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Ausbau stagniert auf hohem Niveau

Dienstag, 05. Juni 2012, 12:31 Uhr
In Thüringen stagniert der Ausbau der Ganztagsschule auf hohem Ni­veau. Im Schuljahr 2010/11 machten 78,6 Prozent der thüringischen Schulen Ganztagsangebote, genauso viele wie im Schuljahr zuvor. Damit liegt das Land deutlich über dem Bundesdurchschnitt (51,1 Prozent). Das geht aus einer heute veröffentlichten Studie der Bertelsmann-Stiftung hervor...


Mehr als die Hälfte aller Schüler (52,6 Prozent) in Thüringen nutzen diese Ganz­tagsangebote. Auch dieser Wert liegt weit über dem bundesweiten Anteil (28,1 Prozent). Nur in Sachsen und Hamburg gehen anteilig mehr Schüler ganztags zur Schule.

Im Auftrag der Bertelsmann Stiftung haben zwei aktuelle Studien eines der größten Reformpro­jekte im deutschen Schulwesen untersucht, den Ausbau der Ganztagsschule. Zehn Jahre nach­dem der massive Ausbau mit Bundesmitteln begann, lautet das zentrale Ergebnis: Zwar unter­richtet mittlerweile bundesweit jede zweite Schule ganztags, aber es fehlt an übergreifenden Kon­zepten und Qualitätsstandards. Die Studie des Deutschen Jugendinstituts (DJI) kommt gar zu dem Schluss, der bisherige Ausbau mit seinen vielen unterschiedlichen Organisationsformen des Schulalltags sei „eine Reise in die Zukunft ohne klares Ziel“.
Damit bleibt die Ganztagsschule als Schultyp unter ihren Möglichkeiten. Denn vor allem der ge­bundenen Ganztagsschule – das sind Schulen mit für alle Schüler verbindlichen Ganztagsange­boten – attestiert die DJI-Studie ein hohes Potenzial, soziales und kognitives Lernen besonders gut zu fördern. „Die gebundene Ganztagsschule bietet gegenüber der offenen Ganztagsschule die besseren Rahmenbedingungen, um jedes Kind individuell zu fördern“, sagte Jörg Dräger, Vor­standsmitglied der Bertelsmann Stiftung. Zudem sei es einfacher, Konzentrations- und Entspan­nungsphasen abzuwechseln und den starren 45-Minuten-Takt aufzubrechen.

Eine solche gebundene Ganztagsschule besuchten im Schuljahr 2010/11 lediglich 12,9 Prozent der thüringischen Schüler (bundesweit: 12,7 Prozent). Wenn alle Schüler Zugang zum gebunde­nen Ganztag erhalten sollen, kämen auf das Land erhebliche zusätzliche Kosten zu: Von den bun­desweit 9,4 Milliarden Euro zusätzlich, die eine solche flächendeckende Versorgung jährlich kos­ten würde, entfielen 223 Millionen Euro auf Thüringen. Das hat der Essener Bildungsforscher Prof. Klaus Klemm für die Bertelsmann Stiftung berechnet.

Damit die Ganztagsschule ihr Potenzial ausschöpfen kann, nennt die DJI-Studie drei wesentliche Faktoren: Erstens eine regelmäßige Teilnahme aller Schüler, zweitens eine hohe Qualität der Lernangebote und drittens eine Einbettung in kommunale Bildungslandschaften – also die syste­matische Zusammenarbeit etwa mit Kindertagesstätten, anderen Schulen, Ausbildungsbetrieben, Musikschulen und Sportvereinen.

Um dem quantitativen und qualitativen Ausbau den nötigen Nachdruck zu verleihen, spricht sich Dräger für einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsschulplatz aus. „Jedes Kind in Deutschland sollte die Möglichkeit haben, eine gebundene Ganztagsschule zu besuchen. Mehr Ganztagsschu­len alleine helfen allerdings nicht. Wir müssen auch dringend das konzeptionelle Vakuum überwin­den, das die Ganztagsschule heute noch umgibt“, sagte Dräger. Der weitere Ausbau solle sich am Leitbild der individuellen Förderung orientieren, um die Qualität des Unterrichts zu verbessern. „Sonst werden die Potenziale der Ganztagsschule weitgehend verschenkt“, so Dräger.

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Autor: nnz

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