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Menschenbilder (67)

Dienstag, 11. Juni 2013, 06:40 Uhr
Im Spätherbst 2013 veröffentlicht der Nordhäuser Autor Bodo Schwarzberg den zweiten, reich bebilderten Band der Buchreihe "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" - wiederum mit rund 200 Texten über Zeitzeugen unserer jüngeren Geschichte...

Klaus Menge

GELO-RENT Eistechnik, einziger Servicebetrieb für Softeismaschinen aus dem ehemaligen VEB Kältetechnik Niedersachswerfen

Werbefoto (Foto: privat) Werbefoto (Foto: privat) Der "Eisfreezer" EF 10 L/2 auf einem Foto der Leipziger Messe des Jahres 1967. Klaus Menge erhielt es vom ehemaligen stellvertretenden Direktor für Absatz des VEB Kältetechnik Niedersachswerfen.

Hinter der schlichten Typenbezeichnung „LS 30“ verbirgt sich eine Erfolgsgeschichte der DDR-Technik aus dem ehemaligen VEB Kältetechnik Niedersachswerfen. 30.000 Softeismaschinen trugen diese oder ähnliche Bezeichnungen; sie wurden zwischen 1962 und 1992 gebaut. Im gesamten Ostblock gab es keinen weiteren Hersteller. Dass sie auch heute noch, mehr als 20 Jahre nach der Einstellung ihrer Produktion, in vielen, auch anspruchsvolleren Eiscafés im Dauereinsatz sind, verdanken sie ihrer leichten Wartung, ihrer Robustheit und gewiss auch den zu DDR-Zeiten nicht eingebauten, also nicht vorhandenen „Sollbruchstellen“.

Klaus Menge (geb. am 14.10.1958 in Nordhausen) hat großen Anteil daran, dass diese schon historisch zu nennenden Eismaschinen ostdeutschland- und osteuropaweit noch immer verbreitet im Einsatz sind: als Inhaber der Wartungs-, Reparatur- und Handelsfirma GELO-RENT Eistechnik. „Die Tradition der Kältetechnik Niedersachswerfen ist bis heute ungebrochen. Ich setze sie mit GELO-RENT fort und sehe mich als letzten Erbe des Traditionsbetriebes“, sagt er. Heute in der Marktwirtschaft, so sagt er, hätten derart haltbare Eismaschinen keine Chance.

„Die modernen Hersteller möchten ihre Kunden ja nicht erst nach 30 Jahren mit einer neuen Eismaschine beglücken, sondern viel früher. Eine so robuste Eismaschine wie die LS 30 wäre für sie ruinös“, sagt er. Für ihn indes bedeutet sie Existenzsicherung in einer Nische funktioneller Technik.

Der Vater meines Gesprächspartners, Karl-Heinz Menge, war Malermeister und hätte es gern gesehen, wenn Sohn Klaus in seine Fußstapfen getreten wäre. Dieser jedoch begeisterte sich schon frühzeitig viel mehr für alles Technische und absolvierte im VEB Kältetechnik Niedersachswerfen von 1975 bis 1977 eine Lehre zum Kühl- und Klimaanlagenmonteur. Die Berufsschule des zum Kombinat ILKA gehörende Betriebes hieß Ernst Schneller und befand sich im vogtländischen Netzschkau.

„An der Kältetechnik faszinierte mich das Zusammenspiel von Mechanik und Elektrotechnik“, sagt er. Noch heute halten die ehemaligen Kältetechniker zusammen und treffen sich in größeren Abständen.

Zunächst arbeitete Klaus Menge als Kundendienstmonteur und war gemeinsam mit drei Kollegen ständig zu Eiscafés, HO- und Konsumgaststätten sowie Schnellrestaurants in der gesamten DDR unterwegs. Dabei wurde er stets chauffiert. Lösten Kunden einen Auftrag aus, musste der Kältetechniker zunächst einen Antrag auf ein Fahrzeug nebst Fahrer stellen. Irgendwann erhielt er einen Termin, zu dem ein Fahrzeug zur Verfügung stand und der Kunde bekam eine entsprechende Mitteilung.

Auf Grund des Mangels an Ersatzteilen wurden in Niedersachswerfen auch gebrauchte Teile aus Eismaschinen regeneriert. Thermostaten mussten anfänglich für harte Währung aus dem Westen eingeführt werden, Verdichter kamen noch bis zur Wende aus Jugoslawien. 1982 übernahm der Dresdner Kühlanlagenbau den Service aus Niedersachswerfen und mein Gesprächspartner wurde an den Eismaschinenprüfstand verbannt, was ihm eher weniger Freude bereitete.

In den letzten Jahren vor der Wende verschärften sich die Materialprobleme beim VEB Kältetechnik zusehends. „Immer mehr Bauteile mussten wir selbst herstellen, und mitunter ruhte die Eismaschinenproduktion eine ganze Woche lang. Hatten wir die fehlenden Teile irgendwie beisammen, musste unter großem Zeitdruck gearbeitet werden, um die Planvorgaben einzuhalten, was wiederum nicht selten zu Qualitätseinbußen führte“, sagt er. - Jedem im Betrieb sei bewusst gewesen, dass es so, wie bisher, nicht weitergehen konnte.

Entsprechend begrüßte Klaus Menge die Wende. Sie legte, gemeinsam mit den in der Kältetechnik gewonnenen Erfahrungen, den Grundstein für seine Zukunft als Unternehmer.

Im Januar 1990 jedoch kehrte er noch einmal in den Kundendienst zurück und sein Betrieb, nunmehr als Südharz Kälte GmbH firmierend, produzierte weiterhin Eismaschinen. Tiefkühlschränke indes erwiesen sich nicht mehr als konkurrenzfähig. Mit der Währungsunion jedoch stand auch die LS 30-Herstellung vor dem Aus. Der Betrieb suchte fieberhaft, aber letztlich erfolglos nach einem solventen Investor; aber jeder Interessent hielt an seinen eigenen Produkten fest. Zwischen 1992 und 1997 schließlich erfolgte die Liquidation des einstigen Ostblock-Marktführers durch die Treuhand.

Im Zuge der anrollenden Entlassungswelle verlor auch mein Gesprächspartner seinen Arbeitsplatz und entschied sich nach einigen schlaflosen Nächten zum 1.2.1993 für die Selbstständgkeit. „Ich war von der Technik unserer Eismaschinen überzeugt und wusste, dass sie in vielen Unternehmen noch lange in Betrieb bleiben würden. Dass dies aber auch im Jahre 2013 noch verbreitet der Fall sein würde, habe ich damals nicht geglaubt“, bekennt er.

Aber: Nicht nur die Maschinen, sondern auch das von ihnen produzierte Eis ist konkurrenzfähig: Weil es mit weniger Luft, als sonst üblich aufgeschäumt wird, verfügt es über eine festere Konsistenz mit der Folge eines deutlich besseren Geschmacks. „Das mit den alten Maschinen produzierte Softeis schmeckt ganz unverwechselbar nach Osten“, schmunzelt er. So kam es, dass Klaus Menge von Beginn an keinerlei Auftragsmangel zu beklagen hatte. Seine Kunden wohnen sowohl in ganz Ostdeutschland als auch z.B. in Polen und Tschechien. An die ausländischen Unternehmer, meist Eisgrundstoffhändler, liefert er Ersatzteile für die LS 30, die diese dann einbauen.

Heute bestimmt der Handel mit Ersatzteilen und mit gebrauchten Eismaschinen das Gros des Umsatzes. Einige Bauteile, insbesondere aus Kunststoffen, stellt der Salzaer selbst her, andere kauft er in größeren Stückzahlen zu. „Da es außer mir keinen weiteren Dienstleister auf diesem Gebiet gibt, kann ich jeweils größere Stückzahlen bestellen. Nur dadurch ist dies effektiv“, erklärt er. Bereits seit 1993 ergänzt er dieses Hauptsegment durch eine Handelsschiene mit Eisgrundstoffen wie Eispulver, Waffeln, Werbemitteln und Eisfahnen.

Und wie sieht mein Gesprächspartner die Zukunft der DDR-Eismaschinen und damit jene seines Unternehmens? Natürlich sei die Zahl der noch im Betrieb befindlichen Geräte rückläufig. Aber noch gäbe es genügend von ihnen, um ihm eine ausreichende Anzahl an Aufträgen zu sichern. Problematisch seien mitunter die Folgen von Umgehungsstraßen, die zum Schließen so manchen kleinen Imbisses oder Eiscafés in den verkehrsentlasteten Ortschaften führten.

Aber: „Auch heute noch finden die dort ausrangierten, beliebten Eismaschinen aus Niedersachswerfen neue Besitzer, die mich irgendwann einmal anrufen. Darüber staune ich immer wieder“, schmunzelt er. Die älteste, der von ihm gewarteten LS 30 befindet sich übrigens seit 1974 ununterbrochen im Einsatz.

Seit 1997 wird er von Ehefrau Martina im Büro und am Eiswagen unterstützt. Am Eiswagen? Sie haben richtig gelesen: Über einen solchen verfügt GELO-RENT tatsächlich, natürlich unter Einsatz einer LS 30. Ihr Vanille-/Schoko- oder Vanille-/Frucht-Softeis erfreut die Besucher von Stadt- und Dorffesten unserer Region ebenso wie jene anderer öffentlicher Veranstaltungen bis hin zu Traktorentreffen. Auch Klaus Menge steht dann oft persönlich an der Eismaschine.

Im Jahre 1998 führte er Lager und Werkstatt an seinem Wohngrundstück Herreder Straße 2c, Nordhausen, zusammen. (letztere befand sich bis dahin noch in Niedersachswerfen).

Die Freizeit meines Gesprächspartners wird vor allem von seiner technischen Sammelleidenschaft bestimmt: Insbesondere haben es Klaus Menge historische Röhren-Radiogeräte aus den 30er Jahren angetan. Zahlreiche dieser Rundfunkempfänger befinden sich in seinem Besitz. In einem weiteren großen Raum haben mehrere Eismaschinen aus Niedersachswerfener Produktion ihren musealen Platz. Einige präsentierte Klaus Menge im Nordhäuser Tabakspeicher und im Mitteldeutschen Speiseeismuseum Heichelheim bereits der Öffentlichkeit.

Gelegentlich tuckert der technikbegeisterte Salzaer aber auch mit einem seiner beiden, liebevoll restaurierten Traktoren durch die Vorharzregion.

Last but not least, soll auch das schauspielerische Talent meines Gesprächspartners nicht unerwähnt bleiben: 1978 stand er als Statist an der Seite von Erwin Geschonneck vor der Kamera: In dem Kinderfilm „Des kleinen Lokführers große Fahrt“ inmitten der Bitterfelder Braunkohlenbergbaulandschaft. Seine Aufgabe im Film: Er winkt den Insassen eines einfahrenden Zuges zu, als Eisverkäufer im Konditorlook, versteht sich. Vorn auf der Lokomotive stand übrigens Erwin Geschonneck.

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Autor: red

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