nnz-online

Zwei hochbegabte Dichterinnen

Montag, 10. Dezember 2012, 08:40 Uhr
Wenn die Mitglieder des Fördervereins ihre Programme zusammenstellen, ist es immer aufs Neue eine Freude, wie unendlich vielfältig das Angebot an ausgezeichneten Dichterinnen und Dichter ist. So viele Poeten in Limlingerode in den vergangenen Jahren schon vorgestellt wurden, stets erlebte man unverwechselbares Lyrisches Sprechen...

Limlingerode im Winter (Foto: H. Kneffel) Limlingerode im Winter (Foto: H. Kneffel)

Am 15. Dezember werden ab 14.30 Uhr zwei Frauen vorgestellt, die in ihren Ländern zu den hoch geschätzten gehören, die italienische DichterinVittoria Colonna (1492-1547) und die Französin Louise Labé (1526-1565). Was gute Lyrik auszeichnet, erleben die Zuhörer bei diesen beiden – ihre Dichtung ist zeitlos! Das Programm über die beiden Dichterfrauen stellte Ulrike Müller aus Weimar zusammen, die in Limlingerode schon mehrere Poetinnen vorstellte.
Die Colonna entstammt einem alten römischen Adelsgeschlecht, gehörte einer der einflussreichsten Familien im Kirchenstaat an. Durch ihre Ehe mit dem Markgrafen von Pescara, einem erfolgreichen Heerführer in dieser kämpfereichen Zeit der Renaissance, wurde sie Markgräfin. Die Ehe blieb kinderlos und die Teue gehörte nicht zu den Tugenden ihres Mannes. Nach seinem Tod an den Folgen einer in der Schlacht erlittenen Verwundung blieb sie Witwe und widmete sich kulturellen und religiösen Aufgaben. Mit humanistisch gesinnten Gelehrten, Künstlern und kirchlichen Würdenträgern pflegte sie intensiven Kontakt.

Eine besondere Freundschaft verband sie mit dem Maler und Bildhauer Michelangelo Buanarotti. Er, der auch dichtete, widmete ihr einige Sonette und bewunderte wie viele Zeitgenossen die Begabung der Vittoria Colonna zum Dichten. Den konservativen Kräften am päpstlichen Hof jedoch war der wache Geist Vittorias und ihr Engagement für eine behutsame Reformierung der katholischen Kirche suspekt. Seit 1541 kam es zu Konflikten und schließlich zu dem Verbot ihre „aufrührerischen“ Gedichte. Trotz oder gerade wegen dieser Kontroversen war die Colonna zu ihren Lebzeiten eine moralische, poetische und politische Instanz.

Louise Labé wurde um 1524 in Lyon geboren. Sie stammt aus einer wohlhabenden Seilerfamilie italienischen Ursprungs, die zur Bourgeoisie gehörte. Die Stadt war damals ein kosmopolitisches Zentrum Europas, wichtiger als Paris. Hier zeigte sich die Renaissance auf der Höhe der Philosophie, Literatur, Musik und Kunst.

Louises Mutter starb, als sie noch ein Kind war. Die Heranwachsende erhielt als Bürgerliche in dieser Zeit eine vorzügliche und vielseitige Bildung. Sie lernte nicht nur das kunstvolle Sticken, sondern auch Reiten, Fechten, Literatur, Musik und mehrere Sprachen. Mit 20 Jahren heiratete sie einen deutlich älteren reichen Seilerfabrikanten und konnte sich ihrer Leidenschaft, dem Lesen, intensiv widmen. In einer Zeit, in der Bücher selten und somit wertvoll waren, besaß sie eine Bibliothek mit den besten Werken in Griechisch, Latein, Italienisch, Spanisch und Französisch. In ihrem Salon traf sich die gebildete Gesellschaft Lyons, darunter Schöngeister und Literaten. Sie ließ sich bewundern und animierte ihre Gesprächspartner, über alle Aspekte der Liebe und nicht zuletzt auch über die Stellung und Rolle der Frau in Dichtung und Gesellschaft zu diskutieren und zu schreiben.

Die 30-jährige stellte 1555 einen Sammelband von 24 Sonetten über die Liebe zusammen: „Die Liebesgedichte einer schönen Lyoneser Seilerin namens Louise Labé.“ Die Veröffentlichung machte sie sofort bekannt. Eine Herausgeberin ihrer Werke schreibt: „Etliche zeitgenössische Dichter haben Louise Labé geradezu jubelnd als 'Zehnte Muse' bezeichnet und ihr zu Ehren Lobgedichte auf Griechisch, Lateinisch, Italienisch und Französisch verfasst.“

Zu ihren Lebzeiten galt sie als emanzipierte dichtende Frau. Seit ihrer Wiederentdeckung gegen Ende des 18. Jahrhunderts sieht man in ihr eine der bedeutendsten französischen Lyrikerinnen überhaupt. Über ihre letzten Jahre ist wenig bekannt. Nach 1556 zog sie sich auf ein Landgut zurück. Während dieser Zeit verlor sie durch den Tod viele Freunde, auch ihren Mann. Sie starb 1566 vermutlich an der Pestepidemie.
Heidelore Kneffel
Autor: red

Drucken ...
Alle Texte, Bilder und Grafiken dieser Web-Site unterliegen dem Urherberrechtsschutz.
© 2026 nnz-online.de