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Menschenbilder (65)

Dienstag, 21. Mai 2013, 07:09 Uhr
Im Spätherbst 2013 veröffentlicht der Nordhäuser Autor Bodo Schwarzberg den zweiten, reich bebilderten Band der Buchreihe "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" - wiederum mit rund 200 Texten über Zeitzeugen unserer jüngeren Geschichte...

Dieter Jürgens

ehemaliger Kreisvorsitzender des DTSB
Initiator und langjähriger Präsident des LV Altstadt 98‘ Nordhausen


Dieter Jürgens nennt sie „Kinder der Spartakiadebewegung“ und meint damit jene Teilnehmer Olympischer Spiele, deren sportliche Wurzeln in einem Nordhäuser Sportverein angesiedelt sind. Johanna Schaller gewann bei den Olympischen Spielen 1976 in Montreal die Goldmedaille im Hürdensprint und die Geräteturnerin Gitta Escher holte mit ihrer Mannschaft Bronze. Die Olympischen Spiele in Moskau von 1980 wurden zum Erfolg für den Nordhäuser Hürdenläufer Volker Beck (Jürgens: „ein echter Nordhäuser Junge“)

Mein Gesprächspartner (geb. am 03.10.1931 in Nordhausen) kannte diese Athleten genau, und er hatte an ihren Erfolgen gemeinsam mit Trainern und anderen Sportfunktionären einen großen Anteil: Denn von 1964 bis 1989 war er Kreisvorsitzender des DTSB und galt zuletzt als der Dienstälteste der DDR in dieser Position. Der gesamte Breiten- und Leistungssport im Landkreis wurde von ihm wesentlich mit geprägt und strukturell an die jeweiligen Erfordernisse angepasst.

Wie so oft bei Menschen, die ihr Leben dem Sport widmeten, wurde diese Leidenschaft auch bei Dieter Jürgens durch den Fußball geweckt. Ab 1940 kickte er bei Wacker 05 unter dem damaligen Trainer Willy Schönleiter. Dieser Sport sollte ihn zunächst bis zum Ende des Krieges begleiten.

Noch im November 1944, also als gerade einmal 13-jähriger, musste er im Riesenhaus zur Musterung antreten, wurde jedoch für noch zu klein befunden und kam so glücklich um den möglichen Tod an der Front herum. Als Nordhäuser Kind, das in der Hans-Lody-Straße (heute Friedrich-Ebert-Straße) aufwuchs, blieben ihm die Schrecken des Krieges dennoch nicht erspart: Als ob die Sirenen gerade erst ertönt wären, erinnert er sich an den „Feindalarm“ vom 03. April 1945, als die US-Truppen nur noch 50 Kilometer vor der Rolandstadt standen.

„Schon vor dem ersten Angriff brach das öffentliche Leben in Nordhausen zusammen. Die Menschen waren von Angst und großer Apathie erfasst. Die Bomben vom 3. April trafen Feuerwehr, Technischen Notdienst und das Krankenhaus, so dass kaum noch Hilfe zu erwarten war“, denkt er zurück. Viele Menschen hätten daher nicht aus den Kellern und Bunkern gerettet werden können.

Den noch viel schwereren Angriff vom 04. April erlebte Dieter Jürgens im „Felsenkeller“, einem Bunker unter dem Gehege an der heutigen Ecke Beethovenring/Wallrothstraße. Obwohl die meisten Bomben etwas entfernt niedergingen, habe „der Berg gebebt“. Nach der Zerstörung ihrer Stadt flüchteten viele Überlebende in die Stollen des in Auflösung befindlichen KZ Mittelbau-Dora und wurden auf dem Weg dorthin von Tieffliegern beschossen. Auch die Familie von Dieter Jürgens lebte mehrere Tage lang im Kohnstein. Als er gemeinsam mit einem Freund von einem der noch arbeitenden zwei Salzaer Bäcker Brot holen wollte, wurden auch sie aus der Luft beschossen.

Ab Herbst 1945 konnte der junge Dieter wieder die Schule besuchen. Zwischen 1948 und 1951 absolvierte er eine Lehre im Geschäft für Bürobedarf von Ernst Siebold in der Nordhäuser Bahnhofstraße. Im Jahr seines Berufsabschlusses als Kaufmann begann er, sich ehrenamtlich im Sport zu engagieren; mit einer Zeiss Icon hielt er fortan das sportliche Leben von Motor Nordhausen West im Auftrag des Vereins fest, nachdem Wacker 05 aufgelöst worden war.

Maßstäbe setzte er zudem als Mitinitiator und Redakteur des Vereinsblattes „Motor-Fußball-Echo“, das im Geschäft seines Lehrmeisters Siebold gedruckt wurde. 50 Ausgaben erschienen bis Ende der 50er Jahre unter seiner Regie, jeweils mit der Ergebnissen der Spieltage und allen, die Fangemeinde interessierenden Informationen rund um Motor Nordhausen West.

Immer größer wurde sein Engagement für den Verein: 1951 übernahm er die Position des Geschäftsführers, sechs Jahre später wählten ihn die Mitglieder zum Vorsitzenden ihrer Betriebssportgemeinschaft (BSG), die, so Dieter Jürgens, die mitgliederstärkste und hinsichtlich der angebotenen Sportarten am breitesten aufgestellte BSG des Kreises Nordhausen war.

Interessant und vielfach unbekannt dürfte die Tatsache sein, dass er mit Fußballern des Vereins mehrfach zu Spielen in die damalige BRD reisen durfte: „Man ließ das zu, weil ich stets alle Spieler wieder mit nach Hause brachte“, schmunzelt er.

Großen Wert legte er aber auch auf den Aufbau und die Pflege internationaler sportlicher Kontakte, so vielfach zu Vereinen Südost-Europas, von der Tschechoslowakei bis nach Bulgarien. In den 50er Jahren qualifizierten sich die Fußballer von Motor zeitweise sogar für die Erste Liga, die sich an die DDR-Oberliga als zweithöchste Spielklasse anschloss. Zu den größten Erfolgen rechnet er das Erreichen der „Übergangsrunde“ 1955 als Zweitplatzierte in einer Gruppe mit Spitzenmannschaften wie Wismut Aue, Chemie Leuna Halle und SC Carl-Zeiss Jena.

Bis 1963, dem Jahr des Studienbeginns an der Bezirks-Parteischule Erfurt, führte Dieter Jürgens die BSG Motor West. In die Partei, so betont er, sei er förmlich „hineingetrieben“ worden. Ohne diese Mitgliedschaft hätte er seine Visionen auf dem Gebiet des Sports andererseits niemals umsetzen können.
Als vorteilhaft für die mitgliederstärkste BSG Motor West sollte sich auch die Übernahme der BSG Motor Mitte mit ihren Sektionen Kegeln und Tischtennis, der Sektionen Boxen und Ringen von der BSG Empor (siehe auch Text Stief in diesem Band) und der Sektion Tennis von der BSG Medizin erweisen. „Die Zusammenführungen waren nicht einfach, aber u.a. finanziell sehr sinnvoll“, betont Dieter Jürgens.

Auf Grund all der genannten Erfolge wurde mein Gesprächspartner 1964 zum DTSB-Kreisvorsitzenden ernannt. „Ich wurde dazu zwangsverpflichtet“, erklärt er, entschied sich aber dann, anderen Angeboten zu widerstehen, so z.B. jenem für den Vorsitz des Oberliga-Vereins Rot-Weiß Erfurt. „Ich wollte in Nordhausen bleiben, weil meine Ehefrau Helga am Altentor ein Tabak- und Spirituosengeschäft führte, das sie von ihren Eltern übernommen hatte“, erklärt er. Dieses befand sich ursprünglich am Lutherplatz gegenüber dem Riesenhaus. 1945 wurde es ein Opfer britischer Bomben.

Unter Dieter Jürgens entwickelte sich die Kreisorganisation des DTSB zu einer der leistungs- und mitgliederstärksten im damaligen Bezirk Erfurt. Dies basierte, so der Nordhäuser, auf der Neugründung von Betriebssportgemeinschaften, auf der Erweiterung des Spektrums der Sportsektionen, zugleich aber auch auf der Benennung und auf dem Ausbau der sportlichen Schwerpunkte, insbesondere des Kegelns, der Leichtathletik, von Tischtennis und Fußball, jeweils mit den entsprechenden Trainingszentren (acht insgesamt) und deren Leitung.

Wie effektiv dieser Strukturausbau war, zeigte sich auch in den bereits erwähnten Nordhäuser Olympiateilnehmern. Dieter Jürgens erwähnt weiterhin Leistungssportler, die die Kinder- und Jugendsportschule der Kreisstadt durchliefen, und, wie Peter Frenkel (Leichtathletik) und Bernd Germershausen (Bobsport) bei internationalen Wettbewerben herausragende Leistungen erbrachten.

Zu den genannten Erfolgen trug aber ganz gewiss auch der Ausbau der Sportstätten als ein Schwerpunkt bei: Unter dem Vorsitz des DTSB-Kreisverbandes wurde unter anderen die Wertherhalle „wieder einer sportlichen Nutzung zugeführt“ und in der Geseniusstraße das „Haus des Sports“ etabliert: Hier entstanden Übernachtungskapazitäten mit 35 Betten, ein Saal, der u.a. zum Boxtraining genutzt wurde, ein Klubraum und ein „Methodisches Kabinett“ (=“Kleines Museum“). Im Hause seien zudem eine sportmedizinische Praxis eingerichtet worden sowie im Keller ein Sozialtrakt u.a. mit Sauna und Unterwassermassage. Nicht zuletzt erwähnt der frühere Nordhäuser Sportfunktionär die Vierbahnen-Kegel- sowie der Kleinsportanlage in der Rothleimmühle.

Auch in Sollstedt, Bleicherode und Niedersachswerfen wurden moderne Vierbahnenanlagen mit Automatikaufstellung der Kegel gebaut. Übrigens entstammt auch das Hallenschwimmbad in Sollstedt einer Jürgensschen Initiative. Die Etablierung eines selbstständigen Sportstättenbetriebes zur Wartung und Pflege der vielen Anlagen erwies sich in der Folge als eine unbedingte Notwendigkeit.

Dieter Jürgens betont, dass er höchsten Wert auf den Ausbau des ehrenamtlichen Sportengagements legte, und zwar sowohl in den Sektionsleitungen, als auch in den Trainingszentren. „Nur durch unsere zahlreichen ehrenamtlichen Aktiven konnte uns der Ausbau des Kinder- und Jugendsports mit den entsprechenden positiven Ergebnissen gelingen“, betont er.

Von der obersten Führung des DTSB wurde der Nordhäuser Kreisverband übrigens mehrmals beauftragt, Studiendelegationen aus verschiedenen Ländern zu betreuen, so aus Schweden, Bulgarien, Frankreich und Mozambique.

Die Wende brachte, so Dieter Jürgens, aus Sicht des Sportes, nicht nur Erfreuliches. Viele Sportstätten seien aufgegeben worden, so die Reitsportanlage Krimderode und die Sporthalle nebst Imbiss in der Paul-Ernst-Straße. Das Klubhaus am Albert-Kuntz-Sportpark sei leider nicht wieder an den Verein zurückgeführt worden. Weiterhin beklagt er die fehlende bzw. im Vergleich mit DDR-Zeiten zu geringe Sportförderung und den Umgang mit dem DTSB. „Bevor sie das MfS aufgelöst haben, haben sie den DTSB aufgelöst und die Organisation als ‚staatsnah‘ betrachtet“, kritisiert er.

1997 wurde an Dieter Jürgens der Wunsch herangetragen, die Auflösung des damaligen Eisenbahnersportvereins verhindern zu helfen. Unter anderem gemeinsam mit Helmut Bornkessel betrieb er in der Folgezeit die Neugründung eines Vereins unter Einbeziehung von Teilen des Eisenbahnersportvereins.

Die beiden wurden dabei auch von Geschäftsleuten der Altstadtinitiative unterstützt. Das Ergebnis der Bemühungen hieß im Juli 1998 LV Altstadt `98 e.V., dessen Vorsitz Dieter Jürgens bis Februar 2013 innehatte.

Unter seiner Führung entwickelte sich der Verein bis heute zum hinsichtlich der Mitgliederzahlen zweitgrößten Nordhausens (über 500). Als wesentlichen Erfolg der gemeinsamen Arbeit benennt mein Gesprächspartner die erfolgreichen Bemühungen zum Ausbau der Turnhalle Sangerhäuser Straße zur Vereinssporthalle inklusive einer kleinen Sportbuchsammlung und eines Fahnenkabinetts.

Unter seiner Leitung wurde der LV Altstadt `98 zweimal als vorbildlicher Verein auf dem Gebiet des Kinder- und Jugendsports geehrt - als einziger im Landkreis. „Die Erfolge des Vereins beruhen wesentlich auf der Anwendung von Erkenntnissen aus dem DDR-Sport“, betont Dieter Jürgens.

Aber auch Dieter Jürgens durfte zur Würdigung des von ihm auf dem Gebiet des Sports Geleisteten mehrfach hohe Auszeichnungen entgegennehmen: Besonders gern erwähnt er hier die Ernennung zum Leiter des Friedensfahrt-Etappenortes Erfurt im Jahre 1962, wobei die IGA-Metropole den zweiten Platz unter allen Etappenorten des Jahres belegte. Zudem erhielt er die Friedrich-Ludwig-Jahn-Medaille als höchste Ehrung des DTSB und 2013 die Guts-Muths-Medaille des LSB Thüringen in Silber.

Seit 1952 ist Dieter Jürgens mit Helga Jürgens verheiratet. Vor einem Jahr feierte das Paar die Diamantene Hochzeit. Die Kinder der beiden heißen Klaus, Martina, Frank und Carsten.

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Autor: red

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