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Harzquerung West-Ost: Der Bericht

Montag, 13. August 2012, 15:14 Uhr
Von den angekündigten Perseiden-Sternschnuppen sahen wir drei Teilnehmer des 7. Harz-Hunderters EXTREM kaum etwas: Vielleicht zehn oder 20 mögen es gewesen sein. Vom angekündigten Sternschnuppen-Feuerwerk aber war die Realität weit entfernt. So beginnt der Bericht von Bodo Schwarzberg...


Dabei hatten wir gehofft, dass uns das für die zweite Wandernacht zwischen 2 und 5 Uhr angekündigte Naturschauspiel ein wenig die relative Eintönigkeit der Wegstrecke zwischen Dankerode (km 102) und Wippra (km 118) vertreiben würde.

Erst hatte ich Bedenken, ob sich Teilnehmer für den 7. Harz-Hunderter EXTREM anmelden würden. Aber dann waren wir im Ziel Lutherstadt Eisleben sogar zu Dritt. Das ist im Vergleich zu 2011 eine Steigerung auf das Dreifache! Dr. André Petrasch (57)aus Naundorf bei Halle bewältigte die Strecke vom Brocken nach Eisleben über 101 km und Andreas Golm sowie ich als Organisator (beide 47) nahmen die Gesamtstrecke von 147 km von Seesen nach Eisleben unter die Wanderschuhe. Alle Gestarteten erreichten damit ihr Ziel und zum fünften Mal überquerten Wanderer den Harz nonstop, d.h. mit zwei Nächten ohne Schlaf. 2001 waren Klaus Weigel und ich die ersten, die dies erfolgreich probierten.

Nicht verlaufen

Im vergangenen Jahr gab es einen kräftigen von mir verschuldeten Verlaufer zwischen Königshütte und Trautenstein, der uns mehrere Stunden kostete. Allerdings war der Wegweiser an der verhängnisvollen Abzweigung, die zu der Fehlstrecke führte, denkbar ungünstig angebracht, d.h. der korrekte Weg war nur schwer auszumachen gewesen. Damals schlug sich der Verlaufer stark auf die Psyche zweier Teilnehmer, so dass sie vorzeitig aufgaben. Im Ziel kam ich allein an.

In diesem Jahr nun lief alles glatt. Wir hielten unseren Zeitplan ein, ohne allerdings auf die Minute zu schauen. Der aufgestellte Zeitplan ist bei einer solchen Tour ein wichtiges Werkzeug für die notwendige Selbstdisziplin: Die natürlich aufkommende Erschöpfung braucht einen Gegenspieler, welcher im Kopf sitzt: Den Wunsch, die Zeiten einzuhalten und z.B. die Gastwirte in den vier angelaufenen Gastwirte nicht durch ein Zuspätkommen zu enttäuschen. Eine weitere Triebkraft für Andreas Golm und mich war es zudem, pünktlich auf dem Brocken zu erscheinen. Denn dort wartete neben unserem Wanderfreund André auch noch eine Begegnung mit Brocken-Benno (die nnz berichtete).

Brocken-Benno

Ihn trafen wir gemeinsam mit seiner Ehefrau beim Abstieg auf der Brockenstraße. Natürlich inmitten anderer Wanderer, die ihn sehen oder ein Autogramm ergattern wollten. Er war humorvoll und sichtlich erfreut, ob des großen Interesses, das ihm bei seinem 6.4…. Aufstieg entgegengebracht wurde (siehe Fotos). Da wir den Brocken schon lange vor dem ersten Zug erreichten, befanden sich außer uns gerade einmal ca. zehn andere Gäste in der Bahnhofsgaststätte. Da war es also noch gemütlich. Auf den letzten Kilometern vor dem Brockengipfel war uns eine Läuferin aufgefallen, die mit einem sehr hohen Tempo hinaufging und uns noch vor unserem eigenen Eintreffen wieder entgegenkam.

Die Route

Für all jene Leser, die es interessiert, möchte ich hier einmal die (grobe) Route der West-Ost-Harzquerung zum Besten geben. Vielleicht könnte sie ja später Grundlage für einen „Harzer Kammweg“ sein, zumal der Hexenstieg bereits in Thale endet. In Klammern finden Sie die Kilometer und die Zeiten, zu denen wir die angegebenen Orte erreichten bzw. zu denen wir sie nach Pausen verließen: Seesen (0, 21:28), Lautenthal (11,5, 23:30-01:00), Bockswiese (ca. 17,2, 2:22), Okerstausee (25,7, 4:11), Altenau (28,4, 5:04), Torfhaus (37,2, 7:30), Brocken (46, 9:15-10:45), Schierke (52,4, 12:15), Elend (54,6, 12:50), Königshütte (61,4, 13:58), Trautenstein (68,8, 15:50-17:00), Stiege (81, 19:02), Güntersberge (86,2, 21:00), Straßberg (92,4, 22:15-0:20), Dankerode (102, 2:30-3:00), Wippertalsperre/Staumauer (112, 4:50), Wippra, Grillenberg (124, 7:30-9:20), B 86 (130, 10:35), Hergisdorf (137), Wimmelburg, Bahnhof Eisleben (147, 13:55). Das Ziel erreichten wir damit nur 25 Minuten nach der geplanten Zeit. 2011 kam ich gegen 18 Uhr in Eisleben an. Die Kilometerangaben können sich noch teilweise ändern, da die Strecke anlässlich unserer Wanderung noch einmal genau per GPS vermessen wurde und noch der punktgenauen Auswertung harrt.

Längere Pausen gab es in Gaststätten von Lautenthal (11,5), auf dem Brocken (46), in Trautenstein (69), Straßberg (92) und Grillenberg (124). Überwiegend zufrieden waren wir diesmal mit der Ausschilderung der Wanderwege. Hier scheint sich einiges zum Positiven zu wenden, wenngleich es nach wie vor am Anbringen von Wegmarkierungen hapert. Wegweiser allein reichen nicht als Informationsquelle.

Manche Wege sind zudem in einem für Alltagswanderer nicht sehr tollen Zustand: So mussten wir uns zwischen Dankerode und der Wippertalsperre kilometerweit mit einem durch den Forst katastrophal aufgefahrenen und verschlammten Weg auseinandersetzen. Gleiches begegnete uns vor Trautenstein. Der Weg vom Allerbachtal nach Trautenstein ist teilweise fast zugewachsen. Die Markierungen fehlen zwischen Grillenberg und Hergisdorf verbreitet. – Nicht jeder kann heute noch wie wir mit Karte und Kompass umgehen. Das sollten die Tourismusförderer berücksichtigen.

Probleme unterwegs?

Blasen oder/und wunde Stellen an den Füßen können auftreten. Zwei von uns aber blieben so gut wie beschwerdefrei. Natürlich werden die Beine schwer mit der Zeit und der Kampf gegen das nicht enden wollende, aber freiwillig auferlegte Gehen will vor allem in der zweiten Nacht ständig von Neuem geführt werden. Das sich ständige Überwinden ist das Extreme an einer extremen Wanderung. Das Gefühl des Glücks erwächst daraus und aus dem am Ende erreichten Ziel – wie im richtigen Leben halt. Der nächste Ort ist bei einer solchen Tour das nächste Ziel oder die nächste Pause. Das ist psychisch sinnvoller, als sich zu sagen, „Mensch, in 24 Stunden läufst Du immer noch!“.

Und für alle Nachahmer ein kleiner Hinweis: Trinkt Bier unterwegs, so viel ihr wollt und vertragt, aber keinesfalls vor der zweiten zu durchwandernden Nacht. Ihr verliert sonst den Kampf gegen den Schlaf!

Von Vorteil ist auch die Harmonie im Team. Wir drei haben uns hervorragend verstanden. Alle Gestarteten haben schon zahlreiche Hunderter absolviert. Sie wussten, was für Probleme aufkommen können und wie man mit ihnen umgeht. Nach der Tour habe ich übrigens 14 Stunden geschlafen.

Glückwunsch für Andreas Golm

Er absolvierte erstmals eine Strecke weit jenseits der 100 Kilometer. Damit gehört er zu den wenigen, die die gewaltige Hürde einer „zweiten Nacht“ ohne Schlaf und mit dauerndem Wandern mit Erfolg rissen.

Dank an die Gastwirte

Denn sie haben u.a. ertragen, dass wir unsere Köpfe zu einem Schläfchen auf die Tischplatte sinken ließen oder, wenn keine anderen Gäste im Raum sind, unsere Füße begutachten.

Sonstiges

Immer wieder sind die Reaktionen interessant, die uns begegnen, wenn wir Menschen unterwegs von unserer Route erzählen. Da gibt es die einen, die das vollkommen ignorieren, andere sind fast entsetzt und wieder andere berichten von den eigenen Wandererfolgen. Wieder andere lassen uns wissen, dass sie sich von uns nicht für voll genommen fühlen. Mit anderen Worten: Sie fühlen sich von uns vera….t.

Wie weiter?

Auch im kommenden Jahr werde ich wieder (hoffentlich) mit anderen Wanderfreunden den Harz in seiner gesamten Länge überqueren. Wer mit einer Teilnahme liebäugelt, der sei herzlich zu meinen anderen Touren eingeladen. Die nächste ist der 14. Südharz-Hunderter von Nordhausen nach Halle vom 27. bis 29.10. Natürlich sind hier auch kürzere Strecken zwischen 19 und über 70 km möglich. Sollte sich ein Mitstreiter finden, so können auch 200 km unter die Füße genommen werden. Denn ein Zurückwandern nach Nordhausen ist nicht ausgeschlossen.
Bodo Schwarzberg
Autor: nnz

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