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„Wie fühlst Du Dich ohne Bruder?“

Donnerstag, 15. Januar 2004, 10:19 Uhr
Nordhausen (nnz). Gestern hatte die Menschrechtsorganisation amnesty international (ai) ihren Jahresbericht für Deutschland vorgestellt. Darin nimmt die Polizei in Nordhausen einen verhältnismäßig breiten Raum ein. Vor allem das Nachspiel im Fall Bastubbe wird massiv kritisiert.


Und das beginnt genau einen Monat nach diesem 28. Juli 2002, an dem Rene Bastubbe von einem Polizeibeamten erschossen worden war. In den Morgenstunden des 28. August, so schreibt es „ai“ im Bericht, soll Gilbert Barnekow von Polizeibeamten in Nordhausen widerrechtlich festgenommen, misshandelt und bedroht worden sein. Gilbert Barnekow ist der Bruder von Rene Bastubbe und wollte mit drei Freunden zum Hauptfriedhof fahren. Auf dem Weg dorthin wurde das Quartett von Polizisten angehalten und aufgefordert sich auszuweisen. Barnekow soll keinerlei Ausweispapiere bei sich gehabt haben, deshalb seien ihm Handschellen angelegt worden. Er sei festgenommen worden.

Es soll für die Festnahme keine Begründung gegeben haben, vielmehr berichtet „ai“ von beleidigenden Bemerkungen der Polizisten über seinen Bruder. So soll einer der Beamten gefragt haben: „Wie fühlst Du dich denn ohne Deinen Bruder?“ Außerdem sei ihm offenbar gedroht worden, er und seine Familie hätten „in Nordhausen nichts mehr zu suchen.“

Doch die Tortur soll noch weitergegangen sein. Die Beamten wollten laut „ai“ seine Wohnung durchsuchen, als er nach Gründen fragte, habe ihm einer der Beamten „mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen“. Gegen 4.30 Uhr kam Barnekow wieder frei, ohne das je Anklage erhoben worden war. Zwei Tage später stand in der Bild-Zeitung „Ein Monat nach dem Todesschuß. Jetzt wurde sein Bruder verhaftet!“ Die Informationen sollen nach „ai“-Angaben von der Polizeidirektion Nordhausen an die Bild-Zeitung lanciert worden sein.

Gilbert Barnekow erstattete über seinen Rechtsanwalt Anzeigen wegen Körperverletzung, Freiheitsberaubung, Nötigung und Beleidigung. Anfang Juli 2003 nahm sich „ai“ dieser Sache an und bat das Thüringer Innenministerium um Aufklärung. Dazu im „ai“-Bericht: „Mit Antwortschreiben vom 25. September 2003 teilte das Ministerium mit, dass die Angelegenheit Gegenstand einer Untersuchung gewesen sei, man die Ermittlungen jedoch Mitte März eingestellt habe. Einzelheiten über die Festnahme Barnekows seien, so das Ministerium, jedenfalls nicht über die Polizei an die Bild gelangt“.
Autor: nnz

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