Ganz persönliche Sicht
Dienstag, 11. Dezember 2012, 15:00 Uhr
In der Nordhäuser Flohburg, dem Nordhausen Museum, ist seit dem Nachmittag eine neue Ausstellung zu sehen. Sie trägt den Titel "Von Liebe und Zorn - jung sein in der Diktatur". Dazu meine ganz persönlichen Anmerkungen...
Die Exposition zeigt den Alltag zweier junger Menschen in Erfurt. Barry und Fetzer müssen jetzt so alt sein wie ich. Auch ich erinnere mich an diese Zeit.
Damals, die Jugendweihe war erst ein paar Monate her, da kurbelte ich an dem obligatorischen Geschenk, einem "Stern"-Kofferradio herum und hörte plötzlich dieses Lied. "Zwischen Liebe und Zorn" von Renft. Das war was, da trauten sich Rockmusiker was. Das Lied ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Genauso wenig wie "Time" von Pink Floyd oder "I've Seen All Good People" von Yes.
Und natürlich hätte ich auch gern ein Konzert dieser Bands besucht. Ich konnte es nicht, ich wurde in die DDR hineingeboren. Pech? Für mich damals nicht.
Groß geworden in einem Industrie-Dorf im Mansfelder Land, aufgewachsen bei meiner Großmutter. Diese Frau prägte maßgeblich meine Einstellung zu diesem Staat, den ich damals nicht als Diktatur empfand. Sie, Jahrgang 1902, hatte im Weltkrieg Nummer 1 ihren Bruder verloren, im Weltkrieg Nummer 2 einen Sohn. Sie, die Frau mit dem krummen Rücken, kannte Kriege, erlebte deren Folgen. Die Frau war nie in einer Partei, dafür waren meine Großeltern arm. Die Rente reichte auch in der DDR gerade so. Meine Eltern waren Arbeiter in der Braunkohle.
Und ich? Ich als Kinder einer Arbeiterfamilie, ich war gut in der Schule, ich hatte den Zensuren-Durchschnitt, der mir den den Weg zur EOS ebnete, ich war nicht das Quoten-Arbeiterkind. Die entscheidenden Sätze dieser alten Frau, meiner Großmutter, werde ich nie vergessen. "Das ist doch ein schönes Land, wir haben kein Vermögen, seit viele Jahren gibt es keinen Krieg und du, mein Enkel, kannst ohne Geldsorgen aufs Gymnasium und kannst studieren. Mehr will ich nicht."
Damals als 17jähriger (1973) (Foto: privat)
So sah diese Frau die Welt, die irgendwie auch meine war. Und: ich gehörte nicht zu den Angepassten, ich war nicht unbedingt der Vorzeige-Pennäler dieser Zeit (siehe Foto). Wir waren schon ein wenig renitent. Tranken viel und oft Bier, mitunter sogar in der Schulpause. Das fetzte, machte Eindruck und unser "bester Freund" war der ABV, der uns immer wieder erklärte, dass man besoffen nicht unbedingt mit dem "KR 50" unterwegs sein muss, auch nicht auf Feldwegen.
Zur Überreichung der Abi-Zeugnisse zum Beispiel reiste der "harte Kern" in Schlafanzügen an, statt der vorgeschrieben FDJ-Bekleidung. Damals ein "no go", heute die Selbstverständlichkeit. Wir wurden aus der Schule ausgesperrt. Die Eltern widersetzten sich dem und setzten in einer Versammlung die Überreichung der Zeugnisse durch.
Dass ich mein Medizinstudium nach 18 Monaten NVA abbrach, das hatte keine politischen Gründe. Das war privat. Zurück in die Braunkohle - hieß damals die Devise. Ich lernte dann ein junges Mädchen kennen, lieben. Wir heirateten, der Sohn kam zur Welt.
Ich will all diese Zeit nicht überbewerten. Das will ich anderen überlassen. Aber: ich will mir nicht andauernd meine persönliche Geschichte von anderen aufarbeiten lassen. Ich will nicht hinnehmen, dass Schicksale einzelner zum Schicksal einer ganzen Generation erhoben werden. Auch meine Geschichte ist ein Teil des Ganzen und ich habe daraus nie den Anspruch abgeleitet, sie zum Maßstab aller zu machen. Und diese, meine Geschichte, soll nie Thema einer Ausstellung werden. Sie ist immer nur ein klitze-kleines Teil eines großen Mosaiks, das man Gesellschaft nennt, selbst wenn diese damals nur rund 17 Millionen Bürger hatte. Aber ich war ein Teil davon. Genauso wie Barry und Fetzer.
Peter-Stefan Greiner
Autor: redDie Exposition zeigt den Alltag zweier junger Menschen in Erfurt. Barry und Fetzer müssen jetzt so alt sein wie ich. Auch ich erinnere mich an diese Zeit.
Damals, die Jugendweihe war erst ein paar Monate her, da kurbelte ich an dem obligatorischen Geschenk, einem "Stern"-Kofferradio herum und hörte plötzlich dieses Lied. "Zwischen Liebe und Zorn" von Renft. Das war was, da trauten sich Rockmusiker was. Das Lied ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Genauso wenig wie "Time" von Pink Floyd oder "I've Seen All Good People" von Yes.
Und natürlich hätte ich auch gern ein Konzert dieser Bands besucht. Ich konnte es nicht, ich wurde in die DDR hineingeboren. Pech? Für mich damals nicht.
Groß geworden in einem Industrie-Dorf im Mansfelder Land, aufgewachsen bei meiner Großmutter. Diese Frau prägte maßgeblich meine Einstellung zu diesem Staat, den ich damals nicht als Diktatur empfand. Sie, Jahrgang 1902, hatte im Weltkrieg Nummer 1 ihren Bruder verloren, im Weltkrieg Nummer 2 einen Sohn. Sie, die Frau mit dem krummen Rücken, kannte Kriege, erlebte deren Folgen. Die Frau war nie in einer Partei, dafür waren meine Großeltern arm. Die Rente reichte auch in der DDR gerade so. Meine Eltern waren Arbeiter in der Braunkohle.
Und ich? Ich als Kinder einer Arbeiterfamilie, ich war gut in der Schule, ich hatte den Zensuren-Durchschnitt, der mir den den Weg zur EOS ebnete, ich war nicht das Quoten-Arbeiterkind. Die entscheidenden Sätze dieser alten Frau, meiner Großmutter, werde ich nie vergessen. "Das ist doch ein schönes Land, wir haben kein Vermögen, seit viele Jahren gibt es keinen Krieg und du, mein Enkel, kannst ohne Geldsorgen aufs Gymnasium und kannst studieren. Mehr will ich nicht."
Damals als 17jähriger (1973) (Foto: privat)
So sah diese Frau die Welt, die irgendwie auch meine war. Und: ich gehörte nicht zu den Angepassten, ich war nicht unbedingt der Vorzeige-Pennäler dieser Zeit (siehe Foto). Wir waren schon ein wenig renitent. Tranken viel und oft Bier, mitunter sogar in der Schulpause. Das fetzte, machte Eindruck und unser "bester Freund" war der ABV, der uns immer wieder erklärte, dass man besoffen nicht unbedingt mit dem "KR 50" unterwegs sein muss, auch nicht auf Feldwegen. Zur Überreichung der Abi-Zeugnisse zum Beispiel reiste der "harte Kern" in Schlafanzügen an, statt der vorgeschrieben FDJ-Bekleidung. Damals ein "no go", heute die Selbstverständlichkeit. Wir wurden aus der Schule ausgesperrt. Die Eltern widersetzten sich dem und setzten in einer Versammlung die Überreichung der Zeugnisse durch.
Dass ich mein Medizinstudium nach 18 Monaten NVA abbrach, das hatte keine politischen Gründe. Das war privat. Zurück in die Braunkohle - hieß damals die Devise. Ich lernte dann ein junges Mädchen kennen, lieben. Wir heirateten, der Sohn kam zur Welt.
Ich will all diese Zeit nicht überbewerten. Das will ich anderen überlassen. Aber: ich will mir nicht andauernd meine persönliche Geschichte von anderen aufarbeiten lassen. Ich will nicht hinnehmen, dass Schicksale einzelner zum Schicksal einer ganzen Generation erhoben werden. Auch meine Geschichte ist ein Teil des Ganzen und ich habe daraus nie den Anspruch abgeleitet, sie zum Maßstab aller zu machen. Und diese, meine Geschichte, soll nie Thema einer Ausstellung werden. Sie ist immer nur ein klitze-kleines Teil eines großen Mosaiks, das man Gesellschaft nennt, selbst wenn diese damals nur rund 17 Millionen Bürger hatte. Aber ich war ein Teil davon. Genauso wie Barry und Fetzer.
Peter-Stefan Greiner
