nnz-online

Waschbären: Fragen und Antworten

Donnerstag, 27. Juni 2013, 19:24 Uhr
In der nnz wurde in den zurückliegenden Tagen "intensiv" über den Umgang mit Waschbären diskutiert. Wir wollen versuchen, mit Hilfe des Deutschen Tierschutzbundes ein wenig Aufklärung zu betreiben...


Was hält der DTSchB von einer Bejagung von Waschbären?

Der Waschbär zählt inzwischen zur einheimischen Fauna und sollte seinen Lebensraum mit uns teilen dürfen. Wir haben die Möglichkeit, ihn zu beobachten und sein Verhalten zu verstehen. Eine Bejagung wird seitens des DTSchB abgelehnt, denn diese ist weder tierschutzgerecht möglich, noch ist sie nachweislich geeignet, die steigende Population zu verringern. Durch umsichtiges Verhalten ist ein friedliches Neben- und Miteinander möglich, ohne dass die Populationen der Tiere völlig unkontrolliert ansteigen.

Verdrängen die Waschbären unsere heimischen Tierarten?

Nein, dies ist ein Argument, was vor allem von der Jägerschaft als Grund für die angebliche Notwendigkeit der Bejagung angeführt wird. Nahrungsanalysen zeigen, dass der Waschbär über ein omnivores und opportunistisches Ernährungsverhalten verfügt und ein breites Nahrungsspektrum nutzt, welches je nach Jahreszeit unterschiedlich ist. Den Großteil der Nahrung machen jedoch immer pflanzliche Bestandteile sowie Weichtiere (z.B. Schnecken), Regenwürmer und Insekten aus. Bei erbeuteten Säugetieren sind es vor allem Mäuse, wohingegen Vögel oder deren Eier nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Fische, Amphibien und Reptilien stehen eher im Frühjahr auf dem Speiseplan, aber auch nur dann, wenn sie überhaupt verfügbar sind. Insgesamt ist der Waschbär eher Sammler als Jäger und greift vor allem auf die Ressourcen zurück, die in großer Anzahl vorhanden sind. Eine Verdrängung oder gar Ausrottung anderer Arten ist bisher weder nachgewiesen, noch zu erwarten. Bisher wurde in keiner wissenschaftlichen Untersuchung ein ernsthafter Prädationsdruck des Waschbären auf heimische Tierarten nachgewiesen.

Gibt es Schäden in der Landwirtschaft?

Waschbären haben eine Vorliebe für Obst (Kirschen, Pflaumen, Weintrauben) und Getreide (Mais) und können zumindest theoretisch Fraßschäden in Obstplantagen, Weinanbaugebieten und landwirtschaftlichen Nutzflächen verursachen. Allgemein hält sich der ökonomische Schaden jedoch in Grenzen, denn die Tiere nutzen ein sehr breites Nahrungsspektrum, es kommt daher nur in Einzelfällen zu Ernteverlusten. Wissenschaftliche Studien gehen davon aus, dass bei uns keine bedeutenden landwirtschaftlichen Schäden zu erwarten sind.

Wie groß ist etwa die gegenwärtige Population an Waschbären in Deutschland?

Der genaue Bestand an Waschbären in Deutschland lässt sich nicht ermitteln, man kann nur schätzen, er liegt aber definitiv im sechsstelligen Bereich. Einige Experten schätzen die Population auf etwa 400.000 Tiere. Da in den letzten drei Jahren von Jägern in Deutschland pro Jahr zwischen 50.000-67.000 Waschbären erlegt wurden, ist das vermutlich realistisch. Mehr werden es aber derzeit eher nicht sein.

Gibt es eine Populationskontrolle? Also, wird etwas gegen die zunehmende Vermehrung unternommen?

Obwohl aus Tierschutzsicht kein Bedarf besteht, die Population einzudämmen und Waschbären keine anderen Tierarten gefährden, werden sie in Deutschland nahezu flächendeckend und ganzjährig bejagt, in den meisten Bundesländern gibt es also nicht einmal eine Schonzeit für Jungtiere oder führende Elterntiere. Dennoch kann die Bejagung ein Ansteigen des Bestandes nicht verhindern.

In welchen Bundesländern werden Waschbären gejagt?

Waschbären sind zwar nicht im Bundesjagdgesetz als jagdbare Tierart aufgeführt, wurden jedoch in fast allen Bundesländern (außer Saarland und Bremen, wo sie bisher aber auch kaum vorkommen) nachträglich als jagdbar eingestuft und haben nun nahezu flächendeckend auch eine ganzjährige Jagdzeit. Selbst Elterntiere werden in einigen Bundesländern nicht geschont, was sonst in der Aufzucht- und Setzzeit bei den meisten Arten üblich ist. Die meisten Waschbären werden dort erlegt, wo die Populationen höher sind als in den übrigen Bundesländern, v.a. in Hessen, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg). Im Jagdjahr 2010/2011 wurden in Deutschland fast 68.000 Tiere erlegt.

Mit welchen Fallen werden die Waschbären gejagt?

Waschbären werden sowohl mit Lebendfallen (z.B. Kastenfallen) gefangen und anschließend durch den Jäger erschossen, es werden jedoch auch Totschlagfallen (z.B. sogenannte Schwanenhals-Fallen oder je nach Bundesland auch „Conibear-Fallen“) eingesetzt, die die Tiere eigentlich unmittelbar töten sollen. Dies ist jedoch mit keiner Totschlagfalle in allen Situationen zu gewährleisten, so dass es gerade bei Waschbären auch immer wieder vorkommt, dass Tiere nicht sofort tot sind bzw. nur verletzt werden und entsprechend lange leiden müssen.

Waschbären sind dafür bekannt, alles mit ihren Pfoten zu ertasten, so dass die Tiere im schlimmsten Fall mit zertrümmerten Gliedmaßen in der Falle hängen, bis sie schließlich von ihrem Leid erlöst werden. Problematisch ist auch, dass die Fallen vorschriftsmäßig in den meisten Bundesländern nur einmal (Totschlagfallen) bzw. zweimal (Lebendfallen) am Tag kontrolliert werden müssen. Aus Tierschutzsicht ist die Fallenjagd daher klar abzulehnen.

Gibt es „Hochzeiten“ bei der Waschbärenvermehrung bzw. bei ihrem Vorkommen, ähnlich wie bei Katzen beispielsweise im Mai oder Igeln im Herbst?

Von "Hochzeiten" der Vermehrung kann man nicht unbedingt sprechen, im Normalfall liegt die Hauptgeburtszeit im April bis Mai. Es gibt allerdings Bundesländer, die weitaus mehr Waschbären beherbergen als andere, allen voran Hessen (wo die Ausbreitung ja begann) sowie weiter östlich Sachsen, Sachsen-Anhalt, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern.

Gibt es Studien, wie sehr die Population von Waschbären zunimmt und gibt es eine Studie, wie sehr Waschbären in Städten verbreitet sind?

Studien zur Populationsentwicklung, zur Nutzung verschiedener Lebensräume und zur Ökologie des Waschbären in Deutschland stecken noch in den Anfängen. Seit mehreren Jahren läuft z.B. ein Projekt im Müritz-Nationalpark, welches bereits interessante und erstaunliche Ergebnisse geliefert hat. Bisher kann man nur über die steigenden Jagdstrecken Anhaltspunkte dafür finden, dass der Waschbär sich weiter ausbreitet und die Population ansteigt.

In vielen Bundesländern kommt er noch nicht oder kaum vor, so dass man mit einer weiteren Zunahme rechnen kann, was aus Tier- und Naturschutzsicht aber grundsätzlich unproblematisch ist. Da Waschbären ursprünglich in Hessen in den 1930er Jahren angesiedelt wurden, sind sie dort in Städten wohl am häufigsten verbreitet, Kassel gilt deutschlandweit als Waschbären-Hauptstadt.
Autor: red

Drucken ...
Alle Texte, Bilder und Grafiken dieser Web-Site unterliegen dem Urherberrechtsschutz.
© 2026 nnz-online.de