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„Wann wir schreiten Seit' an Seit' ...“ (6. Teil)

Donnerstag, 30. Mai 2013, 06:25 Uhr
Die älteste Partei Deutschlands – die SPD – begeht in diesem Jahr ihren 150. Geburtstag. nnz-Autor Hans-Georg Backhaus hat sich mit der Parteigeschichte näher befasst und geht in diesem Teil auf die Spaltung in Ost- und West-SPD, die umstrittene Vereinigung im Osten mit der KPD und das Ringen um Mitgestaltung während der Adenauer-Ära ein...


Unmittelbar nach Kriegsende stand in ganz Deutschland ein gewaltiges Aufbauwerk auf der Tagesordnung. Und noch ehe die Alliierten Siegermächte die Erlaubnis zur Parteiengründung erteilten, hatte die SPD wieder eine Organisationsstruktur aufgebaut. Über 8.000 Ortsvereine gab es Ende 1946 bereits wieder in Deutschland. Im Bereich der westlichen Besatzungszonen übernahm Dr. Kurt Schumacher die Führung der Partei, sein Stellvertreter wurde der Emigrant Erich Ollenhauer.

Anfänglich gab es intensive Überlegungen, Lehren aus der politisch zersplitterten Arbeiterbewegung zu ziehen und eine einheitliche sozialistische deutsche Arbeiterpartei zu gründen unter Einbeziehung der sich ebenfalls im Aufbau befindlichen KPD, auch wenn das Verhältnis zu ihr kompliziert war. Der Ruf nach Vereinigung war in Sachsen und Thüringen besonders stark, entstammten doch Sozialdemokraten und Kommunisten oft dem gleichen Milieu und standen im Widerstand gegen das NS-Regime zumeist Seit' an Seit'.

Mitte Juni 1945 gründete sich im sowjetischen Sektor von Berlin ein sozialdemokratischer Zentralausschuss unter der Führung von Otto Grotewohl mit dem Ziel der Koordinierung der Sozialdemokratie, der in den westlichen Zonen allerdings nicht anerkannt wurde, befürchtete man doch eine starke Abhängigkeit von der sowjetischen Besatzungsmacht. Trotz zahlreicher Gespräche zwischen Schumacher und Grotewohl und Beteuerungen nach Vereinigung - ob nun sofort oder zu einem späteren Zeitpunkt - dauerte es nicht lange, bis die Sozialdemokraten in den drei Westzonen einerseits und in der Ostzone andererseits getrennte Wege gingen.

In vielen Ortsverbänden der KPD und Ortsvereinen der SPD gab es jedoch Verbrüderungen, in deren Ergebnis auf lokaler Ebene vereinigte Arbeiterparteien entstanden (zum Beispiel die Sozialistische Einheitspartei in Braunschweig, die Sozialistische Arbeiterpartei in Köthen und die Partei der Werktätigen in Eisleben). Auch in den Westsektoren Berlins wurden Abstimmungen über eine Zusammenarbeit bzw. Vereinigung zwischen SPD und KPD initiiert. Mehrheitlich stand das „Ja“ für gemeinsame Aktionen, über 80 Prozent sprachen sich jedoch gegen eine vorschnelle Vereinigung aus.

Trotzdem war der Wille nach Vereinigung bei den meisten Sozialdemokraten in Westberlin und den westlichen Besatzungszonen noch eine geraume Zeit deutlich spürbar. Doch im Osten wurden alsbald Nägel mit Köpfen gemacht. Auf einem gemeinsamen Parteitag von SPD und KPD kam es am 21. April 1946 zum symbolischen Händedruck der beiden (ost)deutschen Parteiführer Otto Grotewohl (SPD) und Wilhelm Pieck (KPD). Das Symbol des Händedrucks prägte fortan das Parteilogo der neu gegründeten Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED).

In der 40jährigen Geschichte der am 7. Oktober 1949 gegründeten Deutschen Demokratischen Republik (DDR) gab es fortan keine Möglichkeit mehr, ursprüngliche sozialdemokratische Ideen und Ziele zu entwickeln und umzusetzen, wurde jeglicher Versuch dazu massiv bekämpft. Dieser Zustand sollte sich erst im Spätherbst 1989, also in der Wendezeit, wieder ändern.

Schon bald gab die SPD im Westen die alte „Arbeiter- und Sportkultur“ auf und begann diese durch eine „demokratische Kultur“ zu ersetzen. Nun wurde nicht mehr „auf sozialistische Art“ gewandert, geturnt, getanzt und gesungen. Es war vor allem der aus dem norwegischen Exil heimgekehrte Willy Brandt, der maßgeblich die SPD zu einer den westlichen Pluralismus bejahenden Partei formte. Zur Nachkriegs-SPD stieß eine weitere einflussreiche Persönlichkeit: Herbert Wehner.

Er – einst Spitzenfunktionär der KPD – hatte aber furchtbare Erfahrungen mit dem Stalinismus machen müssen und war deshalb zur SPD gewechselt. Ende der 1940er/Anfang der 1950er Jahre gelangten mehr und mehr Menschen mit unterschiedlichsten Erfahrungen aus dem bürgerlichen Lager zur Sozialdemokratie, sahen sie in dieser Partei doch den besten Garant für den Aufbau einer freiheitlichen sozialistischen Ordnung und einen dauerhaften Frieden.

Zwar nahm die Partei starken Einfluss auf die Ausarbeitung einer vorläufigen Verfassung (Grundgesetz), leistete eine hervorragende Arbeit beim Wiederaufbau Westdeutschlands und setzte sich unaufhörlich für die Einheit des deutschen Vaterlandes ein, doch konnte sie trotz dieses Engagements bei der ersten Bundestagswahl lediglich knapp 30 Prozent der Stimmen erzielen, und auch bei späteren Wahlen reichte es nicht für die Übernahme oder zumindest eine Beteiligung an der Regierungsgewalt. Stets ging die CDU/CSU mit Konrad Adenauer an der Spitze als Wahlsieger hervor.

Dies war u.a. dem Umstand geschuldet, dass ungezählte kleine und große ehemalige Nazis unter Adenauer in den Staatsdienst (Justiz, Polizei, Bundeswehr, Bildungseinrichtungen, Verwaltungen) gelangten und bis weit in die 1960er Jahre keine ernstzunehmende Verfolgung durch die Justiz zu befürchten hatten. Aufgrund des geringen politischen Einflusses war es der SPD nicht möglich, die Wiederaufrüstung Westdeutschlands (beispielsweise die Gründung der Bundeswehr 1955) zu verhindern, für eine gerechte Bestrafung der NS-Täter einzutreten und beim Aufbau der Wirtschaft eine sozialistische Komponente (Verstaatlichung der Grundstoffindustrie und Kontrolle der Finanzmärkte) einfließen zu lassen.

Hinzu kam, dass die gesellschaftspolitischen Zielstellungen der SPD vor allem bei der amerikanischen Besatzungsmacht auf erbitterten Widerstand stießen. Mit der Separat-Staatsgründung hatte die SPD zwar keine Probleme, sah diesen neuen Staat mit der Bezeichnung Bundesrepublik Deutschland (BRD) im Gegensatz zu Adenauer, dem der Satz zugeschrieben wird: „Lieber das halbe Deutschland ganz, als das ganze Deutschland halb“, und seiner CDU/CSU lediglich als ein Provisorium an.

Sie trat für die Schaffung eines parlamentarischen Systems ein, welches die Wiederholung von Fehlern aus der Weimarer Republik sowie obrigkeitsstaatliches Denken und Handeln ausschloss. Doch so sehr die Partei sich auch mühte – sie konnte bis zum Jahre 1966 keine (Mit)Regierungsgewalt erlangen. Der übergroße Teil der westdeutschen Wählerschaft sah in der ständigen Bestätigung der Adenauer-Partei auch einen Garant für die Abkoppelung vom „kommunistischen System“ des Ostens. Zudem ging es mit Hilfe des Marshall-PLanes (großes Wirtschaftswiederaufbau-Programm für Westeuropa) wirtschaftlich stetig bergauf und dies galt es unter allen Umständen zu sichern. Politische Experimente – womöglich gar sozialistische – waren da fehl am Platze. (Wird fortgesetzt).
Hans-Georg Backhaus
Autor: red

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