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Kunst aus der Hölle

Donnerstag, 11. April 2013, 15:35 Uhr
In diesen Tagen wird in der Nähe von Nordhausen, in der Gedenkstätte Mittelbau-Dora an den 68. Jahrestag der Befreiung des KZ erinnert und gedacht. Neben der zentralen Veranstaltung am ehemaligen Krematorium wird eine Ausstellung eröffnet, die auf ganz besondere Weise Zeugnis des alltäglichen Grauens in einer nationalsozialistischen Hölle ist...

In der Ausstellung (Foto: nnz) In der Ausstellung (Foto: nnz)
Dr. Wagner erläutert Minister Matschie die Ausstellung

Die Ausstellung, die morgen offiziell eröffnet wird, zeigt einen einzigartigen Quellenfund: 200 Häftlingsporträts, handschriftliche Aufzeichnungen und ein Häftlingstagebuch aus dem Kommando „Hecht“, einem Außenlager des KZ Buchenwald bei Holzen/Niedersachsen. Während der Todesmärsche im April 1945 gingen diese Dokumente verloren, im Sommer 2012 sind sie völlig überraschend in Celle wieder aufgetaucht. Nun werden sie in einer deutsch-französisch-polnischen Ausstellung der Öffentlichkeit präsentiert.

Dr. Wagner, Leiter der Gedenkstätte (Foto: nnz) Dr. Wagner, Leiter der Gedenkstätte (Foto: nnz) Für den Leiter der KZ-Gedenkstätte, Dr. Jens-Christian Wagner, ist es wichtig, die Gedenkfeier nicht zu einem rituellen Kranzniederlegen ausarten zu lassen. Deshalb werde das Gedenken mit der inhaltlichen und thematischen Auseinandersetzung gegenüber der Nazizeit verbunden.

Die Erarbeitung dieser Ausstellung wurde finanziell möglich, da das „Weimarer Dreieck“ sich für die Finanzierung der Exposition einsetzte. Die rund 170.000 Euro wurden aus diversen Thüringer Stiftungen sowie von der Volkswagen AG zur Verfügung gestellt, aus Wolfsburg kamen konkret 23.000 Euro. Für VW gibt es viele Spuren, die in jener dunklen Zeit auch nach Holzen führten. 2.400 Euro kamen vom Sponsorenlauf der Lessing-Schule in Nordhausen.

Christoph Matschie, Thüringer Kultusminister (Foto: nnz) Christoph Matschie, Thüringer Kultusminister (Foto: nnz) Thüringens Kultusminister Christoph Matschie sei es wichtig, das Gedenken als „lebendige Erinnerung“ zu gestalten. Dazu seien Gespräche mit Zeitzeugen ebenso wichtig wie diese Ausstellung. Die Geschichte dieser Zeichnungen sei in Entstehung, Verlust und Wiederentdeckung einmalig und müsse der Nachwelt erhalten und anschaubar gemacht werden. Für Matschie seien die Zeichnungen auch eine Form des Widerstandes und der menschlichen Selbstbehauptung in jener schrecklichen Zeit.

Zum Hintergrund: Über 67 Jahre galten die Zeichnungen und Dokumente als verschollen – nun sind sie wieder aufgetaucht. Die Zeichnungen, darunter 130 eindrucksvolle Porträts von Häftlingen, stammen überwiegend vom französischen Oberst Camille Delétang (1886-1969), der das Außenlager Holzen überlebte und nach dem Krieg Präsident der französischen Association Nationale des Anciens Combattants wurde.
Delétang gehörte zu den ersten Häftlingen, die im September 1944 in das neu errichtete Lager Holzen bei Eschershausen im Weserbergland deportiert wurden. Dort musste er Zwangsarbeit beim Ausbau einer Stollenanlage leisten, in der das Volkswagenwerk V1-Flugbomben montieren lassen wollte. In der knappen Freizeit zeichnete Déletang Porträts seiner Mithäftlinge und Szenen aus dem Lageralltag. 

Die Recherchen zu den 130 porträtierten Häftlingen haben ergeben, dass etwa ein Drittel von ihnen das Kriegsende nicht erlebte. Die Zeichnungen sind de facto ihr letztes Lebenszeichen. Dr. Roux steckte die Zeichnungen zusammen mit Dokumenten aus dem Krankenrevier und seinem Lager-Tagebuch in eine Mappe, die er mit sich führte, als der Transportzug am 8. April 1945 in die „Hasenjagd“ von Celle geriet: Nach einem Luftangriff auf den Bahnhof von Celle machten SS und Einheimische Jagd auf flüchtige Häftlinge und erschossen mindestens 170 von ihnen. Roux überlebte, doch verlor er in dem Chaos die Mappe mit den wertvollen Zeichnungen und Dokumenten. Sie galten seither als verschollen. Bis morgen, wenn diese einmaligen Zeitzeugnisse der Öffentlichkeit präsentiert werden können.
Autor: red

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