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Pressezensur zugunsten Gipsabbau

Mittwoch, 14. November 2012, 06:41 Uhr
Als Sonderheft der Zeitschrift Landschaftspflege und Naturschutz in Thüringen (LNT) erscheint in Kürze eines, was sich als Werbebroschüre für den Naturpark Südharz und dessen Besonderheiten versteht. Dazu die Anmerkungen eines Autors...


Ein Autorenkollektiv wurde hierfür mit der Zusammenstellung fachlicher Fakten u.a. zur Tier- und Pflanzenwelt beauftragt. Ich persönlich habe den botanischen Teil (Farn- und Blütenpflanzen, Flechten, Moose, Pilze) übernommen und ich schrieb auch das Kapitel „Beeinträchtigungen“, was laut Ausschreibung keinem konkreten Autor überantwortet worden war.

Da ich jedoch bereits im Vorfeld vermutete, dass die schwerwiegendste und folgenschwerste momentane Beeinträchtigung unserer Landschaft, der Gipsabbau, in einem solchen Kapitel von einigen Verantwortlichen nur ungern und schon gar nicht hinsichtlich seiner konkreten, katastrophalen Folgen akzeptiert werden würde, widmete ich ihm besondere Aufmerksamkeit.

Steinbruch Knauf (Foto: Autor) Steinbruch Knauf (Foto: Autor)

Das Ergebnis: Im Entwurf des Kapitels, den ich vom Auftraggeber erhielt, wurden sämtliche kritischen Zitate sowie weitere Abschnitte zu diesem Thema gestrichen.
Die Begründungen für diese Zensur, in einer Gesellschaft mit verfassungsmäßig garantierter Pressefreiheit übrigens, sprechen Bände: Zum einen hörte ich sinngemäß, dass ja die oben genannte Zeitschrift vom Umweltministerium abhängig sei. Man dürfe die an sich schon knapp bemessene Mittelzuwendung für sie nicht noch zusätzlich belasten. Zweitens sagte man mir, dass die Zeitschrift LNT nicht das geeignete Podium für eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema Gipsabbau sei.

Da frage ich mich doch, welches ÖFFENTLICHE Podium die betreffenden Personen denn stattdessen für derartige Erörterungen in Erwägung ziehen? - So also schießt man unbequeme Schreiber in der heutigen Zeit aus dem Feld.

Wenn heute um 14 Uhr in Sophienhof der so genannte Naturparkplan, wohl mit ministerieller Beteiligung vorgestellt wird, dann wird von Beeinträchtigungen überwiegend keine Rede sein. Der Umweltminister und die von ihm abhängigen Behörden und Gremien verstehen sich auch ohne Worte ganz hervorragend. Und genau deswegen möchte ich genau jenen Ausschnitt aus meiner Zuarbeit zum Kapitel „Beeinträchtigungen“ für das Werbeheft zum Naturpark Südharz in der nnz veröffentlichen, der weitestgehend gestrichen wurde.

Bemerkenswert finde ich, dass unter den Urhebern gestrichener Zitate auch der mehrfach geehrte Nordhäuser Dr. Walter Elmer ist, und damit ein Mann, der schon zu DDR-Zeiten für seine offenen Worte Nachteile in Kauf nehmen musste. Wie kaum ein anderer trat er vor und nach der Wende für die Erhaltung der Südharzer Zechsteinlandschaft ein. Nach 1989 wurde ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen. Ein kritisches Zitat von Walter Elmer zur Verscherbelung unserer weltweit einmaligen Landschaft für das Sonderheft hingegen ist dennoch unerwünscht. „Seinen Verdienst verbinde ich unmittelbar mit seinem hohen Engagement im Naturschutz und seinem Einsatz für eine ökologische Forstwirtschaft in unserer Region“, sagte einst die frühere OB Barbara Rinke nach seinem Tod. Übrigens war selbst ein nicht willfähriges Zitat von CDU-Ministerpräsidentin Lieberknecht unerwünscht.

Ich werde im Übrigen versuchen, für diese Art des Umganges mit der Wahrheit in Thüringen auch andere Medien zu interessieren. „Schwierigkeiten mit der Wahrheit“ bescheinigte einst Walter Janka der DDR. Viel geändert hat sich offenbar nicht. Angst und Bange wird mir angesichts dieser Vorkommnisse, wenn ich an den möglichen Umgang der Verantwortlichen zwischen Erfurt und Nordhausen mit den zahlreichen Gelüsten der Gipsfirmen auf neue Steinbrüche denke.

Und hier ein Ausschnitt meiner Zuarbeit zum Kapitel „Beeinträchtigungen“ für das geplante Sonderheft 2012 zum Naturpark Südharz. Die gestrichenen Zitate wurden hervorgehoben:

…Die Alpen-Gänsekresse galt kurzzeitig als ausgestorben, nachdem der seinerzeit einzige Fundortes bei Ellrich durch die widerrechtliche Überschüttung des für sie ausgewiesenen Flächennaturdenkmales durch den VEB Harzer Gipswerke Rottleberode, Werk Ellrich, im Mai 1979 vernichtet worden war (ELMER, 1980, RAUSCHERT, 1980). Die Sorge vieler Gebietskenner bezüglich der unserer Landschaft durch den Gipsabbau drohenden Gefahren zieht sich durch die Literatur der letzten Jahrzehnte. Bereits MEUSEL (1939) benennt die Vernichtung der besonders schutzwürdigen, da für unser Gebiet unikaten Blaugrasgesellschaften am Kohnstein: „An der steilen Nordostwand dieses Berges müssen einst ausgedehnte Grasheiden vorgekommen sein. Heute ist fast alles durch Steinbruchbetrieb zerstört. Aber selbst die wenigen Reste bei der Schnabelsburg weisen noch eine sehr reiche Vegetation auf.“ ELMER brachte das Problem 1993 auf den Punkt, in dem er die Nachwendeentscheidungen der Politik bezüglich des Gipsabbaus und vor allem deren Folgen scharf kritisierte: „Die Empörung in unserer Bevölkerung ist groß. Geschäftemacher aus aller Herren Länder stürzen sich förmlich auf die Rohstoffe in unserer Landschaft, um das schnelle Geld zu machen und sich auf Jahrzehnte hinaus zu bevorraten.“ Zwei Jahre später bemerken WESTHUS & VAN HENGEL (1995): „Die Grenzen eines aus Sicht des Natur- und Landschaftsschutzes tolerierbaren Gesteinsabbaus sind erreicht und lokal bereits überschritten.“ Ähnlich äußerte sich z.B. RICHTER (2003). HEINIG (2010) stellt fest, dass „…in Thüringen nur kleine Teile als GLB oder NSG (ca. 2.000 ha) bzw. FFH-Gebiet (ca. 3.000 ha) geschützt“ sind. „Der größere Rest wird vom fortschreitenden Gipsabbau akut bedroht.“ Bekanntermaßen liefen die einstweiligen Sicherstellungen der Naturschutzgebiete Hundegrube und Katzenschwanz-Wartkirche vor einigen Jahren aus, ohne das endgültige Sicherung als Naturschutzgebiete erfolgte. Für andere Gebiete, z.B. die Pfaffenköpfe und das Harzfelder Holz, gab es Pläne für eine Ausweisung als NSG, die aber bisher nicht weiter verfolgt wurden.

Die Zerstörung der international bedeutsamen Südharzer Zechsteinlandschaft widerspricht den Naturschutz- bzw. umweltverträglichen Entwicklungszielen des Naturparks. Ein angemessener „Ausgleich“ der Abbauschäden in einer Jahrmillionen alten Karstlandschaft mit ihren Eigenheiten und Besonderheiten, ja mit ihrem typischen Arteninventar, ist schon auf Grund ihrer langen Entwicklungsgeschichte vollkommen unmöglich. Eine naturnahe Landschaft kann nicht am Reißbrett entworfen werden. Zudem räumen Vertreter der Gipsindustrie selbst ein, dass es Probleme bei der Rekultivierung z.B. durch konkurrenzstarke bzw. invasive Arten wie dem Landreitgras, Calamagrostis epigejos und Goldruten-Arten, Solidago spec. gibt, und dass sich kaum naturschutzrelevante Pflanzenarten in ausgegipsten Teilen des Steinbruchs der Firma Knauf im Osten des Alten Stolberg ansiedeln (siehe WEISE et al. 2010). Am Kohnstein bei Niedersachswerfen wird schon visuell deutlich, dass sich z.B. die dort einst flächendeckend präsenten Blaugrasrasen nicht wieder einstellen. JANDT (1997) bemerkt, dass in Thüringen und Niedersachsen Nutzungswandel und Gipsabbau als Ursachen für den Artenrückganz zusammenkommen. „Der Gipsabbau wirkt sich aber sehr viel verheerender auf die Flora aus“, schreibt sie.

Somit kann das Ziel nur in einem schnellen Ende des Gipsabbaus bestehen. Ministerpräsidentin LIEBERKNECHT sagte bei ihrem Besuch im Naturpark Südharz am 22.05.2011: „Wir wollen keinen Gipsabbau.“ Im Internet finden sich zahlreiche Seiten, die den aus der Entschwefelung von Rauchgasen gewonnenen Gips (Rea-Gips) hinsichtlich seiner Qualität ebenso hoch oder sogar höher bewerten, wie Naturgips (z.B. www.naturschatzorg.de, www.natureplus.de und www.bund-thueringen.de). „Der bei der Rauchgasentschwefelung entstehende Gips ist - so ein verbreitetes Vorurteil - dem in der Natur vorkommenden Gipsstein nicht ebenbürtig. Die Chemie sagt etwas anderes: Rea-Gips ist Gips, nichts anderes", steht beispielsweise in der Kurzbeschreibung eines Beitrages von GISLER, K. (2008) auf der Seite www.baufachinformation.de. Aber: „Dass die Gipsindustrie weiterhin mit aller Macht in wertvollen Naturlandschaften Naturgips abbaggern will, scheint weder am Mangel noch am Kaufpreis oder an den Transportkosten für Rea-Gips zu liegen. Nach Auskünften von Industrievertretern ist der Erwerb von Abbauflächen bzw. -genehmigungen für die Gipsindustrie deshalb so erstrebenswert, weil Lagerstätten von Naturgips als Firmenkapital gewertet werden - auch wenn noch gar kein Gips auf der betreffenden Fläche abgebaut wird. Im Naturgipsabbau wird i.d.R. erst beim Abbau des Gesteins ein Förderzins an Flächenbesitzer gezahlt, aber nicht früher. Die Abnahme von Rea-Gips muss immer direkt bezahlt werden. Daher kann ein Baustoffkonzern, der sich von seiner Gips-Sparte trennen möchte, höhere Preise für die Sparte verlangen wenn er über möglichst viele genehmigte Abbauflächen von Naturgips verfügt.“ (RÖHL, S. 2003)…

Bodo Schwarzberg
Quellenverzeichnis (zu diesem Ausschnitt):
ELMER, W. (1980): Naturdenkmal „Alpengänsekresse“ zerstört! – Landschaftspflege und Naturschutz in Thüringen 17 (3): 80
ELMER, W. (1993): Südharzlandschaft – Quo vadis? – In: Jahrbuch des Landkreises Nordhausen 1990-1993. – Nordhausen: 76-82
GISLER, K. (2008): REA-Gips ist chemisch mit Naturgips identisch. Applica 115: 12-13. In: www.baufachinformation.de
HEINIG, W.: (2010): Vom Südharz zum Kyffhäuser: Pilze der Zechsteinlandschaft. – Landschaftspflege und Naturschutz in Thüringen 47 (4): 188-193
JANDT, U. (1997): Konstanz und Wandel der Flora am Südharzrand und am Kyffhäuser. Artenschutzreport 7: 52-55
MEUSEL, H. (1939): Die Vegetationsverhältnisse der Gipsberge im Kyffhäuser und im südlichen Harzvorland. – Hercynia 2: 1-372
RAUSCHERT, S. (1980): Liste der in den thüringischen Bezirken Erfurt, Gera und Suhl erloschenen und gefährdeten Farn- und Blütenpflanzen. - Landschaftspflege und Naturschutz in Thüringen 17 (1): 1-32
RICHTER, R. (2003): Wie viel ist die Gipskarstlandschaft im Südharz wert? - Landschaftspflege und Naturschutz in Thüringen 40 (2): 61-64
RÖHL, S. (2003): Konflikt Rohstoffabbau. www.gipskarst.de.
WEISE, R, ZIBELL, J., KOTHE, L. (2010): Artenschutz und Bergbau
WESTHUS, W. & U. v. HENGEL (1995): Biotope in Thüringen – Situation, Gefährdung, Schutz. Naturschutzreport 9: 40
Autor: nnz

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