Wann wir schreiten Seit' an Seit'... (1. Teil)
Donnerstag, 23. Mai 2013, 07:00 Uhr
Die älteste Partei Deutschlands – die SPD – begeht heute am 23. Mai 2013 ihren 150. Geburtstag. Doch wo liegen eigentlich die Wurzeln der deutschen Sozialdemokratie? Und hatte die heutige SPD schon von Anfang an diesen Namen? nnz-Autor Hans-Georg Backhaus hat sich mit der Parteigeschichte näher befasst...
Bis heute gibt es unterschiedliche Auffassungen darüber, welches Ereignis als die eigentliche Geburtsstunde der Sozialdemokratie in Deutschland betrachtet werden kann. So sehen manche die Märzrevolution von 1848, die anfänglich vom Bürgertum initiiert und erst später von Handwerksgesellen und Arbeitern weiter getragen wurde und in deren Folge im September des selben Jahres der erste Arbeiterzusammenschluss mit der Bezeichnung Allgemeine Deutsche Arbeiterverbrüderung entstand, als Ausgangspunkt an, auch wenn diese Organisation alsbald wieder verboten wurde.
Andere Historiker verweisen jedoch vehement auf die unter der Führung von Ferdinand Lassalle (1825 - 1864) betriebene Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) 1863 im Pantheon in Leipzig. Kein geringerer als der deutsche Philosoph Karl Marx sagte damals, dass dieser Ferdinand Lassalle nach fünfzehnjährigen Schlummer (…) die Arbeiterbewegung wieder wachgerufen habe.
Und schließlich steht noch ein drittes Datum im Raum: 1869 – Eisenach. In der Stadt unterhalb der Wartburg fand unter maßgeblicher Beteiligung von August Bebel (1840 - 1913) und Wilhelm Liebknecht (1826 – 1900) im Goldenen Löwen der Gründungskongress der ersten deutschen Partei statt, die sich den Namen Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) gab. Schon wenig später hatte diese Partei über 10.000 Mitglieder, bewarb sich um Sitze im Parlament und forderte u.a. die Errichtung des freien Volksstaates, das gleiche allgemeine und direkte Wahlrecht, eine gesetzlich geregelte Höchstarbeitszeit, die Abschaffung der Kinderarbeit und die allgemeine Schulpflicht.
Somit bestanden zwei politische Arbeiterorganisationen – die Lassalleaner (ADAV) und die Eisenacher (SDAP) – nebeneinander. In vielen Zielsetzungen war eine erkennbare Übereinstimmung auszumachen, vor allem was die Analyse des Zustandes betraf, in dem sich die deutschen Arbeiter- und Handwerkerfamilien befanden und beim Aufzeigen von Wegen, sie aus dem Elend zu erlösen. Dafür traten die unterschiedlichen Auffassungen in der nationalen Frage um so deutlicher hervor. Der ADAV plädierte für ein Deutschland unter preußischer Führung, während sich die Anhänger der SDAP für eine großdeutsche Lösung stark machten. Beide Parteien sahen sich anfangs der 1870er Jahre als scharfe Konkurrenten an, arteten provozierte Aufeinandertreffen ihrer Anhänger nicht selten in Krawallen aus.
Durch die Reichseinigung von oben - maßgeblich vorangetrieben von Reichskanzler Otto von Bismarck 1871 - wurde die nationale Frage zu Gunsten Preußens gelöst. Doch die Bismarcksche Republik wollten beide Arbeitergruppierungen nicht. Nach dem Tode Lassalles und der vollzogenen Reichsgründung hatten sich die Kontroversen erübrigt, wurden die ideologischen Streitigkeiten im Laufe des Jahres 1873 endgültig beigelegt. Das war auch deshalb schon notwendig geworden, weil sich die organisierte Arbeiterschaft immer stärker werdenden staatlichen Repressalien ausgesetzt sah. Um den wachsenden Druck auf Dauer widerstehen zu können, gab es nur eine Lösung: Vereinigung.
Diese kam schließlich auf dem gemeinsamen Parteitag vom 23. bis 27. Mai 1875 im Tivoli in Gotha zustande. Die insgesamt 130 Delegierten (74 vom ADAV und 56 von der SDAP) gaben sich den Namen Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD). Unter der Führung von Wilhelm Liebknecht entwarfen sie ein neues Parteiprogramm, das nach ausgiebiger Diskussion einstimmig beschlossen wurde. Jedoch der Umstand, dass die Delegierten nicht den reinen Lehren des Kommunismus folgten, veranlasste Karl Marx zu einer vernichtenden Kritik am Parteitag und seinen Beschlüssen. (Wird fortgesetzt).
Hans-Georg Backhaus
Autor: redBis heute gibt es unterschiedliche Auffassungen darüber, welches Ereignis als die eigentliche Geburtsstunde der Sozialdemokratie in Deutschland betrachtet werden kann. So sehen manche die Märzrevolution von 1848, die anfänglich vom Bürgertum initiiert und erst später von Handwerksgesellen und Arbeitern weiter getragen wurde und in deren Folge im September des selben Jahres der erste Arbeiterzusammenschluss mit der Bezeichnung Allgemeine Deutsche Arbeiterverbrüderung entstand, als Ausgangspunkt an, auch wenn diese Organisation alsbald wieder verboten wurde.
Andere Historiker verweisen jedoch vehement auf die unter der Führung von Ferdinand Lassalle (1825 - 1864) betriebene Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeitervereins (ADAV) 1863 im Pantheon in Leipzig. Kein geringerer als der deutsche Philosoph Karl Marx sagte damals, dass dieser Ferdinand Lassalle nach fünfzehnjährigen Schlummer (…) die Arbeiterbewegung wieder wachgerufen habe.
Und schließlich steht noch ein drittes Datum im Raum: 1869 – Eisenach. In der Stadt unterhalb der Wartburg fand unter maßgeblicher Beteiligung von August Bebel (1840 - 1913) und Wilhelm Liebknecht (1826 – 1900) im Goldenen Löwen der Gründungskongress der ersten deutschen Partei statt, die sich den Namen Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP) gab. Schon wenig später hatte diese Partei über 10.000 Mitglieder, bewarb sich um Sitze im Parlament und forderte u.a. die Errichtung des freien Volksstaates, das gleiche allgemeine und direkte Wahlrecht, eine gesetzlich geregelte Höchstarbeitszeit, die Abschaffung der Kinderarbeit und die allgemeine Schulpflicht.
Somit bestanden zwei politische Arbeiterorganisationen – die Lassalleaner (ADAV) und die Eisenacher (SDAP) – nebeneinander. In vielen Zielsetzungen war eine erkennbare Übereinstimmung auszumachen, vor allem was die Analyse des Zustandes betraf, in dem sich die deutschen Arbeiter- und Handwerkerfamilien befanden und beim Aufzeigen von Wegen, sie aus dem Elend zu erlösen. Dafür traten die unterschiedlichen Auffassungen in der nationalen Frage um so deutlicher hervor. Der ADAV plädierte für ein Deutschland unter preußischer Führung, während sich die Anhänger der SDAP für eine großdeutsche Lösung stark machten. Beide Parteien sahen sich anfangs der 1870er Jahre als scharfe Konkurrenten an, arteten provozierte Aufeinandertreffen ihrer Anhänger nicht selten in Krawallen aus.
Durch die Reichseinigung von oben - maßgeblich vorangetrieben von Reichskanzler Otto von Bismarck 1871 - wurde die nationale Frage zu Gunsten Preußens gelöst. Doch die Bismarcksche Republik wollten beide Arbeitergruppierungen nicht. Nach dem Tode Lassalles und der vollzogenen Reichsgründung hatten sich die Kontroversen erübrigt, wurden die ideologischen Streitigkeiten im Laufe des Jahres 1873 endgültig beigelegt. Das war auch deshalb schon notwendig geworden, weil sich die organisierte Arbeiterschaft immer stärker werdenden staatlichen Repressalien ausgesetzt sah. Um den wachsenden Druck auf Dauer widerstehen zu können, gab es nur eine Lösung: Vereinigung.
Diese kam schließlich auf dem gemeinsamen Parteitag vom 23. bis 27. Mai 1875 im Tivoli in Gotha zustande. Die insgesamt 130 Delegierten (74 vom ADAV und 56 von der SDAP) gaben sich den Namen Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands (SAPD). Unter der Führung von Wilhelm Liebknecht entwarfen sie ein neues Parteiprogramm, das nach ausgiebiger Diskussion einstimmig beschlossen wurde. Jedoch der Umstand, dass die Delegierten nicht den reinen Lehren des Kommunismus folgten, veranlasste Karl Marx zu einer vernichtenden Kritik am Parteitag und seinen Beschlüssen. (Wird fortgesetzt).
Hans-Georg Backhaus
