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Mit 'nem kleenen Stückchen Glick

Samstag, 14. Februar 2004, 12:11 Uhr
Nordhausen (nnz). Die gute Nachricht vorweg: Das beliebte Musical „My fair Lady“ läuft im Nordhäuser Theater und gefällt dem Publikum. Trotzdem hatten alle Beteiligten auch ein „kleenes Stückchen Glick“. Für die nnz war Olaf Schulze im Musentempel.


Eliza Doolittle, das ungehobelte Blumenmädchen, lernt sich dank Professor Higgins wohl artikuliert auszudrücken. Nach dem uns allen wohlbekannten Verwirrungen und Problemchen legen sich die beiden am Ende glücklich die Köpfchen auf die Schultern. Der Vorhang fällt und das Publikum klatscht dankbar, weil es in den letzten zweieinhalb Stunden von einem souveränen Loh-Orchester unter Leitung von Stefan Ottersbach alle Hits vorgespielt bekam und die Darsteller mehr oder weniger gut dazu sangen. Das fast fünfzigjährige Musical hat den Status einer Operette, jedes Kind, in dessen Elternhaus noch öffentlich-rechtliches Fernsehen geschaut wird, hat den kultigen Hollywood-Schinken schon gesehen.

Nun hat es sich aber im Kreisstädtchen Nordhausen zugetragen, dass ein junger, dynamischer, zu „modernem“ Theater bereiter Regisseur die ganze, nicht mehr unbedingt zeitnahe Story ein wenig aufpolieren wollte. Wollte! Der Bühnenverlag Felix Bloch Erben in Berlin hatte etwas dagegen, zumal es klare Vertragsbestimmungen gibt, die dem Theater, seinen Dramaturgen und letztlich auch seinen Regisseuren vorschreiben, wie „My fair Lady“ aufgeführt werden muss.

Clemens Bechtel, als Regisseur in Nordhausen, lehnte zwei Tage vor der Premiere eine Verantwortung für die Inszenierung ab, weil ihm seine „Deutschland-sucht-den-Superblödmann“-Einlagen verboten wurden. Möglicherweise waren diese unerlaubten Zusätze ja ein großer inszenatorischer Wurf, im eigentlichen Stück hat er sich dafür eher zurückgehalten.

Es ist schade wie wenig von der Regie geführt die Herren Higgins und Pickering (Volker J. Ringe und Jürgen Dietmar Kühn) durchs Stück tappern, wie wenig aus den großen Massenszenen gemacht worden ist. Ob der Chor auf der Pferderennbahn in Ascot steht oder beim Zigeunerfürst in der Puszta ist nur anhand der Kostüme (gewohnt stilgerecht und optisch ansprechend von Elisabeth Stolze-Bley entworfen, mit Elizas Ballkleid als Sahnehäubchen) auszumachen. Hauptdarstellerin Anja Taube (a.G.) gab eine forsche, vitale Eliza, die durchgehend überzeugen konnte.

Die anderen retten sich so gut sie können, die ausgebildeten Schauspielerinnen Uta Haase als resolute Hausdame Mrs. Pearce und Sigrid Herforth als Grande Dame Mrs. Higgins rufen gekonnt Standards ab. Einen schwereren Stand hat da Andreas Schachl als Kneipenphilosoph Alfred P. Doolittle. Da hätte die Regie sich austoben, ein Feuerwerk abbrennen können! Stattdessen plätschern herrliche Szenen wie die am Morgen vor Doolittles Hochzeit bieder dahin. An Schachl lag es mit Sicherheit nicht, dass ich den Eindruck hatte, hier wird mit angezogener Handbremse agiert.

Auch das funktionale Bühnenbild von Till Kuhnert mit erstaunlicher Wandlungsfähigkeit dank gezielter Lichteffekte beschränkte die Aktionen nicht. Ganz im Gegenteil.

So vergeht ein insgesamt vergnüglicher Theaterabend schließlich ohne eine einzige textliche Modernisierung, lediglich die Kostüme der Obsthändler und Freunde Doolittles, die als lederbekleidete Rockergang daherkommen, weisen noch still anklagend auf eventuelle Regieintentionen hin, das Stück aus dem viktorianischen Zeitalter ins Heute zu zerren. Das Publikum aller „My fair Lady“-Aufführungen kann sich nur herzlich bei der Person bedanken, die den Verlag auf den Plan gerufen hat. Es hätte anderenfalls sehr, sehr peinlich werden können.

Ein fader Beigeschmack bleibt aber doch, wenn ich mir vor Augen halte, dass jetzt Leute im Bloch-Verlag sitzen, die sagen, auf das Nordhäuser Theater muss man ein kritisches Auge werfen. Niemand wird dort nämlich sagen, es wäre geraten, auf eine Frau Dr. Pirklbauer und ihre Dramaturgen aufzupassen, die im vollen Bewusstsein einen Eklat provoziert haben und den Regisseur ins offene Rechtemesser laufen ließen. Die engagierten Mitarbeiter des Theaters Nordhausen haben das wirklich nicht verdient.

Es bleibt ihnen und dem Publikum aber der Trost, dass die Amtszeit der derzeitigen Intendanz nahezu vorbei ist. All denen, die es nicht abwarten können empfehle ich, sich ein Bandmaß zu kaufen und jeden Tag einen Zentimeter abzuschneiden. So haben wir es früher in der Volksarmee gemacht. Die Zeit vergeht dadurch auch nicht schneller, aber man kann jeden Tag feiern!
Olaf Schulze
Autor: nnz

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