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Architektur im Nationalsozialismus

Samstag, 12. Mai 2012, 10:26 Uhr
Wohnungsübergabe 1936 (Foto: Sammlung Hellberg) Wohnungsübergabe 1936 (Foto: Sammlung Hellberg) Zu seiner Mai-Veranstaltung hatte der Nordhäuser Geschichts- und Altertumsverein den Architekten Dr. Michael Flagmeyer eingeladen, der zum Thema „Ein Volk, ein Reich, eine Architektur? - Planen und Bauen im Nationalsozialismus“ referierte. Die nnz war unter den Zuhörern…

„1933, unmittelbar nach der „Machtergreifung“, hatte für eine Persönlichkeit wie Hitler die allgegenwärtige Präsenz von Architektur als wirksames Mittel der Darstellung erster innenpolitischer Erfolge oberste Priorität. Bereits in den so genannten ‚Kampfjahren’ erdacht, galt es nun, die drei großen „Bühnen" des noch jungen nationalsozialistischen Staates mit den passenden Bühnenbildern zu versorgen. Dabei bedienten sich die Architekturpraktiker im Dritten Reich Architekturströmungen, die bereits vor 1933 national und international bei konservativen Kollegen „en Vogue" waren: Einem reduzierten Neoklassizismus für Repräsentationsbauten, einem aus der Arts and Crafts sowie Reformbewegung entstandenen Heimatschutzstils für den Bereich Wohnen und Schulung sowie einer gemäßigten Moderne für den Industriebau“, so Dr. Flagmeyer.

Neben den Lebenswegen bedeutender Architekten jener Jahre zeigte Flagmeyer an diesem Abend viele Beispiele und ging im Anschluss noch auf Stadtneugründungen im Dritten Reich wie Wolfsburg und Salzgitter ein. Ein Überblick über die Aufgaben ab 1940 wie Rationalisierung und Normung sowie Planungen für den „Neuen Deutschen Osten", das ehemalige Polen, komplettierten die Übersicht. Sein Fazit: Nicht Maßstäbe wie Nutzwert, kulturhistorische Bedeutung oder subjektive Begriffe wie Schönheit sollten im Umgang mit diesen Architekturen im Vordergrund stehen, sondern einzig ihr Erinnerungswert als signifikantes Zeitdokument einer Epoche. So wird es möglich, Objekte aus der Zeit des Nationalsozialismus angemessen zu erhalten und damit in Orte des persönlichen Erinnerns und kollektiven Gedächtnisses zu verwandeln.

Seinen Vortrag untermauerte der geschäftsführende Gesellschafter der Landsiedel – Müller – Flagmeyer GmbH mit zahlreichen Fotos. Im Anschluss daran beantwortete er die Fragen der Zuhörer.
Ergänzend zum Vortrag sei den verstärkten Siedlungs- und Wohnungsbau in Nordhausen durch die Siebano ab 1933 erwähnt. So entstanden beispielsweise am Stadtrand die Majakowski- und die NSKK-Siedlung (heute Weinert-Siedlung) und die Grenzlandsiedlung (heute Vogelsiedlung), gebaut u. a. von den Nordhäuser Bauunternehmen Ostwald & Voigt sowie Wiegand & Flagmeyer.
Der soziale und private Wohnungsbau, von den Nazis geschickt für ihre Propagandazwecke ausgenutzt, wurde bis kurz vor Kriegsbeginn weiterbetrieben. Sehr treffend umriss am 26. November 1936 ein Festredner der NSDAP auf der Jahresversammlung der Siedlungs- und Baugenossenschaft Nordhausen (Siebano) worauf es den braunen Herrschern in Wirklichkeit ankam. Er führte u. a. aus: „Zwar kommt das Reich nicht ohne Kanonen aus, aber nicht weniger wichtig sind deshalb gute Wohnhäuser, denn der Geist des Wehrwillens kann nur gezüchtet werden in einer gesunden Wohnung. Arbeitsmänner, die ein eigenes Heim und einen Garten besitzen, die also etwas zu verlieren haben, werden auch alles einsetzen zur Verteidigung ihres Eigentums...“
Autor: rh

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