Die Landschaft Kirsch
Montag, 23. April 2012, 10:12 Uhr
Heute ist der Welttag des Buches. Seit 1995 wird, von der UNESCO initiiert, der 23. April als ein Tag der Bücher, des Lesens, der Kultur des geschriebenen Wortes und für die Rechte der Autorinnen und Autoren begangen. Dazu eine Betrachtung von Heidelore Kneffel...
In unserer Region ist das Geburtshaus der Dichterin Sarah Kirsch in Limlingerode ein Ort, an dem zahlreiche gedruckte Bücher versammelt sind und das Lesen und Vortragen von Texten hoch gehalten wird. Die Vereinsmitglieder der Dichterstätte Sarah Kirsch haben selbst auch zur Mehrung gedruckter Bücher mit der Limlingeröder Reihe beigetragen, in der von den Begebenheiten rund um das Lyrikhaus erzählt wird. Die letzte Publikation versammelt vor allem solche Texte, in denen auf Sarah Kirsch Bezug genommen wird. Es kommen mehrere Autoren zu Wort, so dass ein weitgefächertes Bild entsteht.
In in einem Beitrag wird beschrieben, wie das persönliche Kennenlernen zweier Gründungsmitglieder des Fördervereins mit der Dichterin verlief. Es fand 1997 in Münster statt, wo Sarah Kirsch anlässlich des 200. Geburtstages der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff den Drostepreis der Stadt erhielt. Hier sei ein Auszug aus dem Buchtext zitiert, der mit einem Brief der Kirsch an uns beginnt: 'Vielen Dank für die Post! Ich habe den Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Abteilung Kulturpflege, gebeten, Ihnen eine Einladung zu schicken. Es kann ganz interessant werden, da die Münsteraner die sehr gute dänische Lyrikerin Inger Christensen für die Laudatio gewonnen haben. Was mich mit schlechtem Gewissen erfüllt hat, sie hat ja Arbeit! Aber sie hätte NEIN! sagen können, ich hätte das gut verstanden. Doch sie will es thun! Ich kenne sie gut seit Jahren.
Ich habe für den Engel noch gesammelt, es müßten noch ein paar Zuwendungen aus anderen Gegenden erfolgen, versprochen haben es mir jedenfalls einige Menscher. Ich habe allen gesagt, für diesen Engel spenden bringt Glück für 1997. Wie theuer wird denn seine Auferstehung? Vielleicht trottet das Pfarrhaus dann hinterher. Ich hätte nie geglaubt, daß es mir so viel bedeutet."
Wir brachten ihr aus Limlingerode nach Münster einen verrosteten krummen Nagel vom Geburtshaus mit. Sie freute sich ganz offensichtlich und sagte, woher wir wüssten, das rostige Nägel eine ihrer Leidenschaften seien und stellte uns bei dieser Gelegenheit Inger Christensen vor.
In der Preisbegründung wurde gesagt, dass Sarah Kirschs Werk 'selbstbewußte Nähe zu einem Schreiben wahre, für das auch Annette von Droste-Hülshoff steht: universell in seinem Regionalismus, schöpferisch in seiner Genauigkeit, eigensinnig in der sprachlichen Vergegenwärtigung.'
Die Preisträgerin antwortete mit ihrem Essay 'Geschenk des Himmels', den sie in der von ihr 1986 edierten Werkauswahl der Droste publiziert hat. Darin erzählt sie, wie sie 1973 in Wiepersdorf ein Droste-Bändchen verschlang, das Fragment 'Ledwina'. Dies war eines ihrer Initialerlebnisse bei der Entdeckung dieser Dichter-Frau. In der Laudatio der Kopenhagenerin Inger Christensen hörten wir: 'Liebe Sarah, du könntest eine Dänin sein', und sie sprach von der 'Landschaft Kirsch'. Wenn man Gedichte und Prosa der Kirsch lese, erfahre man von ihr, '... daß man, will man sich selbst kennenlernen, alles andere als sich selbst betrachten' müsse.
Auch die sich anschließende gut einstündige Lesung Sarah Kirschs sah einen überfüllten Raum. Ich hatte mir vorher 'Sarah Kirsch: Hundert Gedichte' gekauft. Dieser Band enthält eine Auswahl aus den Büchern 'Landaufenthalt', 'Zaubersprüche', 'Rückenwind', 'Drachensteigen' und ein Gespräch mit ihr über ihre Gedichte. Da ich kein anderes Papier zur Verfügung hatte, schrieb ich einige Eindrücke auf das Vorsatzblatt. 'Das Podest ist so aufgestellt, daß man auf die Straße sehen kann, wo gerade die Lichter angehen. Unweit der Lesenden steht ein zum spitzwinkligen Dreieck gesteckter Strauß weißer Lilien, kleiner weißer Chrysanthemen, gelber Gerbera. Sarah Kirsch nimmt das Buch in die Hand, das ich gekauft habe und beginnt mit den berühmten Versen, die auch groß auf dem Einband stehen: 'Anziehung'. Es folgen 'Katzenkopfpflaster', 'Im Juni', 'Der Rest des Fadens', 'Raubvogel süß ist die Luft'.
Dies liest sie zweimal und erklärt, dass sie das jetzt manchmal tun werde, dann komme das Gedicht den Hörern bekannter vor. 'Jedes Blatt' rezitiert sie aus dem Gedächtnis mit der Bemerkung, das sei das einzige ihrer Gedichte, das sie auswendig könne. Nach dem Vortragen von etwa dreißig Gedichten greift sie zu A4-Blättern, auf denen noch nicht Veröffentlichtes steht. Wir hören 'Kommt der Schnee im Sturm geflogen', die Prosaminiatur, in der sie beschreibt, wie an einem 3. Januar, als sie die Influenza und hohes Fieber hatte, das Gedicht Styx entsteht. Auf Wunsch liest sie den Text zweimal.
Eine kleine Begebenheit am Rande prägte sich uns ein. Ein ca. vierzigjähriger Mann mit blondem Haar näherte sich Sarah Kirsch mit zwei gelben Rosen. Seiner Sprache hörte man an, dass er aus Holland kam. Wir erfuhren bei dem Gespräch, dass dies die zweite Lesung von Sarah Kirsch sei, an der er teilgenommen habe. Und er hätte ihr beim ersten Mal gesagt: 'Immer, wenn wir uns begegnen, bekommen sie eine Rose dazu.'
Heidelore Kneffel
Autor: nnzIn unserer Region ist das Geburtshaus der Dichterin Sarah Kirsch in Limlingerode ein Ort, an dem zahlreiche gedruckte Bücher versammelt sind und das Lesen und Vortragen von Texten hoch gehalten wird. Die Vereinsmitglieder der Dichterstätte Sarah Kirsch haben selbst auch zur Mehrung gedruckter Bücher mit der Limlingeröder Reihe beigetragen, in der von den Begebenheiten rund um das Lyrikhaus erzählt wird. Die letzte Publikation versammelt vor allem solche Texte, in denen auf Sarah Kirsch Bezug genommen wird. Es kommen mehrere Autoren zu Wort, so dass ein weitgefächertes Bild entsteht.
In in einem Beitrag wird beschrieben, wie das persönliche Kennenlernen zweier Gründungsmitglieder des Fördervereins mit der Dichterin verlief. Es fand 1997 in Münster statt, wo Sarah Kirsch anlässlich des 200. Geburtstages der Dichterin Annette von Droste-Hülshoff den Drostepreis der Stadt erhielt. Hier sei ein Auszug aus dem Buchtext zitiert, der mit einem Brief der Kirsch an uns beginnt: 'Vielen Dank für die Post! Ich habe den Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Abteilung Kulturpflege, gebeten, Ihnen eine Einladung zu schicken. Es kann ganz interessant werden, da die Münsteraner die sehr gute dänische Lyrikerin Inger Christensen für die Laudatio gewonnen haben. Was mich mit schlechtem Gewissen erfüllt hat, sie hat ja Arbeit! Aber sie hätte NEIN! sagen können, ich hätte das gut verstanden. Doch sie will es thun! Ich kenne sie gut seit Jahren.
Ich habe für den Engel noch gesammelt, es müßten noch ein paar Zuwendungen aus anderen Gegenden erfolgen, versprochen haben es mir jedenfalls einige Menscher. Ich habe allen gesagt, für diesen Engel spenden bringt Glück für 1997. Wie theuer wird denn seine Auferstehung? Vielleicht trottet das Pfarrhaus dann hinterher. Ich hätte nie geglaubt, daß es mir so viel bedeutet."
Wir brachten ihr aus Limlingerode nach Münster einen verrosteten krummen Nagel vom Geburtshaus mit. Sie freute sich ganz offensichtlich und sagte, woher wir wüssten, das rostige Nägel eine ihrer Leidenschaften seien und stellte uns bei dieser Gelegenheit Inger Christensen vor.
In der Preisbegründung wurde gesagt, dass Sarah Kirschs Werk 'selbstbewußte Nähe zu einem Schreiben wahre, für das auch Annette von Droste-Hülshoff steht: universell in seinem Regionalismus, schöpferisch in seiner Genauigkeit, eigensinnig in der sprachlichen Vergegenwärtigung.'
Die Preisträgerin antwortete mit ihrem Essay 'Geschenk des Himmels', den sie in der von ihr 1986 edierten Werkauswahl der Droste publiziert hat. Darin erzählt sie, wie sie 1973 in Wiepersdorf ein Droste-Bändchen verschlang, das Fragment 'Ledwina'. Dies war eines ihrer Initialerlebnisse bei der Entdeckung dieser Dichter-Frau. In der Laudatio der Kopenhagenerin Inger Christensen hörten wir: 'Liebe Sarah, du könntest eine Dänin sein', und sie sprach von der 'Landschaft Kirsch'. Wenn man Gedichte und Prosa der Kirsch lese, erfahre man von ihr, '... daß man, will man sich selbst kennenlernen, alles andere als sich selbst betrachten' müsse.
Auch die sich anschließende gut einstündige Lesung Sarah Kirschs sah einen überfüllten Raum. Ich hatte mir vorher 'Sarah Kirsch: Hundert Gedichte' gekauft. Dieser Band enthält eine Auswahl aus den Büchern 'Landaufenthalt', 'Zaubersprüche', 'Rückenwind', 'Drachensteigen' und ein Gespräch mit ihr über ihre Gedichte. Da ich kein anderes Papier zur Verfügung hatte, schrieb ich einige Eindrücke auf das Vorsatzblatt. 'Das Podest ist so aufgestellt, daß man auf die Straße sehen kann, wo gerade die Lichter angehen. Unweit der Lesenden steht ein zum spitzwinkligen Dreieck gesteckter Strauß weißer Lilien, kleiner weißer Chrysanthemen, gelber Gerbera. Sarah Kirsch nimmt das Buch in die Hand, das ich gekauft habe und beginnt mit den berühmten Versen, die auch groß auf dem Einband stehen: 'Anziehung'. Es folgen 'Katzenkopfpflaster', 'Im Juni', 'Der Rest des Fadens', 'Raubvogel süß ist die Luft'.
Dies liest sie zweimal und erklärt, dass sie das jetzt manchmal tun werde, dann komme das Gedicht den Hörern bekannter vor. 'Jedes Blatt' rezitiert sie aus dem Gedächtnis mit der Bemerkung, das sei das einzige ihrer Gedichte, das sie auswendig könne. Nach dem Vortragen von etwa dreißig Gedichten greift sie zu A4-Blättern, auf denen noch nicht Veröffentlichtes steht. Wir hören 'Kommt der Schnee im Sturm geflogen', die Prosaminiatur, in der sie beschreibt, wie an einem 3. Januar, als sie die Influenza und hohes Fieber hatte, das Gedicht Styx entsteht. Auf Wunsch liest sie den Text zweimal.
Eine kleine Begebenheit am Rande prägte sich uns ein. Ein ca. vierzigjähriger Mann mit blondem Haar näherte sich Sarah Kirsch mit zwei gelben Rosen. Seiner Sprache hörte man an, dass er aus Holland kam. Wir erfuhren bei dem Gespräch, dass dies die zweite Lesung von Sarah Kirsch sei, an der er teilgenommen habe. Und er hätte ihr beim ersten Mal gesagt: 'Immer, wenn wir uns begegnen, bekommen sie eine Rose dazu.'
Heidelore Kneffel


