Biedermann und die Brandstifter
Mittwoch, 19. Juni 2013, 18:25 Uhr
Die Seniorentheatertruppe Silberdisteln führen in der nächsten Zeit im Theater unterm Dach wieder das Schauspiel Biedermann und die Brandstifter von Max Frisch auf . Als Mitwirkender möchte Dr. Manfred Baumann einige Bemerkungen zu diesem Stück darlegen...
Obwohl der Autor dem Schauspiel noch den Untertitel Ein Lehrstück ohne Lehre hinzufügte, kann man ihm doch recht interessante Zusammenhänge entnehmen, die uns durchaus eine Lehre sein können. Es veranschaulicht recht gut, mit welchen kommunikativen Mitteln es Verbrechern gelingt, Misstrauen und Abwehrhaltungen biederer Bürger zu überwinden.
Die Biedermanns repräsentieren in dem Schauspiel ein gutbürgerliches Ehepaar mit allen Sitten, Gebräuchen und Denkweisen dieser sozialen Schicht. Sie haben ein Dienstmädchen in einem deutlichen Abhängigkeitsverhältnis. Der Herr Betriebseigentümer ist willkürlich-brutal gegen seine Mitarbeiter, wenn es um eigene Besitzstände geht. Im Privaten ist er aber auf Gutanständigkeit und Repräsentation bedacht.
Die Brandstifter nutzen in ihrem Verhalten gerade deren bürgerlich-sozialen Werte des Vertrauens, der Ehrlichkeit, des Mitleids, auch der Angst, um in die sozialen Strukturen einzudringen, Misstrauen zu zerstreuen und ihr zerstörerisches Werk voranzubringen. Das wird an den kommunikativen Techniken der beiden Brandstifter Schmitz und Eisenring vom Autor sehr schön verdeutlicht.
So bewirkt Schmitz, ein kräftiger, ehemaliger Schwergewichtsringer, in kluger Kombination von Angstberuhigung und Angstauslösung, dass er von Biedermann nicht rausgeschmissen wird. Einerseits betont er, keine Arbeit, nur ein bisschen Menschlichkeit zu suchen, andererseits schildert er, wie er Missliebige kurzerhand zur Strecke gebracht hat.
Schmitz nutzt die Anbiederung durch Lob, betont die gute Bewirtung, die er selbst gefordert hat, hebt Biedermanns Menschlichkeit hervor und zeigt sich begeistert, dass Biedermann am Stammtisch betont habe, die Brandstifter solle man alle aufhängen. Das sei das Richtige, er habe Courage. So wird Biedermanns Misstrauen systematisch eingeschläfert. Schließlich gibt er sich mit einem Versprechen, kein Brandstifter zu sein zufrieden, um Schmitz im Haus unterzubringen.
Auch Frau Biedermann wird mit ähnlichen Techniken davon abgehalten, Schmitz rauszuschmeißen. Das Dienstmädchen, das die Abneigung offen zur Schau trägt, wird von ihm als quasi unbarmherzig charakterisiert. Er blockiert so das Anliegen der Frau Biedermann, ihn vor die Tür zu setzen, weil sie natürlich nicht als unbarmherzig gelten will. Schmitz macht sie weich, indem er einerseits vertraulich andererseits sehr gekränkt tut, was in Frau Biedermann das Bestreben auslöst, etwas gut zu machen.
Als Schmitz dann noch die Mär von seiner sterbenden Mutter weinerlich auftischt und in Frau Biedermann Mitgefühl auslöst, hat er gewonnen. Der energische Ansatz, Schmitz rauszuschmeißen, ist verpufft.
Der Brandstifter Eisenring, der sich mit seinen Benzinfässern heimlich in den Dachboden eingeschlichen hat, spielt die Trumpfkarte Wohlanständigkeit aus. So wirft er in der Konfrontation mit Biedermann Schmitz vor, nicht gefragt zu haben, was schlechtes Benehmen bezeuge. Ansonsten verstehe er Biedermann vollkommen. Biedermann wird so verunsichert, dass er, obwohl er mehrfach mit Polizei droht, die Eindringlinge nicht anzeigt, als plötzlich Polizei auftaucht, sondern eine Ausrede bevorzugt, bei der er von den Brandstiftern unterstützt wird.
Den Brandstiftern beiden gelingt es oft, das, was die Biedermanns denken und wollen, direkt anzusprechen, worauf diese aus bürgerlicher Anständigkeit zum Widerspruch verleitet werden: Sie wollen die Polizei rufen; Sie wollen uns rausschmeißen; Sie glauben uns nicht usw. Antwort: Zurückweisung, obwohl sie genau das wollten.
Der Chor (Feuerwehrleute) vertritt die mahnende Stimme des Volkes und konfrontiert Biedermann mit dieser. Der ist aber nun in seiner ängstlichen Unehrlichkeit gefangen und pocht auf seine Freiheit und Unabhängigkeit. Er verdrängt die Gefahr der Brandstiftung und wird immer mehr zum Mittäter der Brandstifter selbst, obwohl die Gefahrensignale immer deutlicher werden. – ein Ergebnis seiner Inkonsequenz. Schließlich versucht er durch Anbiederung der Gefahr zu begegnen.
Er will die Brandstifter zu Freunden zu machen, sie integrieren. Er gibt ein Festessen, macht dabei die Gefahrensignale lächerlich. Um nicht als Spießer zu gelten, buhlt er um Kontakt du Freundschaft, bietet sogar das Du an. Die Brandstifter lassen sich nicht von ihren verbrecherischen Plänen abbringen, sondern teilen sie ihm ganz offen mit. Er liefert in seiner Einfalt ihnen auch noch die Zündhölzer dazu.
Neben den Biedermanns und den Brandstiftern charakterisiert Max Frisch mit der Person des Dr. phil., einer kleinen, aber aussagekräftigen Rolle, eine Gruppe von Intellektuellen, die in gesellschaftlichen Problemsituationen die Gefahren durchschaut, aber nichts dagegen tut, sich nur verbal distanziert, ihre Funktion als Problemklärer und Problemlöser damit verliert. Der Chor kann am Ende nur noch mit dem Klageruf: Wehe uns! reagieren.
Verbrechen werden oft mit ähnlichen kommunikativen Mitteln eingeleitet, dessen sollte man sich beim Betrachten des Schauspiels bewusst werden. Auch eine andere Konsequenz bietet sich an: Menschen, die von Außen in einen Sozialbereich mit dem Ziel eindringen, ihn zu zerstören, sind nicht zu integrieren, sondern nur zu bekämpfen. Der Besuch der Vorstellung wird empfohlen.
Dr. Manfred Baumann
Weitere Vorstellungen: 22.6.; 19,30 Uhr/ 7.7.; 19,30 Uhr/ 11.7.; 16,00 Uhr
Autor: redObwohl der Autor dem Schauspiel noch den Untertitel Ein Lehrstück ohne Lehre hinzufügte, kann man ihm doch recht interessante Zusammenhänge entnehmen, die uns durchaus eine Lehre sein können. Es veranschaulicht recht gut, mit welchen kommunikativen Mitteln es Verbrechern gelingt, Misstrauen und Abwehrhaltungen biederer Bürger zu überwinden.
Die Biedermanns repräsentieren in dem Schauspiel ein gutbürgerliches Ehepaar mit allen Sitten, Gebräuchen und Denkweisen dieser sozialen Schicht. Sie haben ein Dienstmädchen in einem deutlichen Abhängigkeitsverhältnis. Der Herr Betriebseigentümer ist willkürlich-brutal gegen seine Mitarbeiter, wenn es um eigene Besitzstände geht. Im Privaten ist er aber auf Gutanständigkeit und Repräsentation bedacht.
Die Brandstifter nutzen in ihrem Verhalten gerade deren bürgerlich-sozialen Werte des Vertrauens, der Ehrlichkeit, des Mitleids, auch der Angst, um in die sozialen Strukturen einzudringen, Misstrauen zu zerstreuen und ihr zerstörerisches Werk voranzubringen. Das wird an den kommunikativen Techniken der beiden Brandstifter Schmitz und Eisenring vom Autor sehr schön verdeutlicht.
So bewirkt Schmitz, ein kräftiger, ehemaliger Schwergewichtsringer, in kluger Kombination von Angstberuhigung und Angstauslösung, dass er von Biedermann nicht rausgeschmissen wird. Einerseits betont er, keine Arbeit, nur ein bisschen Menschlichkeit zu suchen, andererseits schildert er, wie er Missliebige kurzerhand zur Strecke gebracht hat.
Schmitz nutzt die Anbiederung durch Lob, betont die gute Bewirtung, die er selbst gefordert hat, hebt Biedermanns Menschlichkeit hervor und zeigt sich begeistert, dass Biedermann am Stammtisch betont habe, die Brandstifter solle man alle aufhängen. Das sei das Richtige, er habe Courage. So wird Biedermanns Misstrauen systematisch eingeschläfert. Schließlich gibt er sich mit einem Versprechen, kein Brandstifter zu sein zufrieden, um Schmitz im Haus unterzubringen.
Auch Frau Biedermann wird mit ähnlichen Techniken davon abgehalten, Schmitz rauszuschmeißen. Das Dienstmädchen, das die Abneigung offen zur Schau trägt, wird von ihm als quasi unbarmherzig charakterisiert. Er blockiert so das Anliegen der Frau Biedermann, ihn vor die Tür zu setzen, weil sie natürlich nicht als unbarmherzig gelten will. Schmitz macht sie weich, indem er einerseits vertraulich andererseits sehr gekränkt tut, was in Frau Biedermann das Bestreben auslöst, etwas gut zu machen.
Als Schmitz dann noch die Mär von seiner sterbenden Mutter weinerlich auftischt und in Frau Biedermann Mitgefühl auslöst, hat er gewonnen. Der energische Ansatz, Schmitz rauszuschmeißen, ist verpufft.
Der Brandstifter Eisenring, der sich mit seinen Benzinfässern heimlich in den Dachboden eingeschlichen hat, spielt die Trumpfkarte Wohlanständigkeit aus. So wirft er in der Konfrontation mit Biedermann Schmitz vor, nicht gefragt zu haben, was schlechtes Benehmen bezeuge. Ansonsten verstehe er Biedermann vollkommen. Biedermann wird so verunsichert, dass er, obwohl er mehrfach mit Polizei droht, die Eindringlinge nicht anzeigt, als plötzlich Polizei auftaucht, sondern eine Ausrede bevorzugt, bei der er von den Brandstiftern unterstützt wird.
Den Brandstiftern beiden gelingt es oft, das, was die Biedermanns denken und wollen, direkt anzusprechen, worauf diese aus bürgerlicher Anständigkeit zum Widerspruch verleitet werden: Sie wollen die Polizei rufen; Sie wollen uns rausschmeißen; Sie glauben uns nicht usw. Antwort: Zurückweisung, obwohl sie genau das wollten.
Der Chor (Feuerwehrleute) vertritt die mahnende Stimme des Volkes und konfrontiert Biedermann mit dieser. Der ist aber nun in seiner ängstlichen Unehrlichkeit gefangen und pocht auf seine Freiheit und Unabhängigkeit. Er verdrängt die Gefahr der Brandstiftung und wird immer mehr zum Mittäter der Brandstifter selbst, obwohl die Gefahrensignale immer deutlicher werden. – ein Ergebnis seiner Inkonsequenz. Schließlich versucht er durch Anbiederung der Gefahr zu begegnen.
Er will die Brandstifter zu Freunden zu machen, sie integrieren. Er gibt ein Festessen, macht dabei die Gefahrensignale lächerlich. Um nicht als Spießer zu gelten, buhlt er um Kontakt du Freundschaft, bietet sogar das Du an. Die Brandstifter lassen sich nicht von ihren verbrecherischen Plänen abbringen, sondern teilen sie ihm ganz offen mit. Er liefert in seiner Einfalt ihnen auch noch die Zündhölzer dazu.
Neben den Biedermanns und den Brandstiftern charakterisiert Max Frisch mit der Person des Dr. phil., einer kleinen, aber aussagekräftigen Rolle, eine Gruppe von Intellektuellen, die in gesellschaftlichen Problemsituationen die Gefahren durchschaut, aber nichts dagegen tut, sich nur verbal distanziert, ihre Funktion als Problemklärer und Problemlöser damit verliert. Der Chor kann am Ende nur noch mit dem Klageruf: Wehe uns! reagieren.
Verbrechen werden oft mit ähnlichen kommunikativen Mitteln eingeleitet, dessen sollte man sich beim Betrachten des Schauspiels bewusst werden. Auch eine andere Konsequenz bietet sich an: Menschen, die von Außen in einen Sozialbereich mit dem Ziel eindringen, ihn zu zerstören, sind nicht zu integrieren, sondern nur zu bekämpfen. Der Besuch der Vorstellung wird empfohlen.
Dr. Manfred Baumann
Weitere Vorstellungen: 22.6.; 19,30 Uhr/ 7.7.; 19,30 Uhr/ 11.7.; 16,00 Uhr
