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Menschenbilder (61)

Mittwoch, 27. März 2013, 06:35 Uhr
Im Spätherbst 2013 veröffentlicht der Nordhäuser Autor Bodo Schwarzberg den zweiten, reich bebilderten Band der Buchreihe "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" - wiederum mit rund 200 Texten über Zeitzeugen unserer jüngeren Geschichte...

Dipl. Ing. Klaus Heera

ehemaliger DDR-Vizemeister im Kart-Sport
99735 Kleinfurra


1987 belegte Klaus Heera auf dem Go-Kart den 9. Platz bei einem offenen internationalen Rennen im tschechischen Olomouc und konnte sich dabei sogar mit Fahrern aus Westeuropa messen. Allerdings blieb dem am 10.12.1954 in Nordhausen geborenen ehemaligen DDR-Sportler die Reise zu den Europameisterschaften in Italien verwehrt – trotz seiner mit dem respektablen Platz erreichten Qualifikation hierfür.

Heera (Foto: privat) Heera (Foto: privat)
Bei den Bezirksmeisterschaften 1985 belegte Klaus Heera auf seinem Go-Kart den 2. Platz. Später gehörte er der DDR-Nationalmannschaft an und wurde 1987 DDR-Vizemeister.

Die Bedeutung des 9. Platzes ist besonders hoch zu bewerten, wenn man die Bedingungen berücksichtigt, unter denen der DDR-Kartsport betrieben wurde: Praktisch alle Fahrzeuge waren selbst gebaut. Jedes einzelne Bauteil mussten die Fahrer auf oft abenteuerlichen Wegen organisieren und anpassen. Sponsoren oder reiche Eltern, wie in Westeuropa verbreitet, gab es für die DDR-Fahrer nicht. Allein die Begeisterung für ihren Sport, gepaart mit herausragenden technischen und organisatorischen Fähigkeiten sowie hartem Training ermöglichte es ihnen, Meisterschaftsehren bzw. herausragende Platzierungen zu erreichen.

Klaus Heera schaute erstmals als 13-jähriger gemeinsam mit einem Freund bei einem K-Wagen-Rennen zu und war sofort begeistert. Die Konstruktion der K-Wagen gehorchte dem Prinzip "einfach und leicht, robust und schnell‘. Sie bestanden aus Gestell, Motor, Lenkrad und Bremse. Und natürlich aus den Rädern, die mangels Alternativen anfangs der Schubkarrenproduktion entstammten.

Allmählich versuchten die Fahrer, die Reifenbreite an ihren Fahrzeugen Marke Eigenbau je nach Wetter und Straßenzustand zu variieren. „Es gab solche mit kleinen und solche mit großen Rädern, der Motor konnte sowohl Front-, als auch Heckantrieb ermöglichen. Für all dies bestand damals kein festes Reglement“, erläutert er. Die Kart-Bahnen hatten eine Länge zwischen 750 und 1.600 Metern. Sie waren grundsätzlich eben. Gefahren wurde bei jedem Wetter. Üblicherweise gab es zwei bis drei Trainingsläufe inklusive Zeittraining und das Rennen. Mindestens drei Läufe musste ein K-Wagen also durchstehen. Die Länge eines Rennens betrug rund 20 Kilometer.

Noch 1967 wurde Klaus Hera Mitglied des ADMV (Allgemeiner Deutscher Motorsportverband der DDR) und fuhr ab 1970 Rennen. Das erste bestritt er gemeinsam mit seinem Freund in Mühlhausen als Mitglied des MC Kali Sondershausen auf einem Klubfahrzeug. Die Motoren dieser so genannten „Klasse der Pioniere“ (= Klasse A 2) hatten 50 Kubik. Sie wurde von Jugendlichen bis 15 gefahren. Danach fuhr Klaus Heera in der Klasse A 1 (ebenfalls 50 Kubik). „Meist verwandten die Fahrer Motoren, die sie aus Mopeds vom Typ Spatz ausgebaut hatten. Allerdings konnten mit ihnen nur zwei Gänge geschaltet werden, was zur Folge hatte, dass diese K-Wagen bis 1970 nicht konkurrenzfähig waren“, erklärt er.

1977 wechselte er in die Klasse B 2 mit 125 Kubikzentimetern Hubraum. Den Motor bauten die jungen Enthusiasten aus MZ-Motorrädern aus; das Getriebe ließ vier Gänge zu. Bis dahin war er zu den Rennen stets mit gekauften K-Wagen angetreten. 1978 dann ging er erstmals mit einem selbst gebauten Fahrzeug an den Start.

Bereits ein Jahr zuvor hatte die Ära der Go-Karts begonnen, ab 1979, so der Kleinfurraer, seien bei Rennen ausschließlich Go-Karts zum Einsatz gekommen. In den 80er Jahren konnte Klaus Heera auf eine weitere technische Verbesserung zurückgreifen: Denn während dieser Zeit saß er auf einem Motor der tschechischen Marke CZ, die das Schalten von fünf Gängen ermöglichte, ab 1984 (bis zum Karriereende 1988) sogar sechs Gänge: „Das war ein besonders stabiler Motocross-Motor, den wir von der so genannten Schlitzsteuerung auf die so genannte Drehschiebereinlasssteuerung umbauten“, erklärt mein Gesprächspartner.

Hartes Training gepaart mit zunehmender Erfahrung zur technischen Verfeinerung seines Fahrzeugs und daraus folgend zahlreiche Siege bei Wettbewerben auf Kreis- und Bezirksebene, ermöglichten Klaus Heera 1979 den Aufstieg in die begehrte Leistungsklasse LK 2. Sie beinhaltete automatisch die Startberechtigung bei DDR-Meisterschaften. Ab1984 startete er in der Spitzenklasse LK 1.

Achtmal stand der Rennfahrer bei Bezirksmeisterschaften auf dem höchsten Punkt des Siegertreppchens, zweimal stellte er den Bezirksvizemeister und belegte 1987 den zweiten Platz bei den DDR-Meisterschaften. In jenem Jahr und auch 1988 gehörte Klaus Heera der Nationalmannschaft an. An das entsprechende Qualifikationsrennen in Lohsa bei Hoyerswerda erinnert er sich noch ganz genau: „Ich war einer von sechs unter 24 Startern, die sich die begehrte Berechtigung erkämpften“, weiß er. Bei einem der Qualifikationsrennen erreichte er sogar den 1. Platz.

Klaus Heera sieht einen Grund für seine Erfolge darin, dass er seine Motoren stets selbst auseinander genommen, variiert und wieder zusammengebaut hat. „Es kam auf ein hohes Renntempo, aber auch auf die Standfestigkeit der Technik an. Da war es von Vorteil, wenn man sein Fahrzeug selbst optimierte. Fahrer und Fahrzeug bildeten dadurch eine untrennbare, fast intime Einheit“, erläutert er. Natürlich kam auch ein noch so versierter Go-Kart-Fahrer bei Rennen nicht ganz ohne Team aus. Mein Gesprächspartner organsierte sich dieses ganz allein. Zwei Mechaniker standen jeweils bereit, um eventuell auftretende Probleme bei Qualifikation oder Rennen so schnell wie möglich lösen zu helfen.

Ab 1984 konnte Klaus Heera auf Grund seiner Erfolge zudem auf eine finanzielle Unterstützung durch den ADMV in Höhe von 3.000 Mark jährlich zurückgreifen können, ab 1987 erhielt er von seinem Klub, dem MC Kali Sondershausen für seine Teilnahme an der DDR-Meisterschaft, finanzielle Zuwendungen. Dieses Sponsoring zog für den Rennfahrer auch schon damals eine Werbeverpflichtung nach sich: „Kali aus der DDR“ stand schlicht auf einem Schild an seinem Go-Kart. Die genannten Summen jedoch entsprachen lediglich dem sprichwörtlichen Tropfen auf den heißen Stein.

Zu den sportlichen Höhepunkten der Jahre 1987 und 88 gehörten auch die Rennen zum „Pokal für Frieden und Freundschaft“, an denen sich Fahrer aus sieben sozialistischen Ländern beteiligten. Unter anderem nahm Klaus Heera während dieser Zeit an in Varna und Kiew ausgetragenen Wettbewerben teil. Die Veranstaltungsorte wurden jeweils per Bus erreicht, der vom Kraftverkehr Cottbus gestellt wurde: „Vorn saßen die Rennfahrer und die Mechaniker, während die Maschinen und die gesamte sonstige Ausrüstung hinten ihren Platz hatten“, erklärt er. Für diese Rennen galt ein Mindestgewicht der Go-Karts von 155 Kilo, vor den Veranstaltungen gab es technische Abnahmen. Die erreichten Maximalgeschwindigkeiten lagen bei rund 160 km/h.

Im Oktober 1988 beendete Klaus Heera seine Karriere, unter anderem aus Altersgründen, wie er sagt, aber auch auf Grund privater Verpflichtungen: „Mein Sport verschlang immer mehr Zeit und Geld. Aber irgendwann benötigte meine Familie auch mal wieder eine neue Couch“, schmunzelt er. Auf rund 200 Rennen mit zahlreichen Siegen blickt er insgesamt zurück, und das, bei nur einem einzigen Unfall. – Eine Seltenheit in dieser Sportart.

Zwischen 1988 und 1993 kehrte der Kleinfurraer dem aktiven Motorsport den Rücken, um sich danach der Go-Kart-Rennkarriere seines Sohnes Sebastian (geb. 24.09.1981 in Leinefelde) zu widmen. Der heutige Diplom-Ingenieur für Wirtschaftsingenieurwesen fuhr zunächst in der Klasse JCA 100 Junioren (später JCA Senioren) und ab 1998 in der Formel A. Mit seinen Erfolgen knüpfte er an jene seines Vaters an: 1997 wurde er deutscher Vizemeister. „Wir widmeten uns der Technik wie früher mit höchster Akribie. Serienmotoren baute ich selbst auf Renntauglichkeit um. Da halfen mir die vielen Erfahrungen aus meiner eigenen Karriere. Kaum jemand macht das heute noch selbst“, sagt er. Aber auch der mentalen Unterstützung seines Sohnes gab Klaus Heera breiten Raum. Bis zum Jahre 2000. Dann überstiegen die notwendigen Aufwendungen die gemeinsamen Möglichkeiten. 50.000 DM verschlang das sportliche Vergnügen zuletzt pro Jahr.

Zwischen 2007 und 2012 coachte er schließlich den Bergrennfahrer Lutz Pfeil aus Kleinfurra.

Natürlich bestand das Leben meines Gesprächspartners in den vergangenen Jahrzehnten nicht nur aus Go-Karts, Rennstrecken und Meisterschaften. Im „Zivilleben“ hatte Klaus Heera nach dem Abitur an der TH Ilmenau Informationstechnik studiert, war von 1979 bis 1981 beim VEB Robotron Worbis Wartungsingenieur und von 1982 an zehn Jahre lang Projektant im VEB EIS Sondershausen auf dem Gebiet des Sondermaschinenbaus. Anschließend wirkte er eine Zeit lang als Dozent an einer Akademie in Ebeleben auf dem Gebiet der Kommunikationstechnik und für sieben Jahre als selbstständiger Automatisierungstechniker für die Industrie. Seit 2002 ist er Fachbereichsleiter F+E in einer Nordhäuser Firma auf dem Gebiet der Elektronikentwicklung und –fertigung.

Verheiratet war Klaus Heera zwischen 1978 und 1997. Seit 15 Jahren bewohnt er ein Haus in Kleinfurra. An seine turbulente, erfüllte, abenteuerliche und vor allem erfolgreiche Geschichte als Rennfahrer denkt Klaus Heera sehr gern zurück. „Davon kann ich für den Rest meines Lebens zehren“, sagt er, beklagt aber in demselben Atemzug, dass die Go-Karts in der DDR keine Lobby hatten und über ihr Nischendasein leider nie hinauskamen.

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Autor: red

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