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nnz-doku: An der Rotbuche

Donnerstag, 04. Oktober 2012, 14:49 Uhr
Gestern trafen sich zum 23. Mal die Bürgerinnen und Bürger der Samtgemeinde Walkenried und der Stadt Ellrich zum traditionellen Rotbuchenfest anlässlich des Tages der deutschen Einheit zu feiern. Dabei hielt Ellrichs Bürgermeister eine Rede, die wir innerhalb unserer doku-Reihe veröffentlichen...


zum 23. mal jährt sich die Tradition des Treffens der Bürgerinnen und Bürger aus der Samtgemeinde Walkenried und der Stadt Ellrich am Tag der deutschen Einheit hier an der Rotbuche. Wir feiern heute die Überwindung einer Grenze, die nicht nur unser Land, sondern Europa in zwei Teile schnitt. Wir feiern die friedliche Zusammenfügung von Ost- und Westdeutschland.

Dazu heiße ich Sie alle sehr herzlich willkommen!
Wir wollen uns heute an die Vereinigung erinnern, nicht gestützt auf Blut und Eisen, Macht und Gewalt wie das Deutsche Reich von 1871 – sondern auf friedliche Mittel im Konsens mit Nachbarn und Verbündeten.

Die Menschen aus der Harzregion am Schnittpunkt zweier Bundesländer, insbesondere Sie liebe Bürgerinnen und Bürger aus der Samtgemeinde Walkenried und der Stadt Ellrich, haben mehr bewahrt als Mauern, Zäune und Grenztürme. Sie, nein besser wir haben etwas bewahrt, was das Leben nicht nur lebenswert macht sondern auch Zuversicht stiftet. An einem solchen Tag wie heute ist es gut zu wissen, hier waren welche von uns und wir sorgen uns um das, was sie hinterließen, zu wissen, hier kommen auch welche nach uns, und die sollen unsere Spuren finden und bewahren, das ist schon das Wesentliche dessen, was es braucht, damit unserer Treffen hier an der Rotbuche und damit die Erinnerung lebendig bleibt.

Die Ostdeutschen haben sich 1989 nach jahrzehntelanger Diktatur den Weg zur Demokratie friedlich erkämpft. 1990 wurde der Beitritt der DDR zur Bundesrepublik als unverhofftes Geschenk der Geschichte euphorisch begrüßt und die Zukunft in den schönsten Farben ausgemalt. Heute sind Ungeduld und enttäuschte Erwartungen zuweilen in Verdruss und neue Entfremdung umgeschlagen. Ist wirklich zusammengewachsen, was zusammengehörte, oder sind an die Stelle der alten Mauern jetzt andere getreten?

Die Wiedervereinigung bescherte den Menschen in Ostdeutschland viele Verbesserungen ihres Alltagslebens: Dazu gehört zuerst, dass politische Unterdrückung und Bespitzelung friedlich ihr Ende gefunden hatten und dass Menschen, die ihr Land verlassen wollen, nicht mehr Gefahr laufen, getötet zu werden. Ebenso wichtig ist, dass die Ostdeutschen die parlamentarische Demokratie und deren Institutionen grundsätzlich angenommen haben. Die Bevölkerung Ostdeutschlands beurteilte das aktuelle Erscheinungsbild der Demokratie allerdings stets wesentlich kritischer als es im Westen der Fall war.

Eng verbunden mit dem Herbst 1989 bleibt auch die Erkenntnis, bedrückende und einengende Zustände friedlich überwinden zu können.

Trotz massiver Unterstützung der Wirtschaft in den neuen Ländern und trotz milliardenschwerer Investitionen in die Infrastruktur ist das Ziel, in Ostdeutschland eine wettbewerbsfähige Wirtschaftsregion zu schaffen, erst zum Teil erreicht. Eine vollständige Angleichung der Lebensverhältnisse in Ost und West wird wohl mindestens noch eine weitere Generation brauchen.
Die Stimmungen und Empfindungen der Bundesbürger mehr als 20 Jahre nach der deutschen Einheit sind gespalten. Während im Osten 42 Prozent der Bürgerinnen und Bürger durch die Einheit für sich Gewinne sehen, sind dies im Westen nur 37 Prozent.

52 Prozent der Westdeutschen gehen davon aus, dass es dem Osten inzwischen besser geht - teilweise sogar besser als dem Westen. 75 Prozent der Ostdeutschen sind in diesem Punkt genau anderer Meinung. Diejenigen, die gern wieder die alten Verhältnisse haben wollen, werden dagegen immer weniger. Im Osten sind es gerade einmal 9 und im Westen 11 Prozent. Dies geht aus dem „Sozialreport 2010“ hervor, der in Berlin vorgestellt wurde.

Ferner meinen bundesweit 40 Prozent, dass Ost und West inzwischen zusammengewachsen sind, und sehen nur noch kleine Unterschiede. Dagegen stellen 56 Prozent immer noch große Unterschiede fest oder glauben, dass es diese auch noch in 50 Jahren gibt. 47 Prozent der Befragten im Westen sehen die Einheit als weitgehend vollendet an, im Osten sind dies nur 17 Prozent.

In Ost und West erwartet eine Mehrheit, dass sich im sozialen Bereich weiter einiges verschlechtere. In dem Report wird darauf verwiesen, dass derzeit bundesweit 18 Prozent der Erwachsenen unterhalb der Armutsrisikoschwelle lebten. Im Osten sind dies 24 Prozent, im Westen 16 Prozent. Und genau darin sehe ich die künftigen Herausforderungen an Politik und Gesellschaft, die Kluft zwischen Arm und Reich in diesem unseren Lande nicht weiter anwachsen zu lasen.

Leider wird auch die Politikverdrossenheit der Deutschen durch diese Studie untermauert. So gaben nur 15 bis 20 Prozent der Deutschen an, den Institutionen in Bund und Land zu vertrauen. Trotzdem halten die Mehrheit der Deutschen laut der Studie die Demokratie selbst für wichtig (82 Prozent im Westen, 69 Prozent im Osten). Auch diesem Trend, der zunehmenden Politikverdrossenheit, gilt es durch unsere täglicher Arbeit entgegenzuwirken.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

eines steht jedoch auch unwiderruflich fest, die deutsche Vereinigung vor 23 Jahren war improvisiert. Es gab eben keinerlei konkrete, alsbald umsetzbare Planungen für einen solchen Vereinigungsfall. Aber trotz vieler Improvisation denke ich, kann sich das Ergebnis, wie es sich heute für uns alle darstellt, sehen lassen.
Alles was nach der Vereinigung geschah, was gelang oder was auch schief ging ist jedoch nichts im Vergleich dazu, dass es ein großes Glück ist und bleibt, diese Einheit mutig und vor allem friedlich erkämpft zu haben, ein wahrer Segen nicht nur für unsere Region sondern für unser gesamtes Vaterland.

Mit der Revolution der Ostdeutschen 1989 und mit dem 3. Oktober 1990 ist Wesentliches erreicht worden: Einigkeit und Recht und Freiheit. Aus diesem Bekenntnis unserer Nationalhymne, in einem Land, das mehr als vierzig Jahre lang geteilt war, wo Freiheit, Demokratie und Menschenrechte Millionen Menschen über Jahrzehnte verweigert worden waren, sind Gestaltungsprinzipien eines wiedervereinigten Staates geworden.

Und genau dies ist Grund genug, um am heutigen Tag an die friedlich Grenzöffnung vom 11.11.1989 hier an dieser Stelle zu erinnern und das heute nunmehr 23. Treffen an der Rotbuche zu feiern.
Autor: nnz

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