nnz-online

Millionengrab auf dem Lande

Mittwoch, 07. Januar 2004, 10:11 Uhr
Nordhausen (nnz). Er galt als die Inkarnation bäuerlicher Marktschläue – der Scheunenhof. Jetzt ist das Vorzeigeobjekt der Thüringer Landwirtschaftspolitik schlicht und ergreifend Pleite. Wie die EGN – und das ist nicht die einzige Gemeinsamkeit.


Wie kann man investieren, ohne selbst ein persönliches Risiko einzugehen? Wie kann man Fördermittel erhalten? Die Frage stellten sich bereits Anfang der 90er Jahre viele Menschen in diesem Landkreis. Die Antwort lautete: Über den zweiten Arbeitsmarkt. Und man brauchte eine Idee, über deren Wirtschaftlichkeit man sich keine allzu großen Gedanken machen musste. Und so gibt es erste Gemeinsamkeiten zwischen dem Projekt Scheunenhof, das CDU-Landtagsangeordneter Egon Primas im März 2001 als „die Erfolgsstory in Thüringen schlechthin“ bezeichnete, und der Entwicklungsgesellschaft des Landkreises Nordhausen (EGN).

Über die EGN wurde viel geschrieben, vieles wird noch zu schreiben sein. Ähnlich wie bei der Bleicheröder Gesellschaft wurde auch im Sundhäuser Projekt sagenhaft viel Geld abgeschöpft. Unendlich viele Fördertöpfe schien es zu geben. Solche, die in Sundhausen nicht selbst gefunden wurden, die entdeckten Politiker in Erfurt, Bonn, Berlin und gar in Brüssel. Europaabgeordneter Rolf Behrendt (CDU) höchst selbst kam in jenem denkwürdigen März nach Sundhausen und brachte neben schönen Worten auch noch 1,7 Millionen DM von der EU mit. „Leader“ hieß das Programm.

Ähnlich wie bei der EGN gab es im Scheunenhof einige Wenige, die das Sagen hatten, die es jedoch verstanden, ein Geflecht von Firmen zu schaffen, dass es jetzt schwer macht, die wirklich Schuldigen am Dilemma zu benennen. Eine zentrale Rolle spielte seit 1994/95 die Agrona. Die firmierte als Bauunternehmen, war aber im Scheunenhof-Konstrukt der Besitzer und unter anderem Gesellschafter des so genannten Zwischenvermieters. Von „Personenidentität“ spricht Insolvenzverwalter Ulrich Hauter in Mühlhausen. Und so schloß die Agrona quasi mit sich selbst einen Mietvertrag über zehn Jahre ab. „Agrona II“ vermietete dann an die Läden. Es gab aber auch rege Finanzierungsgeschäfte. Wie Hauter der nnz bestätigte, reichte eine Gesellschaft der anderen auch schon mal ein Darlehen aus – ähnlich wie bei der EGN. Schließlich gab und gibt es auf dem Sundhäuser Scheunenhof ein Geflecht von Firmen mit fast 50 Gesellschaftern, die sich aber leicht auf einige wenige Namen reduzieren lassen.

Die Agrona übrigens war in der Region in Sachen Bau unterwegs. Sie unterbot die Preise fast immer, viele Kommunen kamen deshalb bei Submissionen nicht umhin und vergaben die Aufträge. Das dort der zweite Arbeitsmarkt „missbraucht“ wurde, fiel eigentlich nicht auf. Agrona-Geschäftsführer Göbel selbst kommt aus der Landwirtschaft, war auch mal Chef des Kreisbauernverbandes mit Sitz im Scheunenhof, konnte aber zum Beispiel auf ehemalige Allbau-Macher zurückgreifen.

Letztlich lief der Scheunenhof auch, zumindest solange Fördermittel liefen. Damit dieser Strom nicht abreißt, brauchte man neue Ideen. In punkto Direktvermarktung waren die Ideen verbraucht, also mussten ein Kräutergarten und ein Streichelzoo her. Die sind gestorben, sie wurden mit dem zweiten Arbeitsmarkt beerdigt, ebenso wie die Gaststätte oder die Molkerei.

Doch glaubt man Insolvenzverwalter Hauter, dann hat das Areal eine Chance. Als der Jurist aus Mühlhausen im Herbst das erste Mal nach Sundhausen kam, da sah er im nahen Kiesteich Leute planschen. Und Hauter hatte eine Idee. Vielleicht kann man Tourismus mit Direktvermarktung verbinden. Ein Konzept, das parallel auch in Nordhausen erdacht wurde. Eine Frau will es nun wissen, will den Scheunenhof kaufen, will sich dabei keiner Fördermittel der EU bedienen, will einfach am Markt bestehen.

Und damit haben wir ihn schließlich doch noch – den Unterschied zur EGN.
Autor: nnz

Drucken ...
Alle Texte, Bilder und Grafiken dieser Web-Site unterliegen dem Urherberrechtsschutz.
© 2026 nnz-online.de