nnz-online

Dresden - Fichtelberg zu Fuß: 121 km

Mittwoch, 05. September 2012, 06:27 Uhr
Natürlich bezieht sich die Überschrift auf eine Nonstop-Wanderung von der sächsischen Landeshauptstadt zum höchsten Berg Ostdeutschlands, dem 1.215 m hohen Fichtelberg. Nur drei Wochen nach der West-Ost-Querung des Harzes über 147 km gönnte sich Bodo Schwarzberg erneut einen langen Kanten...


"Eigentlich lasse ich mindestens vier Wochen zwischen zwei Hundertern zur Regeneration verstreichen, aber beim Sächsischen Hunderter musste ich eine Ausnahme machen. Es ist dem Enthusiasmus der Veranstalter zu verdanken, dass es diese bereits zu DDR-Zeiten initiierte Langstreckenwanderung wieder gibt. Und diesen Enthusiasmus wollte ich mit unterstützen", sagt er.

Natürlich aber lockte ihn auch die vom Dresdner Veranstalter-Ehepaar Behrend per Messrad abgelaufene und dadurch sehr genau vermessene, wunderschöne Strecke dieser Jubiläumsveranstaltung von Dresden-Coschütz über Rabenau, Frauenstein, Sayda, die tschechischen Ortschaften Kalek, die Pressnitz-Talsperre, Cerny Potok und Kovarska (Schmiedeberg) nach Oberwiesenthal und zum Fichtelberg.

"Nur wenige Kilometer waren waldfreie Kilometer. Das wäre noch vor 20 Jahren ganz anders gewesen. Denn damals waren die Höhen des Erzgebirges infolge des Waldsterbens fast komplett kahl", so Schwarzberg. Mittlerweile aber sei fast überall aufgeforstet worden, wenngleich verbreitet mit gebietsfremden, aber schwefeldioxidresistenten Baumarten.

Neun Wanderer taten sich die 121 Kilometer zwischen 9 Uhr am vergangenen Sonnabend und 17 Uhr am Sonntag an. Nur ein Teilnehmer beendete die Tour vorfristig - nach 103 Kilometern. Schwarzberg war der einzige nichtsächsische Mitwanderer. "In der Szene gibt es Veränderungen: Zu DDR-Zeiten reiste man ganz selbstverständlich zu Veranstaltungen in anderen Bezirken. Heute fahren nur noch wenige, ganz Hartgesottene zu Veranstaltungen, die von der eigenen Heimat hunderte Kilometer entfernt liegen", so der Nordhäuser. Der jüngste Teilnehmer war 32, der älteste 59 Jahre alt.

Die Verpflegung wurde vom Veranstalter gestellt bzw. von den Wanderern mitgeführt: Schwarzberg hatte 10 Schnitten, 2 Liter Wasser, Trockenfrüchte und drei Äpfel im Rucksack. Dazu u.a. noch Blasenpflaster, Kochsalz zur Auffüllung des Elektrolytspiegels und eine Creme gegen diverse Entzündungen, die durch die Dauerreibung auf der Haut entstehen können.
"Es gibt gefühlt lange und gefühlt kurze Hunderter, je nach Wanderlust", so Schwarzberg. Diesmal sei die Tour für ihn recht lang gewesen. Das habe u.a. an einem kräftigen Verlaufer gelegen, den der Wanderleiter verursacht hatte.

"Mit einem Mal standen wir vor einer Kirche, die wir schon von einem Besuch zwei Stunden zuvor kannten. Da kommen Freude und vor allem zusätzliche Kilometer auf", schmunzelt Schwarzberg, der nach diesem Wochenende seinen 125. erfolgreichen Hunderter feiern kann.

Loben tut er die Gastfreundschaft der Tschechen: "Ein wohl vietnamesischer Tscheche bewirtete uns noch früh um Eins, obwohl wir zu diesem Zeitpunkt nur zu zweit und ganz allein in seiner Gaststätte waren", sagt er. Am Sonntag kehrten die Wanderer bei einem Ehepaar in Schmiedeberg ein: Es war auf die Wanderer aufmerksam geworden und servierte sofort den obligatorischen Gulasch nebst Knödeln - und natürlich das genauso unvermeidliche tschechische Bier.

Ein ebenfalls anwesender älterer Mann aus Bayern stellte sich als Rentner vor, der seinen Lebensabend in Marienbad verbringt - und damit im Ort seiner Kindheit. Er berichtete von dem überwiegend sehr guten Verhältnis zu den Einheimischen, aber auch von "hasserfüllten" Begebenheiten.

"Ich persönlich mag die tschechischen Ortschaften, weil man in ihnen noch "Knicks", "Unsauberkeiten" wie Blumenwiesen und kaputte Holzzäune findet, freilaufende Hühner und Natürlichkeit der Menschen inklusive", so Schwarzberg.

Jenseits des Ortes Hai (Stolzhain) erreichten die Wanderer mit Oberwiesenthal wieder deutsches Staatsgebiet und wenig später, nach 121 Kilometern, den Fichtelberg. Am Ziel traf Schwarzberg allein ein: "Die ganz Schnellen, die allein die sportliche Herausforderung sehen, waren bereits nach rund 27 Stunden oben, ich nach 32 Stunden. - Wegen der vielen Fotos und Gespräche!", sagt er. Zwei Wanderer waren hinter ihm noch unterwegs, einer von ihnen mit riesigen Blasen an den Füßen. "Er quälte sich bewundernswert und mit einem eisernen Willen. Ich bin mir sicher, dass er es auch noch bis zum Ziel geschafft hat", so der Nordhäuser.

Knapp wurde es für ihn mit der Rückfahrt nach Nordhausen. Um 17:50 ging es von Oberwiesenthal mit dem letzmöglichen Bus nach Chemnitz und von dort per Zug nach Leipzig bzw. Halle. In der Saalestadt parkte Schwarzberg sein Auto: "Per Zug wäre ich leider nicht mehr nach Hause gekommen", sagt er.

Und was hält er vom Fichtelberg? "Er ist touristisch noch viel erschlossener als der Brocken. Auf dem Gipfel ist fast alles zubetoniert, der Weg von Oberwiesenthal hinauf gekiest und ebenfalls asphaltiert. Seine Flanken jedoch weisen ausgedehnte Bergwiesen mit einem wertvollen Arteninventar auf", sagt er.

Ende Oktober führt er den 13. Südharz-Hunderter, wie immer im Herbst, von Nordhausen nach Halle - entlang des herbstlichen Südharzes.
Autor: nnz

Drucken ...
Alle Texte, Bilder und Grafiken dieser Web-Site unterliegen dem Urherberrechtsschutz.
© 2026 nnz-online.de