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Die Himmelgartenbibliothek

Dienstag, 11. Dezember 2012, 12:23 Uhr
Dieser poetische Name für einen außergewöhnlicher Bücherschatz lässt sicherlich in Nordhausen und Umgebung nicht so aufhorchen wie im weiteren Umland, denn der sehr kleine Ort dieses Namens nahe Leimbach ist bekannt. Manch einer weiß auch noch, dass es dort von 1295 bis 1525 ein Servitenkloster gab. Ein Beitrag von nnz-Autorin Heidelore Kneffel...


Himmelgarten (Foto: Archiv Kneffel) Himmelgarten (Foto: Archiv Kneffel)
Wegen der Unruhen und Plünderungen des Bauernkrieges flüchteten die Mönche nach Nordhausen, wo sie einen Hof besaßen. 1552 gelangten die Bände in die St.-Blasii-Kirche in Nordhausen. 1717 erstellte der „Pfarrer an St. Blasii, ein Vater der Waisen, ein Forscher der Heimatkunde“, Johann Heinrich Kindervater, einen Katalog, entdeckte bei der Untersuchung Bücher, mit Schmutz und Schimmel überzogen. Im Jahre 1879 fand der Realgymnasiallehrer und Heimatforscher Dr. Richard Rackwitz die Bibliothek in den „feuchten Räumen der Sakristei in einem kläglichen Zustande" und „betrieb die Restaurierung“ der beschädigten Ledereinbände.

Dabei gingen leider bibliotheksgeschichtliche Spuren undokumentiert verloren. Zu danken ist ihm, dass er sich um die Bibliothek kümmerte, zu ihrem Erhalt Geld sammelte, vor allem aber einen Katalog „Nachrichten über die St. Blasii-Bibliothek in Nordhausen und das Kloster Himmelgarten bei Nordhausen, dem die Bibliothek entstammt“ schuf, und eine historische Einleitung voransetze.

In den Festausgaben der „Nordhäuser Zeitung“ von 1927, in denen man auf wichtige Ereignisse in der Stadtgeschichte hinwies, steht auch ein Artikel von Pfarrer Friedrich Trautmann: „Die Bibliothek der Mönche vom Himmelgarten. Ein kostbarer Schatz in der Blasiikirche“. Dem Beitrag sind Zeichnungen von Fritz Teichmüller (1897-1986) beigefügt.

Reproduktion (Foto: Archiv Kneffel) Reproduktion (Foto: Archiv Kneffel) Sie zeigen, wie die Mönche die schweren Bücher aus dem Kloster während der Bauernunruhen in Sicherheit bringen und den Aufbewahrungsort der Bibliothek 1927 in der Sakristei von St. Blasii. Trautmann beschreibt die Historie der Bibliothek und weist auf den Prior des Klosters Johannes Pilearius (Johannes Huter) hin.

Er wurde 1489 von seinem Orden an die Universität Erfurt gesandt. Dort erlangte er 1495 als „Johannes Hutter de Northußen“ den Magister, 1514 war er Doktor der Theologie. Damals war Huter Prior des Servitenklosters. Er war es vor allem, der den Bücherbestand während seiner Amtszeit um historische und vor allem aktuelle Bücher vermehrte. Mit den Bänden wurde gearbeitet, wie viele von ihnen durch Handeintragungen besonders an den Rändern beweisen. Huter kennzeichnete die Bücher auf dem Titelblatt auf ganz individuelle Art, wie es die beigefügte Reproduktion aus dem in Basel bei Johannes Froben gedruckten Band zeigt.

Eintragungen Huters (Foto: Archiv Kneffel) Eintragungen Huters (Foto: Archiv Kneffel)
Johannes Huter sollte zukünftig in der Nordhäuser Geschichte einen ihm gebührenden Platz einnehmen. Vielleicht kann man in dem neben dem Rathaus entstehenden Mehrzweckgebäude, dass ja diese wahrlich nicht alltägliche Bibliothek aufnehmen soll, einen Raum nach ihm benennen,denn im Februar 2011 erfuhr die Öffentlichkeit, dass die Stadtverwaltung und die Kirchengemeinde St. Blasii-Altendorf einen Verwahrvertrag für die Himmelgartenbibliothek unterzeichnet haben.

Dies bedeutet, dass man die Bücher aus Wittenberg zurückholen will, wo sie sich seit 1989 in der Bibliothek des Evangelischen Predigerseminars befinden - aus konservatorischen Gründen. Aus der Sakristei der Blasiikirche mussten sie 1969/70 herausgebracht werden, denn die dort herrschenden „klimatischen“ Bedingungen waren nicht mehr tragbar. Sie kamen dann nach Naumburg in die Obhut der Bibliothek des Katechetischen Oberseminars, aber auch dort waren sie zu feucht untergebracht. So entschied man sich für Wittenberg. Wer mehr darüber erfahren will, kann das im Jahrbuch des Landkreises Nordhausen von 1996 tun, in dem Stephan Lang von der Bibliothek des Evangelischen Predigerseminars den Artikel „Die Kirchenbibliothek St. Blasii in Nordhausen“ veröffentlichte.

An dieser Stelle muss man einen Mann erwähnen, der sich um die Bibliothek seit Jahrzehnten verdient gemacht hat, den Buchrestaurator Günther Kreienbrink in Erfurt. Er wurde 1969 um ein Gutachten gebeten. Darin heißt es: „Die Bücher befanden sich in der Sakristei … in einem katastrophalen Zustand. Das Dach der Kirche war desolat - das Regenwasser lief am Mauerwerk direkt in die Buchbestände. Dadurch begünstigt wuchsen dicke Schimmelpilze aus den Inkunabeln und sämtliche Bücher waren völlig durchnässt.“ Es war klar, dass sofortige Abhilfe geschaffen werden musste, was aber für den damaligen Pfarrer Günther Donath nicht so einsichtig war, denn: Wohin damit? Vorerst ins Pfarrhaus in Nordhausen, dann nach Naumburg, dann nach Wittenberg! Man darf nicht vergessen, dass die Bibliothek während des 2. Weltkrieges im Kalischacht in Wolkramshausen lagerte.

Kreienbrink bekam mit einem weiteren Restaurator aus Jena den Auftrag, mehrere besonders beschädigte Inkunabeln zu restaurieren, was auch geschah. In seinem Bericht schreibt er u. a.: “In Alkoholbädern wurden sämtliche Blätter voneinander gelöst. In siedenden Wasserbädern und Kaliumpermanganat Natriumhydrogensulfitbädern gereinigt und desinfiziert. Die zerstörten Blätter im anschließenden Papierspaltverfahren stabilisiert. Der völlig zerstörte Einband ist originalgetreu wiederhergestellt, Holzdeckel und Schließenhaken ergänzt worden. Erfurt, im August 1969“.

Restaurierte Blatt (Foto: Archiv Kneffel) Restaurierte Blatt (Foto: Archiv Kneffel) Einige dieser Bände konnten Interessierte anlässlich des Melanchthonjahres im September 1997 in der Frauenbergkirche besichtigen, als der Melanchthonforscher Dr. Heinz Scheible von der Heidelberger Akademie der Wissenschaften, damals gerade mit dem Melanchthonpreis geehrt, über Philipp Melanchthons Beziehungen zu Nordhausen sprach. Am 12.12.2012 - möge dieses Datum ein gutes Omen sein - gibt es in der Kreissparkasse Nordhausen ab 18.30 Uhr die Möglichkeit, aktuell einiges über den Zustand des Bücherbestandes zu erfahren.

Der Geschäftsführer der Buchrestaurierung Leipzig GmbH, Christoph Roth, spricht zum Thema „Schimmel, Mäuse, Tintenfraß - Eine Schadenserhebung an der Himmelgartenbibliothek und ihre Ergebnisse“. Es ist zu wünschen, dass die Odyssee der Bibliothek nun bald beendet ist.

Wie schrieb Pfarrer Trautmann 1927 am Ende seines Artikels: „Diese Zeilen wollen auf einen kostbaren Schatz in unserer tausendjährigen Stadt aufmerksam machen … Unser Ziel muß ein Katalog sein, der, nach Wissensgebieten geordnet, eine gute Orientierung möglich macht. Die Bibliothek … verdient unsere größte Beachtung und Pflege als Denkmal wissenschaftlicher und künstlerischer Arbeit der Vergangenheit.“
Heidelore Kneffel
Autor: red

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