließ er sich die Startzeit in Schierke, die Ankunftszeit auf dem Brocken und die Zeit seiner Rückkehr nach Schierke von Nationalparkranchern bestätigen.
Der Clausthaler Wanderer sah seinen Vorsprung mehr und mehr schrumpfen, so dass er den Klub der Hunderter dafür gewinnen konnte, nur eine Brockenbesteigung pro Tag gelten zu lassen.
Auch die Presse wurde auf den um den Brocken entbrannten Kampf aufmerksam, vor allem auch deswegen, weil er ein Wettbewerb zwischen Ossi und Wessi war: Das Fass zum Überlaufen brachte schließlich ein Fernsehbeitrag, in dem es wörtlich hieß: Während der Wessi schon oben ist, keucht der Ossi immer noch empor. Dieser Satz kam dadurch zustande, dass der Wernigeröder kurz nach seinem Start in Schierke interviewt und gefilmt worden, während der Westdeutsche auf Grund eines früheren Starts bereits oben angekommen war. Hinzu kam noch, dass Benno zu diesem Zeitpunkt tatsächlich noch immer hinter dem Clausthaler zurücklag: 290 zu 310 stand es damals zwischen den beiden. Ich bin der Brockenkönig und bleibe es für alle Zeiten, habe der Westharzer im Fernsehen verkündet und Benno nahm sich nun endgültig vor, ihn vom Tron zu stürzen. – Er wanderte weiterhin fast täglich hinauf.
Der Clausthaler gab schließlich auf. Brocken-Benno ließ seine historischen Vorbilder aus der Vorkriegszeit, den Brocken-Geist und den Brocken-Willy, alsbald hinter sich. Beide standen bis zur kriegsbedingten Aufgabe der Dokumentation bis 1941 500 bzw. 650 Mal auf dem Brockengipfel. Für diese Zeit waren dies großartige Leistungen, zumal diese Wanderer meist von Wernigerode aus starteten, so der Wernigeröder Nach seiner 1.000. Besteigung wurde er gefragt, ob er tatsächlich noch weiter machen würde. Und ob!, sagte sich Benno, denn einen Tag ohne seinen Berg war für ihn kaum noch vorstellbar. Und obwohl er schon längst keinen ernst zunehmenden Verfolger mehr hatte, beschloss er auch nach dem 3.000. Brockenstempel, weiterhin fast täglich hinaufzugehen, also von Schierke aus hin und zurück mindestens 12 Kilometer mit rund 500 Metern im Anstieg. Im langjährigen Mittel erreichte er pro Jahr 333x den Brockengipfel, um sich seinen Stempel zu holen, meist gegen 11 Uhr. Heute, mit über 80, möchte er aller vier Jahre einen neuen Tausender vollmachen.
Mit Rücksicht auf meine Frau Helga und auf mein Alter habe ich die Anzahl meiner Besteigungen etwas reduziert, sagt er. Die meisten Menschen denken, ich bin total kaputt. Das Gegenteil aber ist der Fall: Ich kehre erholt zurück. Meine Frau weiß., dass ich besonders gute Laune habe, wenn ich nach Hause komme. Deswegen toleriert sie meine häufige Abwesenheit. Sonnabends begleitet sie ihren nimmermüden Ehemann übrigens meist zu seinem Hausberg, weil sie den Brocken ebenso liebt, wie er.
Als Beweis möge dienen, dass sie die Brockenkuppe selbst schon mehr als 1.111 mal betrat. Der Rekordhalter selbst bewahrt 202 zugestempelte Brockenpässe (Stand Anfang Oktober 2013) auf. Nach dem Erreichen einer runden Besteigungszahl beginnt er jeweils mit einem neuen Pass. Bis Oktober diesen Jahres bewältigte der bekannteste Harzer rund 96.000 Kilometer insgesamt auf seinen Brockenbesteigungen, was unglaublichen 3,5 Mio. Höhenmetern allein im Anstieg entspricht. Am 3.10.2013 stand er zum 7.120. Mal oben.
Gibt es dennoch Gründe, die den Wernigeröder daran hindern, loszugehen? Er nennt die Wünsche seiner Frau, Urlaub und Verpflichtungen im Harzklub. Die auf dem Brocken häufigen Wetterunbilden sind kein Grund für Benno Schmidt, morgens gegen 9 Uhr nicht in Schierke zu starten. Selbst bei einem halben Meter Neuschnee stapft er das Eckerloch hinauf, oder bei 140 km/h Windgeschwindigkeit. Gelegentlich startet er aber auch in Wernigerode, Ilsenburg, Bad Harzburg oder am Torfhaus.
Eine altersbedingte Grenze sieht Brocken-Benno für seine Besteigungen übrigens nicht. Vorbei sind zwar die Zeiten, an denen er von Schierke zum Brocken nur rund eine Stunde benötigte. Heute ist er meist eine Stunde und 50 Minuten lang bergauf unterwegs. Aber der 81-jährige hat keine letzte Brockenbesteigung konkret geplant. Viel zu sehr genießt er die Begegnungen mit anderen Brockenwanderern (ein wahrer Glücksfall für mich), die ihn um Autogramme und Fotos bitten und denen er Informationen zu Sehenswürdigkeiten und Wandertipps gibt. Viel zu gern auch fordert er seinen Körper.
Nur einen Rückschlag musste er verkraften: Mit 77 erkrankte er an Prostatakrebs, fiel aber gerade einmal für sieben Wochen aus: Eigentlich operieren wir Menschen in Ihrem Alters nicht mehr, machen aber auf Grund Ihrer Fitness eine Ausnahme, ließ man ihn wissen. Während seines 14-tägigen Aufenthaltes im heutigen Nordhäuser Südharz-Klinikum vertrat er sich stundenlang die Füße, um die eingetretene körperliche Schwäche so schnell wie möglich zu überwinden. Der Krebs kehrte nicht zurück. Das lag ganz gewiss auch an den anderen Motivationen, die Benno für seinen Enthusiasmus ins Feld führt: Ich möchte gleichermaßen Vorbild für die Jugend und für Ältere sein. Der jeweils erreichte Rekord verpflichtet mich in gewisser Weise zu immer weiteren Aufstiegen. Und nicht zuletzt sind da der Mythos Brocken und der Name Brocken-Benno. Als letzterer fühle ich mich nur, wenn ich den Brocken besteige, schmunzelt er.
Im Laufe der Jahre fanden sich bekanntermaßen auch zahlreiche Prominente auf dem höchsten Berg Norddeutschlands ein, von denen Brocken-Benno die meisten persönlich kennenlernte: So entstand beispielsweise eine Freundschaft mit Reinhold Messner, der als erster alle 14 Achttausender bestieg. Messner selbst bestieg den Brocken bereits dreimal. Alljährlich tauschen sie Neujahresgrüße aus.
Brocken-Benno tike – Sie sind auf dem richtigen Weg!, schrieb er 1999 bei einem seiner Brockenbesuche. Als besonders angenehme Persönlichkeit hat Brocken-Benno auch den ehemaligen sachsen-anhaltischen Ministerpräsident Wolfgang Böhmer sowie den früheren Bundespräsidenten Roman Herzog in Erinnerung. Kanzlerin Merkel ließ ihn bei einer Wahlkampfveranstaltung 2013 in Wernigerode wissen, er sei wohl zu schnell für sie, sie behalte sich aber eine Brockenbesteigung dennoch vor.
Weitere prominente Wegbegleiter Bennos waren u.a. Edmund Steuber, Christian Wulff, Carlo von Tiedemann, Olaf Berger, Hans Kammerlander, Gotthilf Fischer, Gunther Emmerlich und Olaf Berger.
Keinesfalls jedoch möchte sich der bekannte Harzer allein auf den Nimbus als ewiger Brockenbesteiger reduziert sehen: Immer wieder erhebt er seine Stimme, wenn es um die Ausgestaltung des Wandertourismus im Harz geht: Der am 13. Mai 2006 eröffnete Harzer Grenzweg – Wandern am Grünen Band wurde von ihm initiiert (mit Unterstützung durch Harzklub und Nationalpark konnte er verwirklicht werden). Seit 2007 ist er Sonderbotschafter des beliebten Projekts Harzer Wandernadel und setzt sich gegenwärtig für die Verlängerung des Teufelsstiegs bis nach Elend ein, wo er nach Goethes Faust seinen historischen Ursprung hat. 2009 wurde er mit der Ehrennadel des Landes Sachsen-Anhalt geehrt. Nach wie vor bietet Benno auch Gruppenführungen zum Brocken und in dessen Umgebung an.
Wenngleich die beiden Töchter Brocken-Bennos (Susann Müller, 47, Diplom-Bauingenieur) und Annett Koch (45, Diplomlehrer Mathematik / Physik /Informatik an einem Gymnasium) nicht vorhaben, den Rekord ihres Vaters zu brechen, so sind sie doch ebenfalls sportlich: Susann trainiert in einer Laufgruppe, und auch Annett joggt für ihr Leben gern.
Brockenbesteigungen von Brocken-Benno seit 03.12.1989:
100. am 12.02.1992
1.000. am 26.08.1995
2.000. am 19.09.1998
3.000. am 25.08.2001
4.000. am 07.08.2004
5.000. am 22.05.2007
6.000. am 21.05.2010
6.666. am 22.05.2012
7.000. am 22.05.2013
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