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nnz/kn-Betrachtung: Ausgeträumt

Freitag, 29. Juni 2012, 16:37 Uhr
Jeder warnte vor diesem (im guten Sinne) „Straßenköter“, der „Skandalnudel“ oder dem „Pflegefall“ Balotelli, doch trotzdem schlug er gleich zweimal zu und ließ alle fast schon sicher geglaubten EM-Träume brutal zerplatzen. Eine (Nach)betrachtung von Hans-Ullrich Klemm.


In der Liste des gruselerregenden, erst 21-Jährigen, der als erster italienischer National-Spieler am ganzen Körper gebräunt ist, überwiegen allerdings trotzdem noch die Ausraster gegenüber seinen bisherigen Erfolgen, obwohl darin bereits vier Landesmeisterschaften und ein Champions-League Gewinn registriert sind.

Symbolisch für jedermann ist sein für diese Tage ausgewählter glatt geschorener Haarschopf, der von einem farblich gut abgehobenen, genau in der Mitte sitzenden Hahnenkamm besteht. Dieser trennt seine zwei so gravierenden Gegensätzlichkeiten zwischen einem „Skandalabonnenten“ und einem „Genie“. Der neue Trainer Brandelli wird von den Experten als Architekt eines völlig veränderten Team genannt, weil sich besonders dieser Muskelprotz neu unterordnete.

Allein seine beiden brillanten Einzelleistungen nach jeweils guter Vorarbeit der eigenen Mannschaftskameraden und eingelegten Schlafeinlagen einzelner deutscher Abwehrspieler sorgten für das enttäuschende und damit vorzeitige Aus des vermeintlichen Favoriten und schon (fast feststehenden) Europameisters Deutschland. Dieses völlig überzogene, unangebrachte Selbstvertrauen entpuppte sich allerdings gestern als Selbstbetrug!

Ab sofort interessiert sich wohl kein Deutscher Zuschauer oder Journalist mehr dafür, ob in den Nächten die Beine von Gomez oder Trainer Löw zucken, Reus eine schönere Haarfrisur als sein Mittelstürmerkollege trägt oder ob Danzig angesichts der Weltgeschichte der von Manager Bierhoff richtig ausgewählte Quartierort der Deutschen war.

Eigentlich ist es auch schade, dass der vom Altinternationalen, L. Matthäus, als „Wundertrainer“ geadelte Löw nach seiner Fehlentscheidung bei der fragwürdigen Besetzung, wo er sich erstmals so richtig verzockte, kein Einsehen hatte.

Nun müssen er und seine große Truppe – es ist kaum zu glauben – wie die meisten millionen Zuschauer, das Endspiel in Kiew nur vor dem heimatlichen Bildschirm anschauen und dabei beobachten, welche glücklichen Spieler mit ihrem Anhang den wichtigsten Pokal unseres Kontinentes in Empfang nehmen dürfen.

Mit dem Verschwinden der traurigen deutschen Spieler, die lediglich mit 100 000 Euro Schmerzensgeld pro Person „abgefunden“ wurden, in die Kabinengänge des Stadions, wo eigentlich Feierlichkeiten vorbereitet waren, sind gleichzeitig auch die Pläne der Freudenfeste nach der Rückkehr erloschen. Mit dieser Niederlage brachen auch sämtliche Hoffnungen auf einen Riesenabsatz am Wochenende von Getränken, Feuerwerkskörpern, Fanartikeln sowie lustiger Gesprächsrunden von Organisatoren verschiedener Events in allen Regionen mit prominenten Gästen, die mit dieser EM in Verbindung stehen. Autos mit den geschmückten Landesfarben Farben scheinen in allen verfügbaren Garagen verschwunden zu sein.

In einer bekannten Zeitung las man bereits vor diesem Halbfinaltreffen, dass die deutschen „Lahmchen“, „Özilchen“ und „Reuslein“ zu klein , zu schwach und zu brav sein könnten, um die Duelle mit „Monster“ Balotelli, Taktiker, Spielmacher und Schlitzohr Pirlo sowie Kämpfer Cassano gewinnen zu können. Genau aber diese Italiener, mit ihrer bereits im Vorfeld eingeschätzten Kritik „für Nichts geeignet, doch zu Allem fähig“, waren tatsächlich erneut Endstation für unsere „Möchtegern-Europameister“, die an ihrer eigenen Arroganz scheiterten, wie bereits die Damen bei ihrer WM 2010 im eigenen Land.

Ein berühmter Italiener (Tapattoni) hat einmal gesagt: “schrei' nicht Katze, wenn du sie noch nicht im Sack hast“, wie wahr! Vielleicht dachte er dabei an seine früheren Bayern in München, die gleich dreimal in dieser Saison am Braten nur riechen konnten...

Zum Schluss ist mir aufgefallen, dass diesmal die Bundeskanzlerin nicht auf der Ehrentribüne saß, dafür der neue DFB-Chef Niersbach ausgerechnet neben dem umstrittenen FIFA-Chef Blatter. Das wird wohl nicht der wahre Grund der Niederlage gewesen sein…., oder doch?.
Hans-Ullrich Klemm
Autor: nnz

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