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„Erlkönigs Tochter“ von Sarah Kirsch

Dienstag, 23. April 2013, 06:26 Uhr
Am 16. April hatte Sarah Kirsch ihren 78. Geburtstag. Seit der Eröffnung ihres Geburtshauses in Limlingerode im Jahr 2002 als „Dichterstätte“bieten die Mitglieder des Fördervereins immer im April ein Sarah-Kirsch-Programm an. Heidelore Kneffel mit einer Einladung...


Es krächst der Dunkelheit Rune (Foto: Archiv Kneffel) Es krächst der Dunkelheit Rune (Foto: Archiv Kneffel) In diesem Jahr am Samstag, dem 27. April 2013, ab 14.30 Uhr. Sarah Kirschs Gedichtband „Erlkönigs Tochter“ steht im Mittelpunkt. Man denkt an Johann Wolfgang Goethes Ballade „Erlkönig“, Aber noch vor ihm veröffentlichte Johann Gottfried Herder in seiner Volksliedsammlung die dänische Volksballade „Erlkönigs Tochter“.

Diese wurde 1777 von ihm aus dem Dänischen ins Deutsche übertragen. Dabei hat er den „Elverkonge“ als „Ellerkong“ übersetzt. So wurde aus dem „Elfenkönig“ der „Erlkönig“. Ein Herr Oluf reitet, um seine Hochzeitsleute aufzubieten. Da tanzen die Elfen und umgarnen ihn. Erlkönigs Tochter bietet ihm Verlockendes an. Er widersteht und reitet weiter, so dass ihn die schöne Elfe verwünscht. Seine Braut kann ihn nur tot in ihre Arme schließen. Man entdeckt, wie Goethe den Stoff verändert, ohne die Grundaussage zu verändern.

Die in diesem Jahr in Limlingerode vorgetragenen Gedichte Sarah Kirschs entstanden Anfang der 1990er Jahre. Sie wohnt in Schleswig Holstein, die Nordsee und die nordischen Länder sind nah, zu denen sie eine Sehnsucht hat.

Am 2. Januar 1992 werden die ersten Stasi-Akten freigegeben. Zu denen, die gleich anfangs Einsicht nehmen können, gehört Sarah Kirsch. Damals erfährt man von ihr: „Ein 'IM' von mir ist 'Hölderlin'. Und welches Schwein sich hinter 'Hölderlin' verbirgt, das möchte ich wissen!“ Dass der Name eines ihrer Lieblingsdichter so missbraucht wurde, setzte ihr zusätzlich zu.

In diesem Jahr werden die kleinformatigen Aquarelle der Dichter-Malerin Sarah Kirsch in der Hamburger Galerie Hoeppner unter dem Titel „Besonderheiten“ ausgestellt. Für ihren im selben Jahr erscheinenden Gedichtband „Erlkönigs Tochter“ wird sie 1993 mit dem Peter-Huchel-Preis ausgezeichnet und sie erhält außerdem den erstmals vergebenen Literaturpreis der Konrad-Adenauer-Stiftung in Weimar. Eine Berufung an die Berliner Akademie der Künste lehnt sie mit der Begründung ab, diese sei eine „Schlupfbude“ für ehemalige Staatsdichter und Stasi-Zuträger. So verwundert es nicht, dass eines der ersten Gedichte des Bandes „Mauer“ heißt. Mutter und Sohn sahen sie nach ihrer Ausreise 1977 nach Westberlin von ihrer „bunten“ Seite.

Die Mehrzahl der Verse von „Erlkönigs Tochter“ sind in folgender Stimmung gehalten: „Die Bruchweide jammert im Wind.“ „Wir warten auf eine Erscheinung. / Wir sammeln uns unter der / Beschwörenden Eiche …“ In der Laudatio für den Huchelpreis heißt es: „Der Titel ist zauberhaft, in jeder Bedeutung dieses Wortes. Er hat einen Zug ins Dämonisch-Verführerische und verführt auch zum Lesen. 'Zaubersprüche' hieß ein früherer Band, und auch Titel wie 'Katzenleben' oder 'Erdreich' hatten die Aura des nicht ganz Geheueren. Dieser aber ist wie ein Wetterleuchten, hervorgerufen durch zwei zitierte Worte 'Erlkönigs Tochter' - ein poesiegeschichtlicher Horizont leuchtet auf ...“

In einer Rezension wird ausgeführt: „Sarah Kirschs Gedichte enthalten eine skeptische Botschaft, die Ernüchterung gegenüber der Welt ist groß. Nicht mehr nur Klage spricht in ihnen, sondern auch Resignation. 'Bliebe eigentlich nichts als/ Schöne Augen zu/ Machen hier geht es/ Vorsätzlich Zahn um Zahn'. Gesiegt hat, so klingt es aus den Zeilen heraus, das Gesetz der Vergeltung, der Rache, des Zahn um Zahn. Die den Menschen beherrschende Undurchschaubarkeit der Kräfte der Natur spielt in vielen dieser Gedichte eine Rolle.“

Die Aussage der Gedichte, in der unverwechselbaren Sprache der Dichterin aufs Papier gebracht, sind äußerst aktuell. Da Sarah Kirsch Musik liebt, erklingen zu den Versen originale Gitarrenklänge.
Heidelore Kneffel
Autor: red

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