nnz-Forum: Ghettohaus in Nordhausen
Mittwoch, 13. Juni 2012, 06:25 Uhr
In diesem Jahr jährt sich zum 70. Mal die Deportation jüdischer Bürger, auch aus unserer Stadt. Dem voraus ging in der Eskalation des Schreckens und der Verfolgung die Kennzeichnung der Opfer und Konzentrierung in bestimmte Häuser und Wohnungen. Judenhäuser genannt und so gekennzeichnet. Im nnz-Forum wird versucht bestimmten Spuren Nordhäuser Bürger zu folgen...
Kürzlich erschien in der Reihe Quellen zur Geschichte Thüringens. Herausgeber Carsten Liesenberg und Harry Stein die Ausgabe Deputation und Vernichtung der Thüringer Juden 1942. Auf Seite 55 fand ich einen wichtigen Hinweis zu diesem Judenhaus und zu den Opfern, den ich verfolgt habe. Es war eins der vielen umfunktionierten Häuser zum Zwecke der Konzentration der jüdischen Menschen die für eine Deportation vorgesehen waren.
Das Haus in der Leimbacher Straße gehörte Nathan Pohly der eine Woll und Webwarengroßhandlung in der Arnoldstraße 23 besaß und mit seiner Familie in der Prediger Straße 6 wohnte.
Mit dem Machtantritt der Nazis wurde auch diese Familie von rassistischem Terror erfasst und es gab kein Gebiet des gesellschaftlichen Lebens wo nicht die kulturelle Entfremdung, die soziale Entwurzlung vorangetrieben wurde. Der Kontakt zu anderen Bürgern der Stadt brach ab. Eine Stufe dieser einschneidenden Eskalation war die persönliche Brandmarkung, die Pflicht den Judenstern zu tragen und die Kennzeichnung der Ausweise und Pässe mit dem Zusatznamen Sarah oder Israel.
Im gleichem Monat September 1942 mussten die festgelegten neuen jüdischen Häuser und Wohnungen bezogen werden. Grundsätzlich stand hier nur jeder Familie ein Raum zur Verfügung. Einzelpersonen wurden zusammengelegt Gestattet wurde durch die Gestapo und örtlichen Behörden die Mitnahme von einem Tisch, von Stühlen und Betten. Alles andere Mobiliar und andere Gegenstände wurden gegen Entgelt das die Opfer aufbringen mussten und das in regelmäßigen Abständen auch auf ihre Kosten veräußert wurde wo anders gelagert.
Die damaligen Zeitungen berichteten häufig von Haus und Möbelverkäufen, von preiswerten Gegenständen bei Auktionen. Gewissenlose Imobilienhaie trieben auch in unserer Stadt ihr Unwesen. In dieser Zeit lebte Familie Pohly noch in Nordhausen. Ihr Haus in der Leimbacher Straße trug einen großen weißen Judenstern auf dunklem Hintergrund und musste zu jeder Zeit geöffnet sein, um Beamten der Staatsmacht den Zutritt zu ermöglichen.
Der Besitzer Nathan Pohly hatte bereits eine Schreckenszeit hinter sich. Am 10.11.38 kam er ins KZ Buchenwald, erhielt die Nummer 20891 und wurde brutal gezwungen umgehend das Land zu verlassen. Zuvor aber seinen Besitz zu veräußern. Sein Grundstück in der Prediger Straße 6 ging an den Besitzer einer Elektrofirma, der gemäß Ariernachweis 49000 RM zahlte. Einen Bruchteil erhielt der jüdische Eigentümer. Der Verkauf erfolgte am 12.04.39
Die Familie musste eine neue Unterkunft finden und kam vermutlich bei einem Angehörigen, Oskar Pohly, in die Leimbacher Straße 3. Bis zum 19.09.1942 lebten sie hier, um dann in das KZ Theresienstadt deportiert zu werden. Nathan starb hier bereits am 08.10.1943. Seine Frau am 29.04.44. Beide Töchter Ilse und Gerda konnten noch auswandern und überlebten den Holocaust. Oskar Pohly ist unbekannt verblieben.
In dieses Haus kamen bereits am 01.12.1940 Angehörige der Familie Ehrlich. Der Kaufmann Walter Ehrlich, der ein Lebensmittelgeschäft in der Neustadt Straße 29 betrieb und anfänglich mit seiner Familie in der Sandstraße 28 wohnte, verstarb vor 1933. Seine Frau Emma, eine geborene Plaut, zog mit ihren drei Kindern nun in die Leimbacher Straße. Hier wurden sie am 19.09.1942 über Weimar nach Theresienstadt gebracht Emma Ehrlich kam am 29.09.1942 ums Leben. Unbekannt ist der weitere Verbleib der Kinder.
Unmittelbar nach der Pogromnacht zog auch die Familie Georg Cohn, der ursprünglich eine Villa in der Nebelungstraße 23 besaß, in die Leimbacher Straße 3. Georg Cohn war der letzte Vorsteher der jüdischen Gemeinde und kannte Familie Pohly. Auch er kam als 70 jähriger einige Wochen in Schutzhaft hatten doch die Nazis auf seine Familie ein besonderes Augenmerk gerichtet. Schließlich war er ein geistlicher Würdeträger. Mit seiner Frau Else wurde auch er vor 70 Jahren nach Theresienstadt deportiert und knapp drei Monate nach der Ankunft, am 15.12.1942 getötet. Seine Frau starb am 04.04.1943.
Geschwister konnten in die USA auswandern, bis auf Ludwig Cohn den Mitinhaber einer großen Weberei. Mit seiner Frau Mina, geb. Herz aus Görlitz wurden sie in das Haus in der damaligen Horst Wessel Allee 29 eingewiesen. Hier wohnte er bei dem jüdischen Besitzer Julius Marcuse, dem Leiter des Synagogen Chors und Besitzer einer Webereigroßhandlung.
Nachdem der 71 jährige 1938 vier Wochen Haft im Siechenhof überstehen musste, wurde er mit seiner Frau nach Theresienstadt deportiert. Hier kamen beide ums Leben. Die drei Kinder konnten in die USA auswandern. Im Kaufvertrag vom 09.03.1939 wurde einer Nordhäuser Verlagsgesellschaft in der Spiegel Straße der Besitz für 25 000 RM übereignet. Mit diesem Opfer lebte kurzeitig auch die Familie Ludwig Cohn zusammen.
Ich sage bewusst kurzzeitig, denn unmittelbar nach dem erzwungenen Umzug nahm sich Ludwig Cohn in der neuen Wohnung das Leben. Seine Ehefrau zog nach dem Tod verzweifelt nach Berlin Wilmersdorf zu Angehörigen. Hier wurde sie im März 1942 aufgegriffen und am 02.04.1942 in das berüchtigte Vernichtungslager Trawniki im Distrikt Lubin gebracht. Sie kehrte nicht zurück.
Der Sohn dieser Familie Hans Werner, Jahrgang 1916 der noch am 22.02.1934 erfolgreich die Reifeprüfung im Realgymnasium in Nordhausen bestand, ging mit seiner Mutter nach, Berlin konnte dann aber nach Palästina gelangen und lebte ab 1991 in Jerusalem. Auch seine Schwestern Hilde und Else konnten dem Holocaust entkommen.
Stolz verkündete die Thüringer Gauzeitung vom 13.04.1938 unter Veränderungen im Handelsregister A 421. Das Grundstück der Familie von Ludwig Cohn lautet jetzt Paul G. aus Nordhausen. Die offene Handelsgesellschaft des früheren Besitzers ist erloschen. Erloschen, ja. Viele jüdische Mitbürger kamen nie zurück. Zurück blieben bittere Wahrheiten für die Nachwelt. Am 04.04.1945 wurde der Besitz des Arisieres im Bombenhagel zerstört und Angehörige kamen ums Leben.
Die prachtvolle Villa der Familie Cohn in der Nebelung Straße 23 eignete sich in der Folgezeit der Kreisleiter der NSDAP, Hans Nentwig an. Berthold Cohn, genannt, Berthel-Buchwaldhäftling 10643 überlebte und konnte emigrieren. Vieles deutet auch darauf hin, dass das Haus in der damaligen Horst-Wessel-Allee 29 zeitweise ein Ghettohaus war. Doch das bedarf weiterer Recherchen. In Erinnerung sollten wir diese jüdische Menschen behalten, die einst unser Stadtbild mitprägten und der Nordhäuser Kultur ein eigenständiges Flair gaben.
Reinhard Gündel, Nordhausen
Kürzlich erschien in der Reihe Quellen zur Geschichte Thüringens. Herausgeber Carsten Liesenberg und Harry Stein die Ausgabe Deputation und Vernichtung der Thüringer Juden 1942. Auf Seite 55 fand ich einen wichtigen Hinweis zu diesem Judenhaus und zu den Opfern, den ich verfolgt habe. Es war eins der vielen umfunktionierten Häuser zum Zwecke der Konzentration der jüdischen Menschen die für eine Deportation vorgesehen waren.
Das Haus in der Leimbacher Straße gehörte Nathan Pohly der eine Woll und Webwarengroßhandlung in der Arnoldstraße 23 besaß und mit seiner Familie in der Prediger Straße 6 wohnte.
Mit dem Machtantritt der Nazis wurde auch diese Familie von rassistischem Terror erfasst und es gab kein Gebiet des gesellschaftlichen Lebens wo nicht die kulturelle Entfremdung, die soziale Entwurzlung vorangetrieben wurde. Der Kontakt zu anderen Bürgern der Stadt brach ab. Eine Stufe dieser einschneidenden Eskalation war die persönliche Brandmarkung, die Pflicht den Judenstern zu tragen und die Kennzeichnung der Ausweise und Pässe mit dem Zusatznamen Sarah oder Israel.
Im gleichem Monat September 1942 mussten die festgelegten neuen jüdischen Häuser und Wohnungen bezogen werden. Grundsätzlich stand hier nur jeder Familie ein Raum zur Verfügung. Einzelpersonen wurden zusammengelegt Gestattet wurde durch die Gestapo und örtlichen Behörden die Mitnahme von einem Tisch, von Stühlen und Betten. Alles andere Mobiliar und andere Gegenstände wurden gegen Entgelt das die Opfer aufbringen mussten und das in regelmäßigen Abständen auch auf ihre Kosten veräußert wurde wo anders gelagert.
Die damaligen Zeitungen berichteten häufig von Haus und Möbelverkäufen, von preiswerten Gegenständen bei Auktionen. Gewissenlose Imobilienhaie trieben auch in unserer Stadt ihr Unwesen. In dieser Zeit lebte Familie Pohly noch in Nordhausen. Ihr Haus in der Leimbacher Straße trug einen großen weißen Judenstern auf dunklem Hintergrund und musste zu jeder Zeit geöffnet sein, um Beamten der Staatsmacht den Zutritt zu ermöglichen.
Der Besitzer Nathan Pohly hatte bereits eine Schreckenszeit hinter sich. Am 10.11.38 kam er ins KZ Buchenwald, erhielt die Nummer 20891 und wurde brutal gezwungen umgehend das Land zu verlassen. Zuvor aber seinen Besitz zu veräußern. Sein Grundstück in der Prediger Straße 6 ging an den Besitzer einer Elektrofirma, der gemäß Ariernachweis 49000 RM zahlte. Einen Bruchteil erhielt der jüdische Eigentümer. Der Verkauf erfolgte am 12.04.39
Die Familie musste eine neue Unterkunft finden und kam vermutlich bei einem Angehörigen, Oskar Pohly, in die Leimbacher Straße 3. Bis zum 19.09.1942 lebten sie hier, um dann in das KZ Theresienstadt deportiert zu werden. Nathan starb hier bereits am 08.10.1943. Seine Frau am 29.04.44. Beide Töchter Ilse und Gerda konnten noch auswandern und überlebten den Holocaust. Oskar Pohly ist unbekannt verblieben.
In dieses Haus kamen bereits am 01.12.1940 Angehörige der Familie Ehrlich. Der Kaufmann Walter Ehrlich, der ein Lebensmittelgeschäft in der Neustadt Straße 29 betrieb und anfänglich mit seiner Familie in der Sandstraße 28 wohnte, verstarb vor 1933. Seine Frau Emma, eine geborene Plaut, zog mit ihren drei Kindern nun in die Leimbacher Straße. Hier wurden sie am 19.09.1942 über Weimar nach Theresienstadt gebracht Emma Ehrlich kam am 29.09.1942 ums Leben. Unbekannt ist der weitere Verbleib der Kinder.
Unmittelbar nach der Pogromnacht zog auch die Familie Georg Cohn, der ursprünglich eine Villa in der Nebelungstraße 23 besaß, in die Leimbacher Straße 3. Georg Cohn war der letzte Vorsteher der jüdischen Gemeinde und kannte Familie Pohly. Auch er kam als 70 jähriger einige Wochen in Schutzhaft hatten doch die Nazis auf seine Familie ein besonderes Augenmerk gerichtet. Schließlich war er ein geistlicher Würdeträger. Mit seiner Frau Else wurde auch er vor 70 Jahren nach Theresienstadt deportiert und knapp drei Monate nach der Ankunft, am 15.12.1942 getötet. Seine Frau starb am 04.04.1943.
Geschwister konnten in die USA auswandern, bis auf Ludwig Cohn den Mitinhaber einer großen Weberei. Mit seiner Frau Mina, geb. Herz aus Görlitz wurden sie in das Haus in der damaligen Horst Wessel Allee 29 eingewiesen. Hier wohnte er bei dem jüdischen Besitzer Julius Marcuse, dem Leiter des Synagogen Chors und Besitzer einer Webereigroßhandlung.
Nachdem der 71 jährige 1938 vier Wochen Haft im Siechenhof überstehen musste, wurde er mit seiner Frau nach Theresienstadt deportiert. Hier kamen beide ums Leben. Die drei Kinder konnten in die USA auswandern. Im Kaufvertrag vom 09.03.1939 wurde einer Nordhäuser Verlagsgesellschaft in der Spiegel Straße der Besitz für 25 000 RM übereignet. Mit diesem Opfer lebte kurzeitig auch die Familie Ludwig Cohn zusammen.
Ich sage bewusst kurzzeitig, denn unmittelbar nach dem erzwungenen Umzug nahm sich Ludwig Cohn in der neuen Wohnung das Leben. Seine Ehefrau zog nach dem Tod verzweifelt nach Berlin Wilmersdorf zu Angehörigen. Hier wurde sie im März 1942 aufgegriffen und am 02.04.1942 in das berüchtigte Vernichtungslager Trawniki im Distrikt Lubin gebracht. Sie kehrte nicht zurück.
Der Sohn dieser Familie Hans Werner, Jahrgang 1916 der noch am 22.02.1934 erfolgreich die Reifeprüfung im Realgymnasium in Nordhausen bestand, ging mit seiner Mutter nach, Berlin konnte dann aber nach Palästina gelangen und lebte ab 1991 in Jerusalem. Auch seine Schwestern Hilde und Else konnten dem Holocaust entkommen.
Stolz verkündete die Thüringer Gauzeitung vom 13.04.1938 unter Veränderungen im Handelsregister A 421. Das Grundstück der Familie von Ludwig Cohn lautet jetzt Paul G. aus Nordhausen. Die offene Handelsgesellschaft des früheren Besitzers ist erloschen. Erloschen, ja. Viele jüdische Mitbürger kamen nie zurück. Zurück blieben bittere Wahrheiten für die Nachwelt. Am 04.04.1945 wurde der Besitz des Arisieres im Bombenhagel zerstört und Angehörige kamen ums Leben.
Die prachtvolle Villa der Familie Cohn in der Nebelung Straße 23 eignete sich in der Folgezeit der Kreisleiter der NSDAP, Hans Nentwig an. Berthold Cohn, genannt, Berthel-Buchwaldhäftling 10643 überlebte und konnte emigrieren. Vieles deutet auch darauf hin, dass das Haus in der damaligen Horst-Wessel-Allee 29 zeitweise ein Ghettohaus war. Doch das bedarf weiterer Recherchen. In Erinnerung sollten wir diese jüdische Menschen behalten, die einst unser Stadtbild mitprägten und der Nordhäuser Kultur ein eigenständiges Flair gaben.
Reinhard Gündel, Nordhausen
Anmerkung der Redaktion:
Die im Forum dargestellten Äußerungen und Meinungen sind nicht unbedingt mit denen der Redaktion identisch. Für den Inhalt ist der Verfasser verantwortlich. Die Redaktion behält sich das Recht auf Kürzungen vor.
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