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Menschenbilder (37)

Donnerstag, 07. Juni 2012, 15:14 Uhr
Der Nordhäuser Autor Bodo Schwarzberg wird den im Dezember 2011 erschienenen ersten Band der Reihe "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" durch einen zweiten Band ergänzen, der im kommenden Jahr mit wiederum rund 200 Texten erscheint...

Herbert Becker

Langjähriger Bürgermeister der Gemeinde Rodishain

Das Wort „Kameradschaft“ ist ein prägendes Wort für Herbert Becker. Es prägte das Leben des langjährigen hauptamtlichen und ehrenamtlichen Rodishainer Bürgermeisters wie nur wenige andere. „Allein geht gar nichts. Das habe ich von Kindesbeinen an gelernt“, sagt er. Und er füllte es zugunsten seiner Familie und seiner Bürger nicht nur mit Worten, sondern mit Taten aus.

Dabei wurde der am 21.08.1944 in Rodishain geborene Kommunalpolitiker auch von der Vision geprägt, ganz uneigennützig zum Aufbau einer „besseren Welt“ beizutragen. „Dieser Gedanke kommt ganz von innen, aus einer tiefen Überzeugung heraus.“, sagt er. Inspiriert wurde er dabei auch durch die Lektüre von in ihrer Grundanlage fortschrittlichen Werken wie „Ideen, die die Welt verändern“ von Lenin oder „Wie der Stahl gehärtet wurde“ von Ostrowski.

Herbert Becker entstammt einer Arbeiterfamilie. Weil diese stets nur über wenig Geld verfügen konnte, wohnte sie im damaligen Pfarrhaus. Sein Vater Hermann Becker, der aus Neustadt stammte, fiel in Stalingrad. Seine Mutter Elisabeth Becker wurde in Rodishain geboren. Auch die vier Geschwister meines Gesprächspartners ereilten zum Teil schwere Schicksalsschläge: Eine Schwester starb früh und zwei Brüder, Gerhard und Helmut, wurden von den Sowjets nach dem Spielen mit vom Krieg übriggebliebenen Karabinern in das ehemalige KZ Sachsenhausen eingewiesen. Gerhard Becker kehrte nie zurück.

Die Geschwister waren im Bergbau oder, wie Schwester Gerda, im Forst tätig. Herbert Becker besuchte die Schule in Rodishain und absolvierte anschließend, von 1959 bis 1962, bei der Sangerhäuser Bauunion eine Lehre. Mangels Fahrgeld radelte er damals zum Bewerbungsgespräch. 1962 trat er aus Überzeugung der SED bei, wobei ihm nach dem Besuch der Parteischule in einer Beurteilung eine zu große „Gutmütigkeit“ bescheinigt wurde. „Das nahm ich als Kompliment. So wollte ich bleiben“, schmunzelt er.

Auf Grund der Erzählungen seiner im Flussspat-Bergbau tätigen Brüder ließ auch er sich schließlich ebenso von diesem Wirtschaftsbereich faszinieren und fuhr in Rottleberode ab 1962 in die Stollen ein: Erst als einfacher Wagenschieber, dann als Hauer und als Hauer mit Sprengberechtigung, welche er 1973 erhielt. „Der Berg spricht seine eigene Sprache und er prägt die Menschen. Sie sind hart, aber hilfsbereit. Dort habe ich eine Kameradschaft kennengelernt, die mein Leben bis
heute bestimmt“, sagt er.

1967 wurde er Opfer eines schweren Motorradunfalls und lag mehrere Tage lang im Koma. Auch aus gesundheitlichen Gründen musste er schließlich seine Tätigkeit im Schacht aufgeben. Nach dem Besuch der Parteischule in den Jahren 1975 und 1976 galt er als Nomenklaturkader der Bezirksleitung der SED in Halle und sollte in Berga die Stelle eines hauptamtlichen Bürgermeisters antreten. Auf Grund einer Sonderregelung gelang es ihm schließlich, diese Position im heimischen Rodishain, und damit im Wohnort seiner jungen Familie, zu übernehmen.

Damit begann eine Ära. Denn in den folgenden 33 Jahren prägte Herbert Becker das Werden von Rodishain entscheidend mit. Als vorteilhaft sieht er in diesem Zusammenhang die damalige Gründung eines Gemeindeverbandes mit den Gemeinden Rodishain, Stempeda, Buchholz, Herrmannsacker, Steigerthal, Leimbach und Himmelgarten an. „Dadurch konnten wir effektiver etwas für die einzelne Gemeinde tun, denn alle hatten ähnliche Aufgaben zu lösen“, erklärt er. Dies betraf z. B. die Aufstellung eines gemeinsamen Haushaltsplanes, die Koordinierung der Freiwilligen Feuerwehren und auch die Beziehungen zur KAP in Harzungen, deren Maschinen nun besser allen Gemeinden zugutekommen konnten.

Rodishain unterhielt damals enge Beziehungen zur auf der Insel Rügen gelegenen Gemeinde Putbus. Es gab enge Kontakte z. B. zwischen den beiden Freiwilligen Feuerwehren, Freundschaftsspiele im Fußball und auch die Möglichkeit, die Urlaubsmöglichkeiten des jeweiligen Partnerortes zu nutzen.

Auch Rodishain selbst begann sich zum Positiven zu verändern: Die Ortsgestaltung wurde komplett überarbeitet. Alsbald prägten Blumenrabatten die Lücken zwischen den Straßenbäumen, die durch Holztransporte beschädigte Ufermauer wurde neu errichtet bzw. verstärkt. Vor allem aber gelang es Herbert Becker, den Gemeinsinn seiner Mitbürger zu stärken. Dies betraf z. B. das Sammeln von Flaschen und Altpapier für das SERO-System, aber auch ihre Motivierung, die eigenen Häuser aufzupolieren. Besonders engagierte Rodishainer erhielten von Herbert Becker bevorzugt Eintrittskarten für Kulturveranstaltungen.

Eine wichtige Funktion kam damals auch den ortseigenen, öffentlichen Lautsprechern zu, durch die Herbert Becker ständig Kontakt zu den Menschen hielt,
sie über die Ankunft des Bierwagens informierte oder aber einen Aufruf zur Schadholzbeseitigung in den Wäldern absetzte. All das schlug sich in der Auszeichnung der Gemeinde mit dem Titel als „Schönstes Dorf des Kreises“ in den Jahren 1983 und 1984 im Rahmen des Mach-Mit-Wettbewerbes nieder. Hierzu trug
Herbert Becker nicht unwesentlich z. B. dadurch bei, indem er ganz persönlich mit seinem Moped zur BHG nach Rossla fuhr, um für seine Bürger Zement zu organisieren. Vielfach lieferte er auch eigenhändig Kartoffeln an, während die Menschen auf Arbeit waren.

Kurz nach dem Mauerfall besuchte er das niedersächsische Bad Sachsa und musste um ein Glas Wasser bitten, als er die sich mit Waren in einem Supermarkt durchbiegenden Regale sah. „Das Massenangebot überwältigte mich derart, dass ich die Früchte einzeln anfasste, um zu sehen, ob sie echt waren“, sagt er.

Zu den ersten freien Kommunalwahlen wählten ihn 97 Prozent der Rodishainer erneut zu ihrem Bürgermeister. Er beklagt die nun folgende Entwicklung zutiefst, die durch die Schließung vieler Betriebe in der Region und damit durch den Verlust vieler Arbeitsplätze gekennzeichnet war. „Unsere Ferienobjekte wurden verschleudert oder zu Ruinen degradiert. Die Treuhand erklärte die ehemaligen DDR-Bürger schlechthin für unmündig“, moniert er. Dabei so sagt er, habe er gedacht, dass es in der ehemaligen Republik so viel aufzuarbeiten gab, dass es auf lange Sicht bei uns niemals Arbeitslose geben würde. Aber, so konstatiert er bitter, der Westen habe den Osten nie wirklich gebraucht.

Beim Landrat beantragte Herbert Becker, ab 1991 als ehrenamtlicher Bürgermeister arbeiten zu können, damit sein Gehalt den Bürgern zur Verfügung stehen könne. Da Rodishain eines der letzten „Brunnendörfer“ im Kreis war, erreichte er im Jahre 1994 eine komplette Sanierung des Wasser- und Abwasser-Leitungssystems. Weil sich die Menschen aber vehement gegen den Bau einer Gemeinde-Kläranlage aussprachen, liegen die Abwasserleitungen bis heute ungenutzt in der Erde. 22 Einfamilienhäuser wurden neu gebaut. Wenigstens für sie konnte Herbert Becker eine Kompaktkläranlage durchsetzen. Fatalerweise ging der Investor für das Neubaugebiet in Konkurs. Schließlich gelang es Herbert Becker aber, öffentliche Mittel für die Fertigstellung der begonnenen Straßenbauprojekte zu generieren.

Im Rahmen der Dorferneuerung wurden zwischen 1997 und 2004 eine neue Buswartehalle, eine Buswendeschleife, neue Bürgersteigbefestigungen, Brückengeländer für den das Dorf durchfließenden Bach und ein Kinderspielplatz gebaut. Auch die Trauerhalle und ihre Außenanlagen erhielten ein neues Gesicht. Hinzu kamen ein neuer Radweg bis hin zur Iberg-Talsperre und nach Stempeda. Besonders stolz ist Herbert Becker darauf, dass jeder Hausbesitzer sein Eigenheim heute über eine befestigte Straße erreichen kann.

Beruflich war er nach der Wende auf verschiedenen Gebieten tätig. Zunächst arbeitete er als Vertriebskontrolleur bei einer Zeitung und richtete in dieser Funktion auch neue Redaktionsräume ein. Von 1992 bis 1993 war er Kulturamtsleiter bei der Verwaltungsgemeinschaft Ilfeld, Verkaufsleiter bei der Fertighaus GmbH, vor ihrer Gründung ehrenamtlicher Leiter der Verwaltungsgemeinschaft Hohnstein-Südharz
und schließlich Bereichsleiter bei den ABM. 2001 wurde er erwerbsunfähig und bezieht seit 2003 Altersrente. Im Jahre 2009 trat er aus gesundheitlichen Gründen nicht noch einmal als Bürgermeisterkandidat an.

Seine Freizeit wird u. a. von der Tätigkeit für die ebenfalls komplett neu aufgebaute Freiwillige Feuerwehr bestimmt. Sein Sohn Gerhard ist Vorsitzender des Widdervereins Thüringen und hält selbst 60 Tiere, die von Herbert Becker oft betreut und gefüttert werden. Gerhard ist Fördermaschinist und arbeitet in Sondershausen, während der zweite Sohn von Herbert Becker, Henry, als Kfz-Meister tätig ist. Beide wohnen mit ihren Familien in Rodishain.
Autor: nnz

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