Menschenbilder (60)
Sonntag, 24. März 2013, 09:13 Uhr
Im Spätherbst 2013 veröffentlicht der Nordhäuser Autor Bodo Schwarzberg den zweiten, reich bebilderten Band der Buchreihe "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" - wiederum mit rund 200 Texten über Zeitzeugen unserer jüngeren Geschichte...
Dipl.-Ing. (FH) Bernd Seidenstücker,
Nordhäuser Stahl GmbH
99734 Nordhausen
Internet: www.nordhaeuser-stahl.de
Er hat den Stahl nach Nordhausen geholt, sagte ein anderer Gesprächspartner für den zweiten Band der Buchreihe Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion zu mir und meint mit diesen respektvollen Worten den Mitbegründer und Chef der Nordhäuser Stahlhandel GmbH mit Sitz in der Rothenburgstraße, Bernd Seidenstücker. Das als Nordhäuser Stahl GmbH firmierende Unternehmen hat seinen Sitz An der Helme und wird von Bernd Seidenstücker und seinem Sohn René gleichberechtigt geführt.
Sowohl die Geschichte der Firma, als auch der berufliche Entwicklungsweg von Bernd Seidenstücker sind eng mit dem einstigen VEB Hydrogeologie verknüpft, jenem größten Betrieb seiner Art in der DDR, der sich auf Brunnenbau, Wassererkundung, Wassererschließung und hydrogeologische Ingenieurarbeiten spezialisiert hatte und für tragende Säulen der DDR-Wirtschaft, wie z.B. den Bergbau unverzichtbar war.
Sein weiterer Lebensweg ist zugleich Ausdruck einer zentralen Grundeinstellung Bernd Seidenstückers, die er mit den Worten Immer vorwärts! zusammenfasst. Weil in ihm der Wunsch, mit anderen jungen Menschen zu arbeiten und insbesondere an sie Wissen weiterzugeben stets präsent war, studierte er an der Ingenieurschule Gotha Ingenieurpädagogik und wurde im VEB Hydrogeologie anschließend Lehrmeister von künftigen Maschinenschlossern sowie Lehrer im Polytechnischen Unterricht der POS‘ Werther und Krimderode.
Ich wollte einfach nicht bis zum Rentenalter an der Maschine stehen, nennt er einen weiteren Grund für diese und weitere Qualifikationen. Ganz in diesem Sinne wurde er nach zwei Jahren Abteilungsleiter Berufsausbildung und Polytechnik. Parallel zum während dieser Zeit begonnenen Abendstudium zum Maschinenbauingenieur in der NOBAS bzw. an der Ingenieurschule Roßwein (Abschluss 1972), wirkte er bereits in der Projektierungsabteilung des VEB Hydrogeologie an der Umsetzung wichtiger Zukunftsaufgaben mit, so an der Projektierung einer völlig neuen, moderneren Produktionslinie für die Fertigung von Brunnenausbaurohren. Wir haben alles bis zur Fertigungsreife projektiert. Maschinen und Anlagen wurden gekauft, aber der Bau der für die Produktion notwenigen Halle erfolgte nicht, weil wir hierfür zunächst keine Bilanzen erhielten, denkt Bernd Seidenstücker zurück.
Als besonders folgenschwer aber sollte sich die Entscheidung der Kombinatsleitung Anfang der 80er Jahre erweisen, die bereits erworbenen Maschinen und Anlagen trotz der langen und intensiven Entwicklungsarbeit nicht wie geplant im VEB Hydrogeologie, sondern in einer Firma der Stadt Gommern bei Magdeburg zu installieren.
Im Zuge dieser Beschlüsse erfolgte bereits 1973 die Auflösung der Projektierungsabteilung des Nordhäuser Betriebes. Als Abteilungsleiter Technische Überwachung war Bernd Seidenstücker fortan für die Überwachung überwachungspflichtiger Maschinen und Einrichtungen (z.B. von Kränen und Bohrgeräten) des VEB Hydrogeologie in der gesamten DDR verantwortlich.
In den Jahren vor der Wende bekleidete der Spezialist die Position des Abteilungsleiters Instandhaltung, in der ihm bis zu 40 Schlosser, Klempner, Dachdecker, Maler und Heizer unterstanden. In den Betrieben war es damals üblich, notwendige Reparaturen und Wartungsmaßnahmen selbst durchzuführen. Wir haben uns mit viel Einfallsreichtum darum bemüht, unsere Technik am Laufen zu halten, - was nicht immer einfach war. Als vorteilhaft erwies sich hierbei, dass sich die Betriebe damals oft gegenseitig unterstützten, erklärt er die damalige Situation. Übrigens gehörte Bernd Seidenstücker nicht der SED, sondern der NDPD an, was für einen Leitungskader in der DDR eher ungewöhnlich war.
Die Arbeitsgruppe gründete die Nordhäuser Maschinenbau GmbH, die sich zunächst noch im Besitz der Treuhand befand. Bernd Seidenstücker selbst wirkte von Beginn an in der neuen Firma als Prokurist mit. Wir kannten die Marktwirtschaft bis dahin nur aus dem Fernsehen und bewegten uns auf vollkommen unbekanntem Terrain. Wir glaubten aber, durch die GmbH eine Möglichkeit gefunden zu haben, Arbeitsplätze und damit auch unsere eigene Existenz zu sichern, sagt er. Nach dem plötzlichen Ausscheiden des damaligen Geschäftsführers Dr. Lehmann, wurde Bernd Seidenstücker zum Geschäftsführer der neuen GmbH berufen und erinnert sich mit gemischten Gefühlen an die für den Betrieb nun anbrechende Zeit: Wir haben uns mit Hängen und Würgen über Wasser gehalten. Das Geschäftskonto war leer. Bei unserer deutschlandweiten Akquisition stießen wir sowohl auf seriöse Geschäftspartner als auch auf solche, die in uns Ossis billige Arbeitskräfte sahen.
Doch die Suche nach Aufträgen war nur das eine: Das andere: Wir benötigten dringend zahlungskräftige Investoren, die uns für die neuen Herausforderungen fitmachen konnten, sagt der Unternehmer. Auch bei dieser Suche seien sie sowohl auf Glücksritter als auch auf solide, vertrauenswürdige Menschen gestoßen. In ihrem alten Handelspartner Pumpen Böse aus Großburgwedel fanden die Macher der neuen GmbH einen potentiell geeigneten Partner. An das Unternehmen hatte die einstige Hydrogeologie bereits zu DDR-Zeiten Rohre geliefert. Jedoch stellte dieses eine Forderung, die Bernd Seidenstücker und die anderen leitenden Kollegen am liebsten überhört hätten: einen Arbeitsplatzabbau um ca. drei Viertel.
Konkret bedeutete dies, dass von 160 Mitarbeitern ganze 40 bleiben sollten. Zudem forderte die Firma die Wiederaufnahme der Produktion von Brunnenausbaurohren. Als problematisch erwies sich in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass die hierfür notwendigen Anlagen zu DDR-Zeiten im Rahmen der bereits erwähnten Produktionsverlagerung in einem Betrieb der Stadt Gommern bei Magdeburg aufgestellt worden waren. Zunächst zerschlug sich die Zusammenarbeit mit Pumpen-Böse. Im Jahre 1991 jedoch fanden wir endgültig zueinander, denkt Bernd Seidenstücker zurück. Wir setzten alles daran, um die einst für die Hydrogeologie vorgesehenen Anlagen aus Gommern zurückzukaufen und überboten die Preussag, die sie schon fast erworben hatte, mit Erfolg, erklärt er. Damit war der entscheidende Grundstein für die Privatisierung und damit für die Zukunft des Betriebes gelegt.
Mit dem für die Hydrogeologie turbulenten Jahr 1991 verbinden sich für Bernd Seidenstücker die schmerzlichsten Erinnerungen seines Lebens. Die Ehefrau seines Gesprächspartners verstarb plötzlich. Dies war der dramatischste Tag überhaupt für mich. Zugleich musste die schwierige Neustrukturierung der Firma ohne Unterbrechung weitergehen. Die Anforderungen an meine Kollegen und mich waren gigantisch, sagt er. Damit meint er u.a. die auf Grund des Konzepts von Pumpen Böse nicht mehr aufschiebbare Entlassung vieler langjähriger Kollegen. Daran denke ich äußerst ungern zurück. Aber es gab keinen anderen Weg, bekennt er.
Zudem fehlte das Geld an allen Ecken und Enden: zum Kauf der Anlagen aus Gommern und für die baulichen Anpassungen des Betriebes ebenso, wie für die Bezahlung der Mitarbeiter. Einem Kreditantrag über 1,5 Mio. DM bei der Treuhand wurde schließlich stattgegeben. Wir fuhren zur Treuhandzentrale nach Berlin, um die notwendigen acht Unterschriften einzuholen. Das war ein sehr schwieriges Unterfangen, weil wir bis zuletzt nicht wussten, ob wir auch wirklich alle Unterschriften erhalten würden, sagt Bernd Seidenstücker.
In demselben Jahr traf Bernd Seidenstücker mit dem Schritt in die Selbstständigkeit eine weitreichende Entscheidung: Ich wollte eigentlich nie einen Vorgesetzten haben; dies war mein lebenslanger Wunsch; und jetzt endlich gab es die Möglichkeit zu dessen Verwirklichung, sagt er.
Bereut hat der Nordhäuser diese wohl auch riskante Entscheidung nie: Nach einigen Anlaufschwierigkeiten setzte in beiden Unternehmen eine rasante Aufwärtsentwicklung ein: Schon 1994 musste in zwei weitere, neue Firmengelände investiert werden, die sich heute An der Helme befinden. Die Lager- und Produktionsfläche verdoppelte sich. Damals standen in beiden Firmen insgesamt 20 Menschen in Lohn und Brot, heute sind es 80. Alljährlich werden junge Menschen in den Berufen ‚Kaufmann im Groß- und Außenhandel‘ sowie ‚Facharbeiter für Lagerwirtschaft und ‚Konstruktionsmechaniker‘ ausgebildet.
Bernd Seidenstücker nennt die unverzichtbaren Partner der Nordhäuser Stahl GmbH: Hauptkunde ist die Firma Greger Betonstahl aus Kassel. Enge Beziehungen bestehen zur Firma Ernst in Leinefelde, zum P.V. Betonwerk Nordhausen, zum Schachtbau Nordhausen und zum Unternehmen Wienbreyer-Seidenstücker ebenfalls in der Zorgestadt (letzterer ist ein Neffe meines Gesprächspartners). Die genannten Firmen profitieren von der umfangreichen Produktpalette von Nordhäuser Stahl: Profilstahl, Stabstahl (Rohre, Flachstahl, T-Stahl, Betonstahl, geschnitten und gebogen), Betonstahlmatten (auf Wunsch gebogen, abgekantet oder gebrannt), aber auch Zaunanlagen, Garagentore und Industrietore. In Industrie-, Wohn- und Brückenbauten in einem Umkreis von ca. 150 Kilometern findet all dies Verwendung, ob nun unter Einsatz von 10.000 Tonnen Nordhäuser Stahl oder von nur fünf Tonnen.
Die steigenden Anforderungen an die Produktion ebneten, so Bernd Seidenstücker, während der letzten Jahre den Weg für eine Expansion seines Unternehmens: So unterhält es seit 2009 eine Zweigstelle in Görsbach; Schwesterfirmen bestehen in Erfurt und Adelebsen (Niedersachsen). An ihnen hält Bernd Seidenstücker jeweils Anteile.
Weil der Segen glücklicherweise stets überwog, gab es für meinen Gesprächspartner und seine vielen Mistreiter auch ab und zu etwas zu feiern. So zum Beispiel im Jahre 2007: Am 10.08. des Jahres ließ er die geladenen Gäste wissen: Wir feiern heute den Geburtstag der Ehefrau des Mitbegründers der Firma, Prof. Dr. Ing. Reichling, den Hochzeitstag des Ehepaars Reichling, die Geburt meines zweiten Enkels und die 15. Wiederkehr des Tages, an dem ich meine zweite Ehefrau Christine kennenlernen durfte.
Unvergessen wird den Stahlwerkern auch die Fahrt bleiben, die Bernd Seidenstücker für sie anlässlich des 20. Firmenjubiläums im Jahre 2012 organisierte: Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren eingeladen, zwei erlebnisreiche Tage in Berlin zu verbringen: Ein Essen am Potsdamer Platz und ein Besuch des Musicals von Udo Lindenberg inklusive.
Trotz der zahllosen Verpflichtungen, die sich für den Chef der Nordhäuser Stahl GmbH ergeben, findet er noch Zeit für die Beschäftigung mit Haus und Garten, vor allem aber für seine Schulfreunde aus längst vergangenen Kindertagen: Noch heute halten die früheren Schüler der reinen Jungsklasse ein Klassenbuch in Ehren. Gemeinsame Urlaubsfahrten gehören zur Traditionspflege.
Sieht Bernd Seidenstücker trotz aller Erfolge auch Kritikpunkte? Ich sehe eine Übervorteilung des Verwaltungs- und Beamtenapparates gegenüber dem produktiven, unternehmerischen Mittelstand, der ein hohes Risiko auf sich nimmt. Wenn es diese schwerfällige und überbordende Bürokratie ermöglicht, dass mir die Rente gekürzt wird, nur weil ich noch arbeite und damit Arbeitspätze erhalte, muss dies kritisiert werden. Schließlich schaffen wir die Voraussetzungen dafür dass es sich die Beamten im Alter gut gehen lassen können, sagt er.
Im Jahre 2014 vollendet Bernd Seidenstücker das 70. Lebensjahr. Dennoch mag er vom Ruhestand nichts wissen: Wenn es zu ruhig zugeht, fühle ich mich nicht wohl. Wer rastet, der rostet, sagt er.
Bitte keine Kommentare
Autor: redDipl.-Ing. (FH) Bernd Seidenstücker,
Dipl.-Ing. René Seidenstücker
Nordhäuser Stahl GmbH99734 Nordhausen
Internet: www.nordhaeuser-stahl.de
Er hat den Stahl nach Nordhausen geholt, sagte ein anderer Gesprächspartner für den zweiten Band der Buchreihe Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion zu mir und meint mit diesen respektvollen Worten den Mitbegründer und Chef der Nordhäuser Stahlhandel GmbH mit Sitz in der Rothenburgstraße, Bernd Seidenstücker. Das als Nordhäuser Stahl GmbH firmierende Unternehmen hat seinen Sitz An der Helme und wird von Bernd Seidenstücker und seinem Sohn René gleichberechtigt geführt.
Sowohl die Geschichte der Firma, als auch der berufliche Entwicklungsweg von Bernd Seidenstücker sind eng mit dem einstigen VEB Hydrogeologie verknüpft, jenem größten Betrieb seiner Art in der DDR, der sich auf Brunnenbau, Wassererkundung, Wassererschließung und hydrogeologische Ingenieurarbeiten spezialisiert hatte und für tragende Säulen der DDR-Wirtschaft, wie z.B. den Bergbau unverzichtbar war.
Anfänge in der Hydrogeologie
Doch der Reihe nach: Bernd Seidenstücker wurde am 23.01.1944 in Nordhausen geboren. Seine Mutter Emmy stammt aus Bernburg, Vater Hermann war in Nordhausen Fleischermeister und Großvater Rudolf selbstständiger Karosseriebauer sowie Lackierer. Den Traum vom Koch bei der DDR-Handelsmarine konnte sich mein Gesprächspartner nicht erfüllen und absolvierte nach dem Abschluss der 10. Klasse an der POS Adolf Diesterweg stattdessen von 1960 bis 1963 eine Lehre zum Maschinenschlosser im VEB Kältetechnik Niedersachswerfen.Sein weiterer Lebensweg ist zugleich Ausdruck einer zentralen Grundeinstellung Bernd Seidenstückers, die er mit den Worten Immer vorwärts! zusammenfasst. Weil in ihm der Wunsch, mit anderen jungen Menschen zu arbeiten und insbesondere an sie Wissen weiterzugeben stets präsent war, studierte er an der Ingenieurschule Gotha Ingenieurpädagogik und wurde im VEB Hydrogeologie anschließend Lehrmeister von künftigen Maschinenschlossern sowie Lehrer im Polytechnischen Unterricht der POS‘ Werther und Krimderode.
Ich wollte einfach nicht bis zum Rentenalter an der Maschine stehen, nennt er einen weiteren Grund für diese und weitere Qualifikationen. Ganz in diesem Sinne wurde er nach zwei Jahren Abteilungsleiter Berufsausbildung und Polytechnik. Parallel zum während dieser Zeit begonnenen Abendstudium zum Maschinenbauingenieur in der NOBAS bzw. an der Ingenieurschule Roßwein (Abschluss 1972), wirkte er bereits in der Projektierungsabteilung des VEB Hydrogeologie an der Umsetzung wichtiger Zukunftsaufgaben mit, so an der Projektierung einer völlig neuen, moderneren Produktionslinie für die Fertigung von Brunnenausbaurohren. Wir haben alles bis zur Fertigungsreife projektiert. Maschinen und Anlagen wurden gekauft, aber der Bau der für die Produktion notwenigen Halle erfolgte nicht, weil wir hierfür zunächst keine Bilanzen erhielten, denkt Bernd Seidenstücker zurück.
Als besonders folgenschwer aber sollte sich die Entscheidung der Kombinatsleitung Anfang der 80er Jahre erweisen, die bereits erworbenen Maschinen und Anlagen trotz der langen und intensiven Entwicklungsarbeit nicht wie geplant im VEB Hydrogeologie, sondern in einer Firma der Stadt Gommern bei Magdeburg zu installieren.
Im Zuge dieser Beschlüsse erfolgte bereits 1973 die Auflösung der Projektierungsabteilung des Nordhäuser Betriebes. Als Abteilungsleiter Technische Überwachung war Bernd Seidenstücker fortan für die Überwachung überwachungspflichtiger Maschinen und Einrichtungen (z.B. von Kränen und Bohrgeräten) des VEB Hydrogeologie in der gesamten DDR verantwortlich.
In den Jahren vor der Wende bekleidete der Spezialist die Position des Abteilungsleiters Instandhaltung, in der ihm bis zu 40 Schlosser, Klempner, Dachdecker, Maler und Heizer unterstanden. In den Betrieben war es damals üblich, notwendige Reparaturen und Wartungsmaßnahmen selbst durchzuführen. Wir haben uns mit viel Einfallsreichtum darum bemüht, unsere Technik am Laufen zu halten, - was nicht immer einfach war. Als vorteilhaft erwies sich hierbei, dass sich die Betriebe damals oft gegenseitig unterstützten, erklärt er die damalige Situation. Übrigens gehörte Bernd Seidenstücker nicht der SED, sondern der NDPD an, was für einen Leitungskader in der DDR eher ungewöhnlich war.
Die Unwägbarkeiten der Wende
Um den Mauerfall zu begreifen, habe ich zwei Tage gebraucht", sagt Bernd Seidenstücker über die Ereignisse im November 1989 und erwähnt neben den damit verbundenen positiven Gefühlen auch seine Ängste: und zwar jene bezüglich der Existenz seiner Familie und der Hydrogeologie. In diesem Zusammenhang trieb ihn aber auch um, dass die damaligen Betriebsleiter der Hydrogeologie keinerlei Anstalten machten, den noch bestehenden VEB auf die neuen, marktwirtschaftlichen Bedingungen einzustellen. 1990 bildete sich in der Abteilung Maschinenbau der Hydrogeologie eine Arbeitsgruppe, die sich über eine mögliche Perspektive dieses Bereiches als eigenständiges Unternehmen in der nun beginnenden Marktwirtschaft Gedanken machte.Die Arbeitsgruppe gründete die Nordhäuser Maschinenbau GmbH, die sich zunächst noch im Besitz der Treuhand befand. Bernd Seidenstücker selbst wirkte von Beginn an in der neuen Firma als Prokurist mit. Wir kannten die Marktwirtschaft bis dahin nur aus dem Fernsehen und bewegten uns auf vollkommen unbekanntem Terrain. Wir glaubten aber, durch die GmbH eine Möglichkeit gefunden zu haben, Arbeitsplätze und damit auch unsere eigene Existenz zu sichern, sagt er. Nach dem plötzlichen Ausscheiden des damaligen Geschäftsführers Dr. Lehmann, wurde Bernd Seidenstücker zum Geschäftsführer der neuen GmbH berufen und erinnert sich mit gemischten Gefühlen an die für den Betrieb nun anbrechende Zeit: Wir haben uns mit Hängen und Würgen über Wasser gehalten. Das Geschäftskonto war leer. Bei unserer deutschlandweiten Akquisition stießen wir sowohl auf seriöse Geschäftspartner als auch auf solche, die in uns Ossis billige Arbeitskräfte sahen.
Doch die Suche nach Aufträgen war nur das eine: Das andere: Wir benötigten dringend zahlungskräftige Investoren, die uns für die neuen Herausforderungen fitmachen konnten, sagt der Unternehmer. Auch bei dieser Suche seien sie sowohl auf Glücksritter als auch auf solide, vertrauenswürdige Menschen gestoßen. In ihrem alten Handelspartner Pumpen Böse aus Großburgwedel fanden die Macher der neuen GmbH einen potentiell geeigneten Partner. An das Unternehmen hatte die einstige Hydrogeologie bereits zu DDR-Zeiten Rohre geliefert. Jedoch stellte dieses eine Forderung, die Bernd Seidenstücker und die anderen leitenden Kollegen am liebsten überhört hätten: einen Arbeitsplatzabbau um ca. drei Viertel.
Konkret bedeutete dies, dass von 160 Mitarbeitern ganze 40 bleiben sollten. Zudem forderte die Firma die Wiederaufnahme der Produktion von Brunnenausbaurohren. Als problematisch erwies sich in diesem Zusammenhang die Tatsache, dass die hierfür notwendigen Anlagen zu DDR-Zeiten im Rahmen der bereits erwähnten Produktionsverlagerung in einem Betrieb der Stadt Gommern bei Magdeburg aufgestellt worden waren. Zunächst zerschlug sich die Zusammenarbeit mit Pumpen-Böse. Im Jahre 1991 jedoch fanden wir endgültig zueinander, denkt Bernd Seidenstücker zurück. Wir setzten alles daran, um die einst für die Hydrogeologie vorgesehenen Anlagen aus Gommern zurückzukaufen und überboten die Preussag, die sie schon fast erworben hatte, mit Erfolg, erklärt er. Damit war der entscheidende Grundstein für die Privatisierung und damit für die Zukunft des Betriebes gelegt.
Mit dem für die Hydrogeologie turbulenten Jahr 1991 verbinden sich für Bernd Seidenstücker die schmerzlichsten Erinnerungen seines Lebens. Die Ehefrau seines Gesprächspartners verstarb plötzlich. Dies war der dramatischste Tag überhaupt für mich. Zugleich musste die schwierige Neustrukturierung der Firma ohne Unterbrechung weitergehen. Die Anforderungen an meine Kollegen und mich waren gigantisch, sagt er. Damit meint er u.a. die auf Grund des Konzepts von Pumpen Böse nicht mehr aufschiebbare Entlassung vieler langjähriger Kollegen. Daran denke ich äußerst ungern zurück. Aber es gab keinen anderen Weg, bekennt er.
Zudem fehlte das Geld an allen Ecken und Enden: zum Kauf der Anlagen aus Gommern und für die baulichen Anpassungen des Betriebes ebenso, wie für die Bezahlung der Mitarbeiter. Einem Kreditantrag über 1,5 Mio. DM bei der Treuhand wurde schließlich stattgegeben. Wir fuhren zur Treuhandzentrale nach Berlin, um die notwendigen acht Unterschriften einzuholen. Das war ein sehr schwieriges Unterfangen, weil wir bis zuletzt nicht wussten, ob wir auch wirklich alle Unterschriften erhalten würden, sagt Bernd Seidenstücker.
Einer sichereren Zukunft entgegen
1992 schließlich hatten es mein Gesprächspartner und sein Geschäftsführerkollege Jürgen Wiedersberg geschafft. Pumpen-Böse kaufte die Nordhäuser Maschinenbau GmbH. Ihr Sitz befand sich auf dem Betriebsgelände des früheren VEB Hydrogeologie in der Rothenburgstraße, wo sich in den vielen freigewordenen Räumen andere Firmen einzumieten begannen. Im Zuge dieses Prozesses entstand mit der SEISTA, der Stahlbau-Sicherheitstechnik GmbH, ein weiteres Unternehmen.In demselben Jahr traf Bernd Seidenstücker mit dem Schritt in die Selbstständigkeit eine weitreichende Entscheidung: Ich wollte eigentlich nie einen Vorgesetzten haben; dies war mein lebenslanger Wunsch; und jetzt endlich gab es die Möglichkeit zu dessen Verwirklichung, sagt er.
Bereut hat der Nordhäuser diese wohl auch riskante Entscheidung nie: Nach einigen Anlaufschwierigkeiten setzte in beiden Unternehmen eine rasante Aufwärtsentwicklung ein: Schon 1994 musste in zwei weitere, neue Firmengelände investiert werden, die sich heute An der Helme befinden. Die Lager- und Produktionsfläche verdoppelte sich. Damals standen in beiden Firmen insgesamt 20 Menschen in Lohn und Brot, heute sind es 80. Alljährlich werden junge Menschen in den Berufen ‚Kaufmann im Groß- und Außenhandel‘ sowie ‚Facharbeiter für Lagerwirtschaft und ‚Konstruktionsmechaniker‘ ausgebildet.
Bernd Seidenstücker nennt die unverzichtbaren Partner der Nordhäuser Stahl GmbH: Hauptkunde ist die Firma Greger Betonstahl aus Kassel. Enge Beziehungen bestehen zur Firma Ernst in Leinefelde, zum P.V. Betonwerk Nordhausen, zum Schachtbau Nordhausen und zum Unternehmen Wienbreyer-Seidenstücker ebenfalls in der Zorgestadt (letzterer ist ein Neffe meines Gesprächspartners). Die genannten Firmen profitieren von der umfangreichen Produktpalette von Nordhäuser Stahl: Profilstahl, Stabstahl (Rohre, Flachstahl, T-Stahl, Betonstahl, geschnitten und gebogen), Betonstahlmatten (auf Wunsch gebogen, abgekantet oder gebrannt), aber auch Zaunanlagen, Garagentore und Industrietore. In Industrie-, Wohn- und Brückenbauten in einem Umkreis von ca. 150 Kilometern findet all dies Verwendung, ob nun unter Einsatz von 10.000 Tonnen Nordhäuser Stahl oder von nur fünf Tonnen.
Die steigenden Anforderungen an die Produktion ebneten, so Bernd Seidenstücker, während der letzten Jahre den Weg für eine Expansion seines Unternehmens: So unterhält es seit 2009 eine Zweigstelle in Görsbach; Schwesterfirmen bestehen in Erfurt und Adelebsen (Niedersachsen). An ihnen hält Bernd Seidenstücker jeweils Anteile.
Ein Resümee
Rückblickend sieht mein Gesprächspartner die imposante Entwicklung seiner Unternehmen als Erfolg: Ich konnte fast immer ruhig schlafen in all den Jahren und ich bin auf das Erreichte stolz. Die Tiefen vergisst man, sagt er. Zu letzteren gehörten zum Beispiel die im Jahre 2004 urplötzlich auf ein Allzeithoch emporschnellenden Stahlpreise. Diese haben uns an den Rand des Abgrunds getrieben. Am Ende aber gingen wir sogar gestärkt aus dieser Entwicklung hervor und generierten exorbitante Umsätze. Das ist der Fluch und der Segen der Marktwirtschaft, sagt Bernd Seidenstücker.Weil der Segen glücklicherweise stets überwog, gab es für meinen Gesprächspartner und seine vielen Mistreiter auch ab und zu etwas zu feiern. So zum Beispiel im Jahre 2007: Am 10.08. des Jahres ließ er die geladenen Gäste wissen: Wir feiern heute den Geburtstag der Ehefrau des Mitbegründers der Firma, Prof. Dr. Ing. Reichling, den Hochzeitstag des Ehepaars Reichling, die Geburt meines zweiten Enkels und die 15. Wiederkehr des Tages, an dem ich meine zweite Ehefrau Christine kennenlernen durfte.
Unvergessen wird den Stahlwerkern auch die Fahrt bleiben, die Bernd Seidenstücker für sie anlässlich des 20. Firmenjubiläums im Jahre 2012 organisierte: Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter waren eingeladen, zwei erlebnisreiche Tage in Berlin zu verbringen: Ein Essen am Potsdamer Platz und ein Besuch des Musicals von Udo Lindenberg inklusive.
Trotz der zahllosen Verpflichtungen, die sich für den Chef der Nordhäuser Stahl GmbH ergeben, findet er noch Zeit für die Beschäftigung mit Haus und Garten, vor allem aber für seine Schulfreunde aus längst vergangenen Kindertagen: Noch heute halten die früheren Schüler der reinen Jungsklasse ein Klassenbuch in Ehren. Gemeinsame Urlaubsfahrten gehören zur Traditionspflege.
Sieht Bernd Seidenstücker trotz aller Erfolge auch Kritikpunkte? Ich sehe eine Übervorteilung des Verwaltungs- und Beamtenapparates gegenüber dem produktiven, unternehmerischen Mittelstand, der ein hohes Risiko auf sich nimmt. Wenn es diese schwerfällige und überbordende Bürokratie ermöglicht, dass mir die Rente gekürzt wird, nur weil ich noch arbeite und damit Arbeitspätze erhalte, muss dies kritisiert werden. Schließlich schaffen wir die Voraussetzungen dafür dass es sich die Beamten im Alter gut gehen lassen können, sagt er.
Im Jahre 2014 vollendet Bernd Seidenstücker das 70. Lebensjahr. Dennoch mag er vom Ruhestand nichts wissen: Wenn es zu ruhig zugeht, fühle ich mich nicht wohl. Wer rastet, der rostet, sagt er.
Bitte keine Kommentare
