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Sarah Kirsch in Italien

Sonntag, 22. April 2012, 09:16 Uhr
Das April-Programm 2012 in der Langen Reihe11 in Limlingerode widmet sich, wie es Tradition ist, dem Schaffen der Dichterin Sarah Kirsch, denn es ist ihr Geburtstagsmonat. In diesem Jahr wird die am 16. April 1935 als Ingrid Bernstein in Limlingerode Geborene 77 Jahre...

Villa Massimo - Altelierhäuser (Foto: privat) Villa Massimo - Altelierhäuser (Foto: privat)

Diesmal wurde ihre Lyrik und Prosa von den Mitgliedern des Fördervereins dahingehend durchforscht, was es über ihre „Existenzform“ an unterschiedlichen Lebens-Orten zu entdecken gibt. Wir begeben uns am Samstag, dem 28. April, ab 14.30 Uhr nach Rom. „Die Bäume / Blühten dort rings in den Himmel, blau / Wehte das Gras ... alles anders als in Preußen, selbst die Uhrzeit, und der Mond liegt quer“, heißt es bei der Dichterin.

Festgehalten wurde das von ihr in dem Band „Drachensteigen“, in dem die letzten in Ostberlin entstandenen Dichtungen mit denen, die die Kirsch dann in Westberlin und Rom schuf, vereint wurden. Das „Dankbillet“ aus diesem Gedichtband endet „ … ach wie danke ich meinem vorletzten Staat, daß er mich hierher katapultierte.“

Hierher meint also Italien, meint Rom, meint die Deutsche Akademie, Largo di Villa Massimo 1-2. Dort erhalten Schriftsteller, Künstler, Musiker, Architekten, von einer Jury ausgewählt, ein Stipendium bis zu einem Jahr. Sarah Kirsch bekam also eine solche Auszeichnung und begab sich mit ihrem Sohn in dieses südliche Land. Bevor sie im Mai 1978 in das Villengelände in Rom einzog, waren die historischen Bauwerke in drei Jahren modernisiert und neu strukturiert worden.

Der Park der Villa Massimo (Foto: privat) Der Park der Villa Massimo (Foto: privat)

Damals leitete Elisabeth Wolken die Akademie, die einführte, dass die Ausgezeichneten mit ihren Familien dort leben konnten. Für die Stipendiaten gibt es Atelierhäuser. Besonders reizvoll ist, dass das Anwesen in einem ehrwürdigen Park liegt, der Brunnen und Statuen beherbergt. Der Baumbestand ist durch uralte Bäume geadelt.

Ein kurzer Rückblick. Im Jahr 1910 erwarb der preußische Unternehmer Eduard Arnhold (1849-1925), durch den Kohlehandel sehr wohlhabend geworden, ein größeres Gelände an der Peripherie Roms. Er, Senator der Akademie der Künste in Berlin und Italienfreund, hatte miterlebt, wie ärmlich und ungesund deutsche Künstler in Rom lebten und dass sie viel Zeit vergeudeten, um eine Unterkunft zu bekommen. Dem wollte er abhelfen. An der Peripherie Roms fand er ein Grundstück in einer gesunden Höhenlage, die Schutz vor Malaria und der Sommerhitze bot und den Blick in die Landschaft bis auf die Albaner Berge freigab. 1914 stand die reich ausgestattete Anlage fertig da. Der Erbauer schenkte alles dem preußischem Staat für die Stipendiaten der Akademie der Künste in Berlin und fügte noch ein Stiftungskapital hinzu. „Ich will den Künstlern einmal das geben, was sie verdient und sonst nie bekommen.“

Viele deutsche Kunstschaffende haben von dieser Großzügigkeit profitiert, 1978 also auch Sarah Kirsch. Ein Mitstipendiat war der Komponist Wolfgang von Schweinitz, der dann ihr Lebensgefährte wird. Man fuhr auch durch Italien, war in Siena, in Pompeij, war in Olevano. Genoss Weinberge und überhaupt die südliche Landschaft, und „zweitausend Säulen und alle Kirchen, abgeschiedene Gärten.“

Sarah Kirsch beschreibt dieses Leben in ihrer unverwechselbaren Sprache, sie genießt diese Freiheit auch des Schreibens in vollen Zügen. Als wir sie nach Fotografien fragten, sagte sie: „Wir haben damals intensiv gelebt und dazu gar keine Zeit gehabt.“
Heidelore Kneffel
Autor: nnz

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