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Digitale Sensation

Dienstag, 19. Juni 2012, 06:30 Uhr
Goldfunkelndes Blech und tolle Klänge beherrschten am vergangenen Wochenende die Szenerie in Nordhausen und weiteren Gemeinden des Landkreises. Etwa 500 Musiker waren dem Ruf der Veranstalterin – der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland (EKM) – gefolgt und zum Landesposaunenfest in die Rolandstadt gereist. Und neben einer Vielzahl von Freiluftkonzerten, einer Bläserserenade und festlichen, von Posaunenchören gestalteten Gottesdiensten gab es auch noch eine Sensation...


Das diesjährige Fest stand unter dem Motto „Nordhäuser Doppelklang“ – wohl eine Anspielung auf den hier gebrannten und nicht nur in Nordhausen geliebten Schnaps. Doch es war nicht das erste dieser Art. Bereits im Jahre1959 und dann noch einmal 1979 – also in der DDR-Zeit – war die Stadt am Harz eine gute Gastgeberin für Landesposaunenfeste.

Vom Posaunenfest des Jahres 1959 existiert ein Ton-Bild-Vortrag, der vom Kirchlichen Tonbilddienst Magdeburg (KTM) produziert wurde. Der langjährige Nordhäuser Kreiskatechet Herbert Gerhardt hatte die Idee, diese historische Dia-Ton-Schau im Rahmen des Posaunenfestes interessierten Nordhäusern und ihren Gästen vorzuführen. Wenn auch im Programmheft nicht vermerkt – so hatte doch die nnz am 11. Juni 2012 noch rechtzeitig auf diese Veranstaltung in breiter Aufmachung hingewiesen. Mittels beeindruckender Schwarzweiß- und Farbaufnahmen des Fotografen Mahrhold und Tonmitschnitte von Herbert Gerhardt, die die Stadt Nordhausen aus unterschiedlichen Blickwinkeln und Zeiten präsentierten und kommentierten, wurden die Zuschauer behutsam auf das Posaunenfest im Jahre 1959 eingestimmt.

Kleine, mitunter zum Schmunzeln wie auch zum Nachdenken anregende Geschehnisse im Originalkommentar und in Nordhäuser Mundart von Gärtnermeister Jödicke vorgetragen, machten den besonderen Reiz dieses Vortrages aus. Zu sehen und zu hören war auch das bedrückende Ereignis der Sprengung des verbliebenen Turmes der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Jakobi-Kirche. Und das ausgerechnet am Sonntag, dem 27. September 1959 – dem zweiten Tag des Posaunenfestes! Herbert Gerhardt hatte die umstrittene Sprengung damals akustisch „eingefangen“.

Nun war sie noch einmal zu hören. Bis heute ist nicht eindeutig geklärt, ob die Sprengung an diesem Tag Zufall war oder von den staatlichen Behörden für diesen Tag bewusst festgesetzt wurde. Die Vermutung tendiert nach heutigen Erkenntnissen eher hin zum Zufall, hatte doch Ende der 1950er Jahre ein „Tauwetter“ zwischen Staat und Evangelischer Kirche in der DDR eingesetzt. Nur so ist es auch zu erklären, dass auf Antrag Herbert Gerhardts als Hauptorganisator des Landesposaunenfestes 1959 der damalige Leiter Inneres des Rates des Kreises Nordhausen, Heinz Nitschke, die behördliche Genehmigung zur Ausrichtung der Veranstaltung erteilte. Gleiche erfreuliche Verwaltensweise der Kreisbehörde war auch im Jahre 1979 zu verzeichnen. Das waren zur damaligen Zeit in der DDR schon kleine Wunder.

Und worin bestand nun die Sensation? Es war die unter mühevollem technischen und zeitlichen Aufwand erfolgte Digitalisierung dieses alten Dia-Ton-Vortrages. Dass die „Wandlung“ von Alttechnik in ein digitales Produkt schließlich doch gelang, ist vor allem der Fa. Pro1Media Nordhausen und der Einholung fachlichen Rates bei Akteuren des Offenen Kanals Nordhausen(OKN) zu danken. Und der schönste Dank für alle „Macher“ war wohl die überaus große Resonanz bei den geschichtlich interessierten Nordhäusern und ihren Gästen. Der Andrang war so groß, dass den beiden geplanten Vorführungen unter dem Titel „Viel Blech in einer alten Stadt“ in der Petersbergschule noch eine dritte folgen musste. Was für eine Sensation!
Hans-Georg Backhaus, Nordhausen
Autor: nnz

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