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nnz-Betrachtung: Was kommt danach?

Donnerstag, 28. März 2013, 07:40 Uhr
Zwei Beschlüsse des Nordhäuser Stadtrates waren gestern derart mit Emotionen beladen, dass an dieser Stelle dazu eine Betrachtung angeboten werden soll...


Der Nordhäuser Stadtrat hat den politischen Weg freigemacht für den Bau einer Biomethan-Anlage in der Nähe von Bielen. SPD-Stadtrat Volker Fütterer, der selten so emotional geredet hatte, mag vielleicht Recht gehabt haben - dieser Standort stand bereits vor einem Jahr fest. Was aber dazwischen sich in Nordhausen abspielte, war ein Paradestück von zum Teil falsch verstandener Demokratie.

Sicher - Bürgerinitiativen haben ihre Berechtigung, sie sind eine sinnvolle Ergänzung zur tatsächlich auszuübenden Demokratie. Bürgerinitiative können wohl Prozesse und Entscheidungen beeinflussen. Sie haben jedoch nicht die Befugnis einer politischen Mitsprache in einem Gremium in einem Gemeinderat. Das obligt den Frauen und Männern, die alle fünf Jahre in genau diesen Rat gewählt werden.

Das ist eine Erkenntnis, die einigen der Nordhäuser, die seit Monaten gegen den Bau einer solchen Anlage demonstriert und protestiert haben, wohl erst gestern mehr oder weniger schmerzlich vor Augen geführt wurde. Wer politische Entscheidungenfindungen tatsächlich politisch beeinflussen will, der muss sich politisch betätigen. So wollten es die Väter des Grundgesetzes. Der muss sich aufstellen lassen, muss kandidieren, muss seine Argumente vertreten und verteidigen und: muss am Wahltag gewählt werden.

Er muss danach aber auch die Interessen aller Nordhäuser vertreten und nicht nur derjenigen, die unmittelbar von einer Entscheidung betroffen sind. Und so hat die Mehrheit der Stadträte gestern für die fast 44.000 Nordhäuser entschieden. Das ist vielleicht schwer zu akzeptieren, ist aber Fakt.

Eine zweite Bemerkung. Zur Auflösung der Feuerwehr in Salza. Ich bin kein Mitglied einer Freiwilligen Feuerwehr, habe aber mehr als 20 Jahre mit den Kameraden beruflich zu tun. Ich weiß, wie eng Heimat, Tradition, Kumpels und ehrenamtliches Engagement gerade in den Freiwilligen Feuerwehren miteinander verknüpft sind. All das wird in dem Wort "Kamerad" verschmolzen. Doch das Aus für Salza ist nur der Anfang von einem Prozess, der vor 20 Jahren seinen Anfang nahm.

Die wirtschaftliche Entwicklung in Nordthüringen nach der politischen Wende und die demografische Implosion zwingen zu solchen Entscheidungen. Betroffen davon sind nicht nur die Feuerwehren. Schauen Sie sich doch in den Vereinen in Ihrer näheren Umgebung um und schätzen Sie dort das Durchschnittsalter. Da kann einem Angst und Bange werden. Wie lange noch wird es all die Vereine geben, die sich zum Beispiel der Heimatpflege, der Pflege der Traditionen, der Musik widmen?

Diesen Prozess haben in den zurückliegenden Jahren viele Sportvereine im Landkreis Nordhausen durchmachen müssen. Vergleichen Sie bitte die Tabellen im Nachwuchsfußball der 1990er Jahren mit den heutigen allein der Quantität nach. Die Kinder und Jugendlichen, die damals nicht geboren wurden, die können heute und morgen keine Vereinsarbeit mehr betrieben. Nicht im Fußball, nicht bei der Freiwilligen Feuerwehr.

Das alles ist misslich, aber nicht zu ändern. Also muss reagiert werden. Die Vereine werden - wie die Arbeitgeber - um Nachwuchs kämpfen müssen. Mit Attraktivität, mit originellen Angeboten, mit Individualität oder Kreativität. All das wird notwendig sein, um die Kinder und Jugendlichen zu interessieren und sie von Facebook und Co. wegzuholen. Das ist die Realität. Wer sie verkennt, hat verloren. Im Verein, im Unternehmen, in der Politik.
Peter-Stefan Greiner
Autor: red

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