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Menschenbilder (73)

Dienstag, 20. August 2013, 06:44 Uhr
Im Spätherbst 2013 veröffentlicht der Nordhäuser Autor Bodo Schwarzberg den zweiten, reich bebilderten Band der Buchreihe "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" - wiederum mit rund 200 Texten über Zeitzeugen unserer jüngeren Geschichte...

Lilo Böhm

frühere BGL- und Betriebsratsvorsitzende im VEB Fernmeldewerk Nordhausen (RFT)

Dass die anerkennende Bezeichnung für Lilo Böhm als „Mutter der Werktätigen“ weit mehr war, als nur eine Floskel, bewies das Ergebnis der geheimen Wahl des Betriebsrates im VEB Fernmeldewerk Nordhausen 1990: Sie erhielt die zweithöchste Stimmenzahl und setzte sich neun Jahre lang für die Interessen ihrer Kolleginnen und Kollegen ein. Die Jahre nach der Wende waren mit sehr tiefen und unausweichlichen Einschnitten für die Belegschaft verbunden: Bis 1999 wurden knapp 800 Arbeitsplätze abgebaut, was, so die am 05.03.1939 in Donaufelden / Pommern Geborene, aus Gründen der Wirtschaftlichkeit unvermeidlich gewesen sei.

„Manche Mitarbeiter glaubten damals, dass ich sie vor diesem Schicksal bewahren könne, was aber nicht in meiner Macht lag. Ich hatte nur noch ein Anhörrecht, aber keine Mitspracherecht mehr, wie als BGL-Vorsitzende zu DDR-Zeiten“, erklärt sie. Dennoch geht sie auch kritisch mit den neuen gesellschaftlichen Verhältnissen ins Gericht: „Die Entlassenen wurden auf dem Arbeitsamt zu einer Nummer degradiert. Das kannten sie aus der Vorwendezeit nicht.“

Lilo Böhm muss es genau wissen. Denn fast 20 Jahre lang, von 1972 bis 1990, vertrat sie die Interessen der Werktätigen im VEB Fernmeldewerk und wirkte danach weitere neun Jahre als Betriebsratsvorsitzende. Jahrelange Erfahrungen befähigten sie zu diesen Funktionen.

In ihrer Geburtsheimat Pommern betrieben ihre Eltern privat Landwirtschaft, der Vater arbeitete im Forst. Noch im März 1945 erhielt er die Einberufung zum Einsatz in dem längst verlorengegangenen Krieg. Wenige Wochen später verlor sich sein Weg. Bis heute gilt er als vermisst. Lilo Böhm, ihre Mutter und ihr Bruder durften noch bis 1947 in Polen bleiben, mussten dann aber ebenso wie Zigtausende vor ihnen die Koffer packen. Sesshaft wurden sie schließlich in Sundhausen.

Nach dem Abschluss der 10. Klasse nahm meine Gesprächspartnerin zum 01.09.1953 im VEB Fernmeldewerk eine Lehre als Mechanikerin auf und damit zu einer Zeit, als der Produktionsschwerpunkt noch bei heute teils wieder schicken Gabeltelefonen lag. „Ich wollte unbedingt einen Metallberuf erlernen, weil er für mich etwas Neues und Ungewohntes beinhaltete. Die Abwechslung durch die verschiedenen Handwerkstechniken beflügelte mein Interesse. Diese Einstellung entsprach meiner grundlegenden Lebenshaltung“, bekennt sie.

Ganz in diesem Sinne wandte sie sich ab 1955 der Elektromechanik zu. Zwischenstationen waren für sie weitere Abteilungen, wie gleich zu Beginn die Spielzeugtelefonfertigung, die Weckerfertigung und jene für die Produktion so genannter Stöckerwecker (Verteilerstationen). Auch wirkte sie in der Reparaturabteilung, wo sie als Brigadierin schließlich Verantwortung für 25 meist weibliche Beschäftigte trug. Spätestens hier musste sie „Aufgaben richtig verteilen“ und deren Erfüllung überprüfen.

Als Sachbearbeiterin war sie später für den Durchlauf der künftigen Telefontasten, von der Materialbereitstellung bis zum Endprodukt, zuständig, was die Einhaltung der Terminabläufe einschloss. Die enge Zusammenarbeit mit allen Brigadieren in den mit der Tastenherstellung befassten Abteilungen bestimmte während dieser Zeit den Arbeitsalltag von Lilo Böhm.

Nach einem Studium beim Kombinat Elektrotechnik/Elektronik in Leipzig von 1959 bis 1961 wurde Lilo Böhm zehn Jahre lang als Normbearbeiter eingesetzt, womit die Notwendigkeit eines besonders guten Verhältnisses zu den Kolleginnen und Kollegen verbunden war. „Es ging darum, sie zur Einhaltung der unabdingbaren Normen anzuhalten. Theoretisch musste ich mit der Stoppuhr hinter den Frauen stehen. Mit Diplomatie oder einigen freundschaftlichen Worten erreichte man aber meist mehr, als mit purem Anweisen“, denkt sie zurück.

Die Mitgliedschaft in der SED ab 1964 begründet die Wahlnordhäuserin mit ihrer Überzeugung, dass der Weg, den der VEB Fernmeldewerk eingeschlagen hatte, der Richtige war. „Damals war für diesen Schritt auch meine Faszination von den vielfältigen Aktivitäten im Jugendbereich entscheidend“, sagt sie. Damit meint Lilo Böhm erlebnisreiche Ausflüge, aber auch die gemeinsame Organisation von Jugendobjekten. Und sie erklärt: „Ich wollte so viel wie möglich mit gestalten und mit bewegen – und vor allem immer nahe bei den Menschen sein.“

Die Frage zur Übernahme des vakanten Postens der BGL-Vorsitzenden im Betrieb wurde während der Bezirksparteischule im Jahre 1971 vom damaligen Kreisvorsitzenden der IG Metall, Horst Schieke, an sie herangetragen. Ausdrücklich wendet sie sich in diesem Zusammenhang gegen die Theorie, dass sie die Parteischule besucht habe, um diesen verantwortungsvollen Posten übernehmen zu können. „Im Gegenteil. Gerade auf Grund der hohen Verantwortung für das wirtschaftliche und soziale Umfeld von mehr als 1.000 Kolleginnen und Kollegen bat ich mir Bedenkzeit aus“, denkt sie zurück.

Das Wohl der Beschäftigten stand laut Lilo Böhm im Zentrum der BGL-Arbeit. Und das bedeutete viel mehr, als „nur“ so manches Problem der Werktätigen an die Betriebsleitung heranzutragen: „Der Betrieb platzte 1971 aus allen Nähten. Viele Pläne im sozialen Bereich standen damals gerade vor der Umsetzung, ein Kindergarten für 180 Kinder in der Hardenbergstraße (noch heute bestehend -B.S.), der Neubau eines Speisesaales für die tägliche Ausgabe von maximal 1.160 Essen, die Modernisierung der Betriebspoliklinik und der Neubau einer Kaufhalle auf dem Betriebsgelände. „Mein Augenmerk lag auf der zügigen Umsetzung all dieser für die Beschäftigten wichtigen Maßnahmen. Hierzu arbeitete die BGL eng mit dem Aufbaustab zusammen“, denkt sie zurück.

Den eingangs erwähnten Titel „Mutter der Werktätigen“ jedoch erarbeitete sich Lilo Böhm vor allem durch die Beschäftigung mit den unmittelbaren Anliegen ihrer Kolleginnen und Kollegen: Wenn sie die körperlich besonders schwer arbeitenden Werkzeugmacher beispielsweise um eine höhere tägliche Milchration ersuchten oder wenn sie der Vater einer Großfamilie auf Grund schwierige Wohnverhältnissen um Unterstützung bat.

Das Wohnraumproblem bezeichnet die damalige BGL-Vorsitzende als die größte Herausforderung. „Wohnungen in Nordhausen im Allgemeinen und Betriebswohnungen im Besonderen waren äußerst knapp. Nicht umsonst hieß es in der DDR ‚Jedem eine und nicht jedem seine Wohnung‘. Der RFT verfügte über ein bestimmtes Wohnungskontingent, jedoch gab es für jede Wohnung fünf Bewerber“, sagt sie. Die Beratungen in der betrieblichen Wohnungskommission, der Lilo Böhm angehörte und die je nach ‚Härte der Fälle‘ über eine Vergabe zu entscheiden hatte, dauerten oft viele Stunden. Auch meine Gesprächspartnerin bewohnte mit ihren vier Kindern anfänglich nur zweieinhalb Zimmer und erhielt erst im August 1975 jene 4-Zimmer-Wohnung in der Hardenbergstraße, in der sie noch heute wohnt.

Hautnahe bei den Problemen der Werktätigen sein, bedeutete für die BGL-Vorsitzende aber auch die Auseinandersetzung mit der mitunter nicht vorhandenen Arbeitsdisziplin einiger Kollegen, wenn diese also z.B. der Arbeit ohne triftigen Grund fernblieben: „Wir haben uns um jeden einzelnen Werktätigen gekümmert. Ihnen wurde je ein Pate zur Seite gestellt und vieles andere unternommen, um die Betreffenden auf den rechten Weg zu bringen“, erklärt sie und beklagt, dass das Individuum und die Bemühung um die Arbeitenden heute oft eine viel zu geringe Rolle spiele.

Im RFT seien sogar frühere, im Rentenalter befindliche Betriebsangehörige stets mit in das gesellschaftliche Leben einbezogen worden: Zu vielen betrieblichen Veranstaltungen wurden sie eingeladen, erhielten zum Geburtstag Präsente, und sie nahmen ganz selbstverständlich an Ausflügen teil. Auch der Anspruch auf einen Ferienplatz in einem der Betriebsferienheime blieb ihnen auf Dauer erhalten.

Dass viele der genannten „sozialpolitischen Maßnahmen“ nicht der wirtschaftlichen Leistungskraft der DDR entsprachen, räumt Lilo Böhm ein. „Der RFT aber schrieb schwarze Zahlen, was ich auch auf unsere Bemühungen im sozialen Bereich zurückführe“, sagt sie. Und sie ist der Meinung, dass man die Menschen vor der Wende in den Westen hätte reisen lassen sollen. Dass die DDR ihre Westgrenze abriegelte, sieht sie als problematisch an.

Zu den Dienstagsdemonstrationen ging die BGL-Vorsitzende nicht, zu groß waren die Anforderungen im Betrieb während dieser Zeit. Ihre Wahl zur Betriebsratsvorsitzenden im Jahre 1990 sieht sie als ehrliche Wertschätzung der von ihr vor der Wende geleisteten Arbeit an. „Rückblickend schätze ich ein, dass mir der Schlängelweg zwischen den Interessen der Arbeitnehmer und der Betriebsleitung gelungen ist“, fasst sie diese neun Jahre zusammen. Dass hunderte Arbeitsplätze abgebaut werden mussten, bezeichnet die Nordhäuserin als hochdramatisch, aber aus den eingangs genannten Gründen als nicht verhinderbar.

Beim Nachfolgebetrieb FMN Communication stehen heute noch rund 33 Menschen in Lohn und Brot. Einige wenige haben die gigantische Entlassungswelle der Nachwendezeit überstanden und gehen auch heute noch wie 1989 in die Grimmelallee zur Arbeit.

Lilo Böhm indes pflegt den Kontakt zu früheren Kolleginnen und Kollegen bis heute. Sich regelmäßig mit ihnen zu treffen, ist ihr ein Herzensanliegen. Sie sieht es mit Stolz, dass ihr früherer Betrieb noch heute besteht. „Es ist schön, was aus den früheren Baulichkeiten gemacht wurde. Der RFT ist nicht, wie so viele andere VEBs, untergegangen“, sagt sie.

Die Freizeit der früheren Betriebsratsvorsitzenden wird natürlich vor allem von ihrer Familie, aber auch vom Lesen bestimmt: Mit Ehemann Siegfried Böhm ist sie seit 1954 glücklich verheiratet. Der Kontakt zu den vier Kindern und vier Enkeln ist für sie besonders wichtig. Sie alle wohnen in Nordhausen.
Bodo Schwarzberg

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Autor: red

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