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Menschenbilder (39)

Montag, 16. Juli 2012, 06:43 Uhr
Nach dem Ende 2011 erschienenen ersten Band der Reihe "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" plant der Nordhäuser Autor Bodo Schwarzberg für das Jahr 2013 die Herausgabe des Folgebandes unter demselben Titel. Die nnz wird künftig weitere Texte aus beiden Ausgaben der Buchreihe veröffentlichen. Der aktuelle erscheint in nächsten Ausgabe...

Renate Werther

Sozialpädagogin, Kinderdiakonin, langjährige Leiterin des Evangelischen Kindergartens in der Nordhäuser Spiegelstraße

„Ich wusste schon mit 15, dass ich den richtigen Beruf gewählt hatte“, sagt Renate Werther, die zwischen 1969 und 1985 Leiterin des Evangelischen Kindergartens in der Nordhäuser Spiegelstraße war. Auch der Autor dieses Buches erinnert sich gern an den liebe- und rücksichtsvollen, einfühlsamen Umgang der Erzieherinnen dieser Einrichtung mit den ihnen anvertrauten Kindern. Immerhin waren die von uns vertrauensvoll „Tanten“ genannten jungen Frauen über mehrere Jahre und viele Stunden am Tag unsere wichtigsten Bezugspersonen, die uns spielerisch viele Kleinigkeiten für das künftige Jugend- und Erwachsenendasein in einer nicht immer einfachen Welt vermittelten.

„Freundlich und fröhlich, das war und ist meine Art“, sagt die am 03.01.1938 in Swinemünde geborene Sozialpädagogin. Dabei waren ihre eigenen Kindheitsjahre von nicht allzu viel Unbeschwertheit geprägt: Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs hüllten Nebelgranaten ihre Geburtsstadt Swinemünde ein, um feindlichen Bomberpiloten kein „sicheres“ Ziel zu bieten. An den Nebel erinnert sich Renate Werther noch genau. Ihr Vater Walter Steffens war zu diesem Zeitpunkt bereits gefallen. Seine ewige Ruhe fand er irgendwo bei Donezk.

Wo genau, das weiß die Familie bis heute nicht. Die Flucht vor der anrückenden Roten Armee führte das Mädchen an der Seite der Mutter Ilse Steffens, geb. Sänger, nach Ilfeld im Südharz, weil sie dort bei ihren Großeltern, dem Fleischermeister und Innungsobermeister Otto Sänger und seiner Frau Elise, eine zeitweilige Bleibe finden konnten. Doch kaum dort angekommen, ereilte die Familie der nächste Schicksalsschlag: Die Schwester von Ilse Steffens, Ursula Pflug, geb. Sänger, wurde im Harzquerbahnhof Nordhausen-Nord am 19.12.1944 von einem anfahrenden Zug überrollt und dabei tödlich verletzt.

„Ich sehe mich während dieser Tage noch unter dem Küchentisch sitzen, weil alle unter Schock standen und niemand Zeit für mich hatte“, denkt Renate Werther zurück. Das sich nach 1945 anbahnenden Regime erlebte das Mädchen als nicht sehr vertrauenserweckend: Nachdem man ihren Großvater beim „Schwarzschlachten“ beobachtet hatte, musste er eine Haussuchung und schließlich eine Verhaftung über sich ergehen lassen. Schließlich wurde er enteignet. Das „Schwarzschlachten“ war damals eine verbreitete existentielle Notwendigkeit, um das durch die Eingriffe der sowjetischen Besatzer entstandene Defizit auszugleichen.

Renate Werther besuchte bis zur achten Klasse die Ilfelder Schule und hätte gern Abitur gemacht. Da ihre Familie bei den staatlichen Organen jedoch längst in Ungnade gefallen war, stellte sich dieses Ziel als illusorisch heraus.

1953 machte sie eine Bekannte auf den Evangelischen Kindergarten in der Spiegelstraße aufmerksam, der aus einem Montessori-Kindergarten hervorgegangen war und zur St.-Blasii-Gemeinde, damals unter Pfarrer Trautmann, gehörte. „Die damalige Leiterin Erna Wilke und ihre Kolleginnen nahmen mich herzlich auf. Ich lernte alles für den Beruf als Kinderdiakonin Notwendige, vom Umgang mit den Kindern bis hin zur Hauswirtschaft“, denkt die spätere Sozialpädagogin zurück. Aus Renate Werther wurde in der Spiegelstraße „Tante Renate“, der wohl für alle damaligen Kindergartenkinder nur mit angenehmen Erinnerungen verbunden ist.

Für sie indes ging der tief in ihr verwurzelte Wunsch nach stetiger Weiterentwicklung, Weiterbildung und nach neuen Erfahrungen in Erfüllung: „Immer nur an ein und demselben Ort zu arbeiten und zu lernen, das kann nicht gut sein“, sagt sie noch heute. Nach den zwei Jahren als Wirtschafts- und Kindergartenhelferin in Nordhausen absolvierte sie beim Diakoniewerk Halle zwei Jahre lang, von 1955 bis 1957, eine Ausbildung zur Kinderdiakonin und wurde im Anschluss an ein Anerkennungsjahr in einem halleschen Kindergarten bis 1963 an zwei evangelischen Kindergärten in der Harzstadt Wernigerode eingesetzt.

Während der Ausbildung war ihrer Mutter von den DDR-Behörden die Halbwaisenrente auf Grund des beruflichen Engagements von Renate Werther in der Kirche aberkannt worden. „Das war eine unbelastete, unbeschwerte Zeit für mich. Ich lernte Posaune spielen, schrieb Märchen, die die uns anvertrauten Kinder aufführten, organisierte Elternabende und Feste“, erinnert sie sich. Durch die Heirat ihres ersten Ehemannes Gerhard Krause im Jahre 1963 verschlug es die junge, strebsame Erzieherin an den Evangelischen Kindergarten St. Marien in Greifswald, bevor sie mit ihrer Familie, am 20.05.1967 hatte Sohn Matthias das Licht der Welt erblick, aus privaten Gründen nach Ilfeld zurückkehrte.

Sie arbeitete auch hier als Kinderdiakonin und wurde 1969 vom damaligen Superintendenten Treutler gebeten, den Kindergarten in der Spiegelstraße als Leiterin zu übernehmen. „Das Verhältnis zwischen meiner Vorgängerin einerseits und den Erzieherinnen und Kindern andererseits, war von Auseinandersetzungen und zahllosen Problemen geprägt. Aber erst mit Hilfe des FDGB gelang es dem Superintendenten, die Leiterin zum Gehen zu bewegen“, erklärt Renate Werther die Situation im Jahre 1969. Doch kurze Zeit nach der Amtsübernahme führte der Unfalltod ihres Ehemannes zu einem dramatischen Schlag gegen die Lebens- und Lernfreude der jungen Frau. Am 23.05.1969 verstarb Gerhard Krause an den Folgen eines Verkehrsunfalls auf der „HO-Kreuzung“. Sechs Wochen später wurde Renate Werther von Mitarbeitern der Stasi aufgesucht.

Sie fragten, ob ihr Mann wohl schnell nach Hause wollte, um einen Film im Westfernsehen nicht zu verpassen. Weiterhin fragten die ungebetenen Gäste Renate Werther nach ihren Kirchenbesuchen und forderten sie auf, mit niemandem über den Besuch der MfS-Vertreter zu sprechen. Die Witwenrente wurde Renate Werther 1970 mit der Begründung gekürzt, sie solle den „sozialistischen Unfall“ nun nicht mehr zum Anlass nehmen, staatliche Mittel weiterhin in vollem Umfange beziehen zu wollen. Von ihrer Vorgängerin als Leiterin des Evangelischen Kindergarten hörte sie ebenfalls keine tröstenden Worte: „Dass Ihr Mann tödlich verunglückte, ist die Strafe Gottes“, sagte diese ihr ins Gesicht. Dem damaligen Superintendenten Treutler rechnet es Renate Werther besonders hoch an, dass er sie durch die Motivierung für ihre neue Aufgabe sozusagen „ins Leben“ zurückholte.

Der Kindergarten in der Spiegelstraße stand bei den Eltern so hoch im Kurs, dass eine lange Warteliste auf einen entsprechenden Platz unausweichlich war. Rund 90 Kinder, vielfach aus Arztfamilien und nach dem Alter aufgeteilt auf kleine, mittlere und große Gruppen, wurden täglich von ihren Angehörigen gebracht. „Grundsätzlich durfte jedes Kind zu uns kommen, unabhängig von seinem Glauben und von seiner Herkunft“, betont Renate Werther.

Die Einrichtung war ökumenisch angelegt und erhielt keinerlei staatliche Unterstützung. Enge Beziehungen bestanden zur Nordhäuser Domgemeinde. Auf Grund des Kontaktes zu westdeutschen Kirchengemeinden konnten die Kinder mit Legos und sogar mit Matchbox-Autos spielen. Für das Spielen mit letzteren gab es eine Warteliste. Die Kinder lernten ausgesprochen viel und auf hohem Niveau: „Einmal wurden wir zu einem Wettbewerb mit staatlichen Kindergärten in den Schachtbau eingeladen. Mit der Aufführung des Märchens von den Kölner Heinzelmännchen belegten wir den ersten Platz. Mit einem Puppenwagen als Preis verließen wir die Veranstaltung. Eingeladen wurden wir nie wieder“, erzählt Renate Werther, die in all den Jahren zahlreiche Weiterbildungen absolvierte.

Insbesondere qualifizierte sie sich zwischen 1985 und 1987 auf Initiative des Bundes der Evangelischen Kirchen der DDR zur „Fachberaterin Kinderdiakonie“ - nach westdeutschem Vorbild und unter westdeutschen Professoren.

Ihre vielen, in den 16 Jahren als Leiterin des Kindergartens gewonnenen Erfahrungen, gab die Erzieherin von 1986 bis 1994 als Referentin und Dozentin an den beruflichen Nachwuchs weiter, so an der Evangelischen Fachschule Wolmirstedt und später am Weiterbildungsseminar Halberstadt des Diakonischen Amtes Magdeburg.

Dem Wunsch der Evangelischen Kirche und ihrer Familie entsprechend, kehrte sie für ihre letzten drei Berufsjahre nach Nordhausen zurück: Als Leiterin der Familien- und Lebensberatungsstelle des Diakoniewerk Nordhausen leistete sie Arbeitslosen, Alkoholabhängigen und Obdachlosen Hilfestellung bei der Bewältigung von deren vielfältigen Problemen. „Von meiner Kirche erhielt ich während dieser Zeit allerdings nur wenig Unterstützung“, kritisiert sie rückblickend.

Längst war Renate Werther zu diesem Zeitpunkt Sozialpädagogin mit einem anerkannten bundesdeutschen Abschluss, nachdem sie ihrer DDR-Qualifikation als „Fachberaterin für Kindererziehung“ nach der Wende in Stuttgart einen weiteren Fachhochschulabschluss hinzugefügt hatte (1992). Von 1997 an brachte sie ihre berufliche und ihre Lebenserfahrung acht Jahre lang als Schöffin beim Jugend-Schöffengericht Nordhausen ein. Kurzzeitig war sie CDU-Mitglied und engagierte sich in der Frauenunion. Schließlich sei es ihr aber doch wichtiger gewesen, parteilos zu sein, sagt sie.

Privat genießt sie ihr Leben seit 1985 an der Seite ihres zweiten Ehemannes Hans-Dieter Werther (siehe Bd. I). Gemeinsam unternehmen die beiden vieles, was ihren Interessen an Politik und Kultur entspricht: „Ich lese keine Liebesromane, sondern Sachbücher“, betont Renate Werther. Viel Kraft und Freude schöpft das Paar aus ihren insgesamt drei Kindern (Matthias, Sohn von Renate Werther, 45, Astrid und Petra, Kinder von Hans-Dieter Werther, 47 und 49) und aus dem Wachsen und Gedeihen der sechs Enkel- und zwei Urenkelkinder.
Bodo Schwarzberg

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Autor: nnz

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