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Menschenbilder (74)

Mittwoch, 11. September 2013, 15:21 Uhr
Im Spätherbst 2013 veröffentlicht der Nordhäuser Autor Bodo Schwarzberg den zweiten, reich bebilderten Band der Buchreihe "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" - wiederum mit rund 200 Texten über Zeitzeugen unserer jüngeren Geschichte...

Karl Joachimi

Handwerksmeister und Inhaber eines Fachbetriebes für Heizung, Lüftung und Sanitär seit mehr als fünf Jahrzehnten und in vierter Generation

99734 Nordhausen


Wer sich heute den Lohmarkt in Nordhausen anschaut, kann sich dessen Bebauung vor der Zerstörung Nordhausens im April 1945 nicht vorstellen. Klempnermeister Karl Joachimi, geboren am 13.01.1931 in der Rolandstadt, zeigt mir das ihm vielleicht wichtigste Foto überhaupt. Abgebildet ist das Geschäft vom Vater meines Gesprächspartners, Carl Joachimi (1902 bis 1985), am Lohmarkt 26: Er hatte das Ladenlokal im Jahre 1917 in seinen Handwerksbetrieb integriert, in demselben Jahr also, in dem er die Firma von seinem Vater Karl Joachimi, d.Ä. übernommen hatte (gest. 1921). Die Bombardierung Nordhausens, bei der der Lohmarkt komplett zerstört wurde, machte einen Neubeginn notwendig. Seit 1945 hat die Firma ihren Sitz in der Freiherr-vom-Stein-Straße.

Bild aus dem Jahr 1927 (Foto: privat) Bild aus dem Jahr 1927 (Foto: privat)
Die Klempnerei Joachimi 1927 am Lohmarkt in Nordhausen

Ihre Wurzeln indes liegen im Jahre 1857, als sich der Urgroßvater meines Gesprächspartners, Albert Joachimi, selbstständig machte. Das Haus Lohmarkt 26 hatte er zuvor von einem Glasermeister erworben.

Anfänglich lag der Schwerpunkt in der Herstellung und im Vertrieb von Küchengeräten. Auch mit Trichtern und Eimern für Brauereien handelte die Familie zunächst. Urgroßvater und Großvater legten auch elektrische Leitungen. Als noch vor den 20er Jahren Gaslampen und Gasheizung begannen, ihren allmählichen Siegeszug anzutreten, bestimmten sie zunehmend auch das Leistungsspektrum der Joachimis. Vereinzelt installierten die Handwerker auch schon Bäder. Aber diese galten damals als Luxus. Nur wenige Menschen konnten sie sich leisten.

Üblich waren zumeist lediglich Ausgussbecken aus Zink, die sich in den Küchen befanden (weiße Wandwaschbecken installierten die Nordhäuser erst ab ca. 1945). Als wirtschaftlich bedeutsam für den Familienbetrieb erwies sich auch der Anschluss Nordhausens an die Kanalisation ab dem Jahre 1911. Jedem Haus den Zugang zum Versorgungs- und Entsorgungsnetz zu verschaffen, führte zu einem regelrechten Boom der Branche.

Beflügelt wurde das Geschäft der Joachimis aber auch durch die Kohlebadeöfen, die in den 20er Jahren aufkamen. Gasbadeöfen erhielten etwa ab den 30er Jahren eine größere Verbreitung.

Für meinen Gesprächspartner gab es zum Klempnerberuf keine Alternative. Schon als Kind übte er sich ab und an im Löten und verbrachte jede freie Minute in der väterlichen Werkstatt. Karl Joachimi trat seine Lehre nach dem Abschluss der Wiedigsburgschule, am 3.4.1945 bei Klempnermeister Steinbach in der Weberstraße an, - bzw. er wollte sie antreten. Denn am selben Tag wurde die Rolandstadt vom ersten verheerenden Bombenangriff heimgesucht und die Werkstatt erhielt einen Volltreffer. Weil auch das Wohnhaus der Familie am Lohmarkt schwer beschädigt worden war, zog sie zu den Großeltern (Familie Karl Joachimi d. Ä.) in die Hohnsteiner Straße.

Nachdem deren Haus beim Angriff vom 4.4.1945 in Schutt und Asche fiel, verließen die Joachimis, wie durch ein Wunder unverletzt, die in Trümmern liegende Rolandstadt in Richtung Rossla, wo sie Unterschlupf bei Verwandten fanden. In demselben Monat kehrte auch der Vater meines Gesprächspartners, Carl Joachimi, unversehrt von der damals bei Gießen gelegenen Front heim. Dass er seiner militärischen Einheit zwei Jahre zuvor nicht nach Stalingrad folgen musste, hatte er dem Nordhäuser Bohrbetrieb H.-Anger & Söhne zu verdanken, der ihn als „kriegswichtig“ immer mal wieder zu einem „Arbeitsurlaub“ ins zivile Leben nach Hause geholt hatte.

Während des Krieges arbeitete der Handwerksbetrieb nicht: „Wegen Einberufung zur Wehrmacht geschlossen“, stand damals auf einem Schaufensterschild.

Die Firma H. Anger & Söhne gewährte Carl Joachimi im Frühjahr 1945 zunächst eine Anstellung. Noch in demselben Jahr gelang es ihm jedoch, das Haus Freiherr-vom-Stein-Straße 53 zu beziehen, in dem er eine neue Werkstatt einrichten konnte. Dort nahm auch Sohn Karl seine unterbrochene Lehre wieder auf. 1953 bezog der Familienbetrieb das Haus Freiherr-vom-Stein-Straße 45 – wegen der größeren Räumlichkeiten und der Möglichkeit für den Vater, dort auch wohnen zu können. „Mein Vater hat nie gesagt, ‚Du musst genauso wie ich Klempner werden‘, aber für mich gab es nie eine Alternative zu diesem Beruf“, sagt mein Gesprächspartner. Den Gesellenbrief besitzt er seit 1948, seinen Meisterabschluss erwarb er im Jahre 1960.

Dass das private Handwerk während der damaligen Zeit eher benachteiligt wurde, erfuhr die Familie z.B. dadurch, dass Vater Carl Joachimi im Jahre 1960 keine Rente erhalten sollte. Der Grund: Er hatte seinen eigenen Sohn angestellt. Daraufhin gründete Karl in demselben Jahr sein eigenes Unternehmen, arbeitete mit seinem Vater jedoch in einer Werkstatt zusammen. Aufträge erhielten die beiden während der DDR-Zeit ausschließlich über das städtische und über das Kreisbauamt.

Dort musste sich jeder Bauherr melden, woraufhin ihm mit etwas Glück Baustoffe zugeteilt wurden. Diese bezogen die Handwerker dann über die Einkaufs- und Liefergenossenschaft ELG bzw. die Arbeitsgemeinschaft der Produktionsgenossenschaften AGP. Sie erfuhren ihrerseits bei den Bauämtern, wo sie als nächstes tätig werden sollten. „Ich sammelte große Mengen an Bauteilen an, wann immer sie zu beschaffen waren, um die irgendwann meist auftretenden Mangelsituationen überstehen zu können“, sagt Karl Joachimi.

Mehrere Jahre lang musste er beispielsweise Zinktafeln sammeln, um eine einzige, kleine Kuppel in Nordhausen decken zu können. Um überhaupt an diese, für sozialistische Verhältnisse relativ große Mengen Buntmetall zu gelangen, beantragte er das Zink für mehrere Aufträge, obwohl das Metall für sie gar nicht benötigt wurde. „Für die Kuppel allein wäre mir niemals die notwendige Menge Zink zugeteilt worden“, erklärt er. Aus heutiger Sicht kurios mutet auch der Bezug einer LKW-Ladung Rostocker Badewannen an, die die Einkaufs- und Liefergenossenschaft im Tausch gegen eine ganze Anzahl begehrter Ventile erhielt.

Die Gründung der ELG in der Garage des damaligen Obermeisters Erich Weißmeyer gehörte zu den wichtigsten und weitreichendsten Meilensteinen zum Erreichen einer einigermaßen stabilen Versorgung der Handwerker mit oftmals rarem Material. An ihr war Karl Joachimi gemeinsam mit anderen privaten Heizungsbauern, Klempnern und Installateuren beteiligt. Später bezog die ELG Räumlichkeiten in der Halleschen Straße 4 (ehemals Spedition Tennecker & Sommer) und dann in der Langen Straße. Die ELG beschaffte über z.T. komplizierte und verschlungene Wege all Jenes, ohne das kein fachgerechtes Handwerk möglich sein konnte. Vieles, z.B. Lötzinn, Benzin für Lötlampen und Karbid, war nur auf Zuteilung erhältlich.

In den 80er Jahren wurde die ELG zerschlagen. Der Nachfolgegesellschaft AGP (Arbeitsgemeinschaft der Produktionsgenossenschaften) gehörten neben privaten Handwerkern auch mehrere Produktionsgenossenschaften des Handwerks (PGH) an.

Schlaflose Nächte bereiteten Carl und Karl Jocahimi die Bestrebungen der staatlichen Institutionen, ihre beiden Betriebe in die PGH zu drängen, womit sie ihre Selbstständigkeit verloren hätten. „‚Wir schaffen das, wir kommen durch‘, sagten wir uns damals und wir sollten recht behalten“, sagt mein Gesprächspartner, der in all den Jahren fast stets allein arbeitete: „Ab und zu beschäftigte ich auch mal einen Gesellen. Lehrlinge hingegen wurden den Privaten kaum zugestanden: Ein einziger kam alljährlich auf alle im Kreis Nordhausen damals ansässigen 32 Handwerksbetriebe meines Gewerks“, sagt er. Ganz allein jedoch hat der Meister aber genaugenommen doch nicht gearbeitet: Denn seit 1960, also seit mehr als 50 Jahren, managt Ehefrau Sonja fachgerecht die Buchhaltung.

Die Wende begrüßte Karl Joachimi sehr. „Ich habe die Teilung nie akzeptiert. Endlich war es auch mit den vielen typisch sozialistischen Vorschriften vorbei“, sagt er.

Andererseits stieg nun die Zahl der Mitbewerber auf den Gebieten Heizung, Lüftung und Sanitär sprunghaft an, denn aus vielen einst volkseigenen Betrieben wurden Handwerker freigesetzt. Handwerklich seien die ostdeutschen Fachleute perfekt gewesen. Aber sie mussten auch viel Neues lernen, denn eine ungeahnte und kaum zu überschauende Materialvielfalt tat sich vor ihnen auf.

Karl Joachimi ist 82 Jahre alt und kann es doch nicht lassen, wie seit mehr als 60 Jahren an fast jedem Tag allmorgendlich in seine Werkstatt zu gehen oder seine Kunden zu besuchen. Ganze Bäder installiert er heute eher selten. Schwerpunkte sind vielmehr der Umbau und die Reparatur von Gasgeräten und das Verlegen von Wasserleitungen.

Für die Zukunft seines Gewerks ist mein Gesprächspartner eher skeptisch: Er glaubt, dass sich die Zahl der entsprechenden Betriebe weiter reduzieren wird, auch, weil sich viele Menschen dem Risiko der Selbstständigkeit nicht aussetzen möchten.

Während seiner Freizeit widmet sich der Nordhäuser mit Vorliebe der Gartenarbeit und seinem Wochengrundstück. Er liest gern handwerkliche Fachbücher und besucht Städte mit einem hohen Anteil an historischer Bausubstanz. Nicht zuletzt fertigt er in der Werkstatt regelmäßig kunstvolle Gegenstände aus Kupferblech an.

Und er hat eine Lebensweisheit von seinem Vater übernommen: „Mit dem Hut in der Hand, kommt man durchs ganze Land“, lautet sie. Sie hat die positiven Auswirkungen von Höflichkeit und Geradlinigkeit zum Inhalt.
Bodo Schwarzberg

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Autor: red

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