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nnz-doku: Nordhausen-Museum

Samstag, 30. Juni 2012, 14:00 Uhr
Es war der vermutlich letzte offizielle Termin von Barbara Rinke als Oberbürgermeisterin von Nordhausen: Die Eröffnung der "neuen" Flohburg. Innerhalb der doku-Reihe veröffentlicht die nnz die Rinke-Rede...


„Das ist es doch, was die Nordhäuser endlich sehen wollten - authentische Zeugnisse ihrer eigenen Geschichte und keine Beliebigkeiten, die es in jedem Museum zu sehen gibt.“ - Es war im Juni 2005, als eine alteingesessene Nordhäuserin im „Tabakspeicher“ sehr nachdrücklich diese Forderung erhob. Damals schlugen die Wellen hoch, weil der „Tabakspeicher“ ein neues Konzept bekam. Kompromisse wurden gefunden, Probleme klärten sich – doch die Worte der Frau sind mir noch lange im Gedächtnis geblieben - weil sie richtig waren.

Gedächtnis – das ist der Begriff, der eine zentrale Bedeutung im Zusammenhang mit dem stadtgeschichtlichen Museum hat. Das Gedächtnis unserer Stadt – es war bis zum heutigen Tage über Jahrhunderte hinweg auf Wanderschaft. Der Stationen gab es viele: Das Naturalienkabinett des Pastor Lesser, die Sammlung des Antiquars Fischer, der sie im Jahr 1869 an den Magistrat übergab, mit dem Hinweis, man möge eine „gutes Plätzchen dafür finden“.

1872 kam dann der Beschluss der Stadt zur Einrichtung eines städtischen Museums, 1874 nimmt sich dann der schon damals bestehende Geschichts- und Altertums der Stadtschätze an – ein gutes Beispiel übrigens, dafür, dass die Bewahrung der Stadtgeschichte schon früh ein Anliegen der zivil verfassten Bürgerschaft war. Gleich hier nebenan, im Vorderhaus des Lyzeums in der Blasiistraße gab es eine stadtgeschichtliche Sammlung, später in der Knabenschule am Taschenberg, zwischendurch auch mal in der Schule an der Predigerstraße, schließlich im Museumshaus am damaligen Friedrich-Wilhelm-Platz, dann in der Beckerschen Villa, im Lindenhof und, zusammengepfercht, im damaligen Meyenburg-Museum.

Eine an Geschichte und Geschichten so reiche Stadt wie Nordhausen verdient dieses Nomaden-Leben ihres Gedächtnisses nicht. Denn erinnern heißt auch, innezuhalten, zurückzuschauen, um sich Selbstgewissheit zu geben, für die Zukunft das Richtige zu tun. Dazu braucht dieses Erinnern einen festen Ort, auch um dort Dinge aus der Gegenwart abzulegen, ob mental, spirituell oder dinglich.

Das Gedächtnis unserer Stadt Nordhausen muss seit heute nicht mehr in dunklen Speichern hocken, muss nicht mehr als Mieter zu Gast in fremden Häusern sein.

Einen festen Ort der Erinnerung hat sich diese Stadt nun gegeben. Mit dem modernen Anbau gehen Gegenwart und Zukunft eine Symbiose ein – hier an einem der ältesten Gebäude der Stadt. Und wir machen wunder- bare Entdeckungen. Bei der Sanierung des Gebäudes stoßen wir auf bisher unbekannte, wertvolle und beeindruckende Zeugnisse unserer Vorfahren: Die Bohlenstube oben im Altbau, die sich über Jahrhunderte hinter Verkleidungen, Putz und Farben versteckte, und dann ganz unten, unter der Erde die historischen Keller. So haben sich ausgerechnet hier vor Ort weitere Mosaiksteine der Stadtgeschichte offenbart, als wollten sie sagen, schaut her, ihr müht euch nicht vergebens.

Ja, es war ein Mühen, die 1085 Jahre an einem Ort zusammenzuführen, denn es gab 1945 jene beiden finsteren April-Tage, an denen Nordhausen fast alles verlor. Familiengeschichten wurden ausgelöscht. Vieles wurde begraben unter den Trümmern, wurde gefressen vom Feuer. Familiengeschichten wurden ausgelöscht. Auch deshalb, weil so viel Wichtiges – an erster Stelle natürlich die Menschen – verloren ging, ist es gut und richtig, sich diesen Ort der Erinnerung zu schaffen, hier mitten in der Stadt, in einem der wenigen historischen Häuser, das von den Bomben verschont blieb.

Doch unser neues Museum – es ist nicht das in Stein gefasste kalte Gehäuse von historischen Fakten. Nein – die Flohburg ist auch und vor allem ein Haus der Menschen. Jener Menschen, die über die Jahrhunderte Stadtgeschichte schrieben und jener Menschen, die in den zurückliegenden Monaten das Haus geplant und gebaut haben, es ist das Haus derer, die sich die Köpfe darüber zerbrochen haben, wie man die vielen Zeugnisse der Nordhäuser Geschichte ordnet und systematisiert.

Es ist das Haus derer, die im Ehrenamt als Mitglieder verschiedener Arbeitsgruppen im jeweiligen Fachgebiet die Exponate gesichtet-, ausgewählt und geordnet haben, bis in die letzten Tage hinein, es ist das Haus des Fördervereins dieses Museums, denen dieses Haus besonders ans Herz gewachsen ist Und es ist das Haus jener Nordhäuser, die zu uns gekommen sind mit Erinnerungsstücken und uns diese anvertraut haben. Nun sollte es auch das Haus unserer Kinder und Enkel werden, die hier auf Entdeckungsreise gehen können, denn Geschichte kann man bekanntlich nur rückwärts verstehen.

Allen Helfern sei an dieser Stelle gedankt. Herrn Dr. Kuhlbrodt, Herrn Grönke, Herrn Hellberg, Herrn Kirsch, Frau Lautenschläger, Herrn Heise, Herrn Wahlbuhl sowie Herrn Holdefleiß als Fördervereinsvorsitzenden, Herrn Liesegang, Herrn Gerboth als Architekt und dem Ausstellungsbüro Ikon Hannover und natürlich den Mitarbeitern der Stadtverwaltung, ganz vorn Herrn Rennebach und natürlich Frau Dr. Klose als engagierte Historikerin und Amtsleiterin.

Und da schließe ich den Dank an Herrn Minister Carius und die großzügige Förderung aus Städtebaumitteln ausdrücklich mit ein, genauso wie die Unterstützung aus dem Kultusministerium.
Autor: nnz

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