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Nordhäuser Chronik auf dem Markt

Dienstag, 09. Dezember 2003, 15:01 Uhr
Nordhausen (nnz). Ein Buch in die Hand zu nehmen, das auch vom äußeren Augenschein angenehm auffällt, ist das erste Buchvergnügen. Wenn dann auch die innere Gestaltung ansprechend und anregend ist, so ist das noch ein Pluspunkt mehr. Jetzt ist die Sieckel-Chronik auf dem Markt. Dazu Anmerkungen von Heidelore Kneffel.


Alt-Nordhausen Und dann kommt natürlich die Hauptsache, das Lesen. Nachdem man das von Markus Veit im zur Neige gehenden Jahr 2003 herausgegebene Buch aufgeschlagen hat - 250 Jahre nach dem Erscheinen des Originals dieser Nordhäuser Chronik von Johann Christoph Sieckel -, sieht man eine Karte der Stadt, auf der fein säuberlich die Häuser (wirkliche Häuser!), die Straßen und Plätze, die Stadtmauer, die Zorge eingezeichnet sind. Also, begeben wir uns mit Johann Christoph Sieckel in die barocke Stadt, in "Die nach zweyen unglückl. Feuers-Bränden sich wieder erhohlte Käyserl. fr. Reichsstadt Nordhausen, ..."

Bemerkenswert war für mich besonders der Teil, in dem sich der Autor über die Verhältnisse in seiner Heimatstadt zu seinen Lebzeiten äußert. Da ist er ja Zeitzeuge, das ist die Chronik also so identisch wie möglich. Im aufschlussreichen Vorwort Markus Veits zu dieser Neuauflage erfährt man, dass Sieckel 1695 in einer alten angesehenen Nordhäuser Familie geboren wurde und sein Vater Lehrer am städtischen Gymnasium war. Der Sohn studierte Rechtswissenschaften und übte den juristischen Beruf in Nordhausen aus. Er starb am 5. Juni 1753 im Alter von 58 Jahren.

Besonders aufmerken lässt, dass Sieckel mit dem Leser einen Stadtrundgang unternimmt. Dankenswerter Weise hat der Herausgeber an den Seitenrand – das betrifft das gesamte Buch - Stichworte gesetzt, die die Orientierung sehr unterstützen. Ich zähle einige auf, damit man erfährt, wohin uns der Autor führt: Zum Rathaus, zum Roland, zu der Marktkirche St. Nicolai, zum Ratskeller, zum Riesenhaus, zum Walkenrieder Hof, zum Waisenhaus, zu den Brunnen "Leda mit dem Schwan" und "Laokoon", zum Gymnasium, zur Schlunz-Treppe, zur Töpferstraße, zum Blasii-Pfarrhaus, zum Spendekirchhof, zur Wassertreppe usf. Es sei mir gestattet, einen kleinen Auszug aus diesem Stadtgang im Original zu zitieren, einmal, um die deutsche Sprache der damaligen Zeit zu verdeutlichen und auch den Schreibstil Sieckels:

"Das Altendorff, welches von denen Feuer-Bränden verschonet geblieben. Es ist aber diese lange Strasse zu dieser Zeit durch das vor einigen Jahren abgerissene alte Seiger-Thor gantz durchsichtig, und daher in eine gerade Linie gebracht, zugleich auch das alte ausgefahrne Stein-Pflaster ausgehoben, und mit grossen Kiesel-Steinen neu gepflastert worden, daß solche nunmehro wohl aussiehet, und durch die erfolgten Reparaturen so wohl, als wegen verschiedener neu erbaueten Häuser ein kleines Ansehen gewonnen."

Zu Ruhm und Andenken seiner geliebten Vaterstadt schreibt der Autor anschließend einen sechsseitigen Lobgesang. Dann nennt er alte und neue Merkwürdigkeiten der Stadt. Hierin schildert er die beiden verheerenden Stadtbrände von 1710 und 1712 und den Wiederaufbau. Auch die Bürger Nordhausens stehen vielfach verzeichnet, besonderes die Bürgermeister, Pfarrer und Ratsherren. Aber auch tragische Ereignisse, wie die Hinrichtung verzweifelter Mütter, die zu Kindesmörderinnen wurden, werden geschildert.

Wir erfahren vom Mord in der Neustadt, vom Ertrinken im Mühlgraben, von der Errichtung des Meerpferdchenbrunnens 1737, von Hagel so groß wie Gänseeier 1738. Am 20. August des letztgenannten Jahres "wurde vor dem hiesigen Bielen-Thore das Gerichte von tüchtigen eichenen Holtze vom Grunde auf neu erbauet." Auch Teuerungsraten bei Lebensmitteln werden aufgelistet. Neben Begebenheiten aus Nordhausen tauchen auch immer wieder solche aus der Umgebung auf. Den Bericht über die Ereignisse zu seinen Lebzeiten schließt er mit dem 30. Juli 1752.

Wasserfluten
“Den 30 dito ist durch den so wohl vorhin fast den gantzen Monath herdurch, als in solcher Nacht eingefallenen häuffigen Regen der grosse Teich bei Schiedungen, welcher 100 Acker in sich hält, und mit 3000 Rthl. Fischen besetzet worden, aufgerissen, und hat unter solchen Teiche das Wasser unten im Grunde nicht nur eine Horde mit dem Schäfer und Schaffen hinweg genommen, sondern sich auch dasselbe den gantzen Strich durch Kleinen Werther hindurch bis über die Helme und Rode-Brücken in unsre Fluhr davon ergossen, und einige todte Schaffe herüber gebracht. Die Früchte an der Werther-Brücke stunden einige Tage biß an die Aehren im Wasser, und dasselbe hat sich des folgendes Tages bis über die Werther-Rode-Brücke und Helme ausgebreitet, dass weder jemand darüber fahren, noch reuten können."

Wenn man diese Chronik Johann Christoph Sieckels gelesen hat, weiß man mehr über Nordhausen, geht wissender durch die Straßen. Für den Preis von 19,95 Euro ist die Neuauflage im Buchhandel erhältlich.
Heidelore Kneffel
Autor: nnz

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