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Menschenbilder (34)

Montag, 16. April 2012, 06:46 Uhr
Der Nordhäuser Autor Bodo Schwarzberg wird den im Dezember 2011 erschienenen ersten Band der Reihe "Menschenbilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" durch einen zweiten Band ergänzen, der im kommenden Jahr mit wiederum rund 200 Texten erscheint...

Klaus Polle

Ehemals Fleischerei Polle, Imbissbetrieb
Traditionsgaststätte „Friedenseiche“
Hauptstraße 66 (Imbiss)
99734 Nordhausen
Telefon: (0 36 31) 9 03 50


„Wir setzen die lange Tradition vieler, ganz hervorragender Gastwirte in der Friedenseiche fort. Ich bin nur der letzte in ihrer langen Reihe“, sagt Fleischermeister Klaus Polle, der die wohl bekannteste Gaststätte des einst selbstständigen Nordhäuser Stadtteiles Salza im Jahre 2003 erwarb, mit viel Liebe zum Detail sanierte und zu neuem Leben erweckte: „Ganz Salza war aus dem Häuschen, als in der Friedenseiche wieder Licht brannte. Wir sind mit der Bedienung gar nicht hinterhergekommen“, sagt der am 24.10.1948 in Salza geborene Unternehmer. Fast schien es, so ergänzt er, als habe das alte Salza damit ein Stück seines Stolzes und seiner Identität zurückgewonnen.

Und das ist nicht verwunderlich: Denn die um 1890 als Gaststätte, Pension und Ausspanne eröffnete Friedenseiche war jahrzehntelang das Volks- und Vereinshaus des Ortes schlechthin: Mitglieder von Karnevalsverein, Boxverein, Ringer- und der Turnerverein und vieler anderer Vereine fanden sich hier zu Proben oder zum Training zusammen. In der Friedenseiche traf man sich, wenn man nicht allein sein wollte. Man kam auf ein Glas Bier, feierte Geburtstage, Hochzeiten, Walpurgisnacht und Silvester. Der unübertroffene Höhepunkt aber dürfte noch immer die Salzaer Kirmes am ersten Sonntag im Oktober sein.

Nur die Tatsache, dass die alte Friedenseiche nach der Wende kurzzeitig in „Kastanienhof“ umbenannt wurde, nahm man den damaligen Besitzern und Betreibern krumm: „Mit einem solchen Namen konnte auch das beste Konzept nicht aufgehen“, sagt mancher Salzaer noch heute. Die Bürger stimmten mit den Füßen ab: Das Ergebnis hieß Konkurs. Das Licht ging aus und die Fenster wurden zugemauert. – Bis zum neuen Erwachen der alten Friedenseiche unter Klaus Polle und der rührigen Wirtin Frau Schneppe. Im Biergarten stehen bis zu 200 Plätze zur Verfügung und im Haus selbst 250. Regelmäßige Öffnungszeiten gibt es nicht. Allerdings stehen die Türen anlässlich von Feiertagen oder Volksfeste wie zu Ostern, Walpurgis, Fasching und Silvester weit offen.

Der Unternehmer Klaus Polle jedoch ist in Salza und Nordhausen eher weniger als Gastwirt, sondern eher als Fleischermeister bekannt. Dabei konnte er stets auf den hervorragenden Ruf seiner Vorfahren mütterlicherseits aufbauen, die den Familiennamen Mehrgarten trugen und in Nordhausen ein Stück Wirtschaftsgeschichte geschrieben haben: Der Großvater von Klaus Polle, Erich Mehrgarten betrieb einst einen Kolonialwarenladen, in dem es von der Nähnadel bis zum Fahrrad alles nur Erdenkliche zu kaufen gab. Dessen Brüder machten sich als Konditoren und Gastronomen sowie Schuhfabrikanten einen Namen.

Klaus Polle wuchs bei seiner Mutter und bei seinem Großvater auf, absolvierte die damals übliche Acht-Klassen-Schule und trat anschließend sogleich eine Fleischerlehre bei der alteingesessenen Fleischerei unter ihrem damaligen Inhaber und Meister Ferdinand Hucke in Altendorf an. „Der Junge ist 14 und muss arbeiten“, hatte sein Großvater bestimmt. Der junge Salzaer wurde zum Fleischer mit Leib und Seele, erzählt aber auch von den hohen Anforderungen, die sein damaliger Chef an ihn stellte: „Die Qualität seiner Fleisch- und Wurstwaren war ganz hervorragend. Aber wenn die Lehrlinge nicht spurten, rutschte ihm auch schon mal die Leberwurst aus“, schmunzelt er. Aber gerade die Autorität des Meisters habe ihm viel gebracht. Lehrjahre seien eben nun einmal keine Herrenjahre gewesen.

Etwa seit dieser Zeit verbindet Klaus Polle eine tiefe Freundschaft mit dem Sohn seines damaligen Meisters, Gerd Hucke – mittlerweile seit rund 50 Jahren. Heute betreibt dieser selbst eine der bekanntesten Fleischereien des Landkreises. Zwei Nordhäuser Fleischer sind befreundet? Das können in Zeiten der verbreiteten Ellenbogenmentalität nur wenige Menschen verstehen. Aber der Reihe nach: Zwischen 1969 und 1986 leitete Klaus Polle jeweils eine Konsum-, bzw. HO-Fleischerei:

Erst jene in der Hauptstraße unmittelbar neben der Friedenseiche und später die in damals in der Bahnhofsstraße befindliche. Letztere war als Kooperationsladen des damaligen Fleischkombinates eine der größten HO-Fleischereien der Zorgestadt. 17 Verkäuferinnen standen allein dort in Lohn und Brot. Als Mitglied in verschiedenen Gremien der Fleischwirtschaft des Kreises hatte der Handwerker auch Einfluss auf ihre Belange und die Qualität: Mit den Worten, „Die Qualität der Wurst zu DDR-Zeiten war gut, aber nicht sehr gut“, beschreibt er sie. Und genau dies war der Punkt, über den er noch mehr bestimmen wollte, was jedoch nur als selbständiger Inhaber einer Fleischerei möglich war. „Ich wollte ganz einfach zu den Wurzeln zurück!“, bekräftigt er.

Zweimal startete er einen entsprechenden Versuch, wurde von den zuständigen Behörden jedoch jeweils mit der Begründung abgewiesen, man brauche ihn auf Grund der von ihm gelieferten schwarzen Zahlen in der HO-Verkaufsstelle.

Doch 1986, dem Jahr, in dem er gemeinsam mit Gerd Hucke mit Erfolg die Meisterschule beendete, hatte er „genug Unterstützer“ beisammen, wie er sagt, unter anderem den damaligen Chef der Hygieneabteilung beim Rat des Kreises. In der Salzaer Hauptstraße 64 eröffnete er mit zwei angestellten Fachverkäuferinnen sein erstes eigenes Geschäft. Fortan gehörte die DDR-typische Menschenschlange mit 30 bis 50 Wartenden auch in Salza zum normalen Straßenbild.

Jeweils donnerstags, freitags und sonnabends war Verkauf. „Samstagmittag war nicht mal mehr ein einziger Knochen übrig“, lacht Klaus Polle. Der Bedarf brach alle Rekorde: „Wir schlachteten pro Woche 30 bis 40 Schweine, drei bis vier Rinder und drei bis vier Hammel.“, erinnert er sich. Die Hammel waren vor allem für die damals in Nordhausen legendären Karpaten-Salami bestimmt, eine würzige, wasserarme Wurst, die bereits nach 14 Tagen hart war. „Die Kunden standen nicht so sehr auf Hammel. Karpatensalami klang aber besser und wurde uns aus den Händen gerissen“, erklärt der Meister.

Das leidige Problem mangelnder Zutaten löste er übrigens vor allem mit Hilfe unzähliger Flaschen Nordhäuser Doppelkorn. Bis nach Dresden fuhr er mit ihnen im Kofferraum, um sie gegen die besonders raren Naturdärme einzutauschen. Dennoch verschlechterte sich die Situation Ende der 80-er Jahre noch: Weil es beispielsweise keinen Pfeffer mehr gab, musste eine scharf schmeckende Chemikalie als Zutat herhalten.

Die Wende und den Mauerfall hat Klaus Polle entsprechend euphorisch begrüßt. Keine der Dienstags-Demonstrationen auf dem Bebelplatz ließ er aus, was im Herbst 1989 für ihn nicht ganz ungefährlich war. Die Angst, seine Konzession zu verlieren, ging immer mit.

Bereits zum Beginn des Jahres 1990 war der Salzaer Unternehmer der erste Fleischermeister weit und breit, der über eine moderne Produktions- und Ladeneinrichtung aus dem Westen verfügte. Diese baute er in der ehemaligen Konsumverkaufsstelle in der Hauptstraße 66 ein und sie wurde zum begehrten Schauobjekt für viele andere Fleischermeister, die sich nun mit dem Gedanken an die Eröffnung eines eigenen Geschäftes trugen.

„Die Umsätze der ersten Monate waren jenseits von gut und böse“, denkt Klaus Polle zurück. So nach und nach eröffnete er regional und überregional, zwischen Harzgerode im Osten und Braunlage im Westen, elf weitere Verkaufsstellen mit insgesamt bis zu 50 Mitarbeitern. Interessant ist seine Beobachtung, dass die niedersächsischen Kunden z.B. keine Senfkörner in der Wurst haben wollten, weil sie sich über all die Jahrzehnte schon allzu sehr an künstliche Zusätze gewöhnt hatten. Auch die Tatsache, dass die Farbe der Wurst aus Nordhausen nach drei Tagen verblasste, weil sie nach wie vor keine Chemikalien enthielt, stieß dort auf wenig Gegenliebe.

Infolge der zunehmenden Konkurrenz durch die Supermärkte, sanken die Verkaufszahlen in den Geschäften von Klaus Polle zunehmend, so dass er sich 2007 schließlich zur Aufgabe seiner Fleischerei entschied. Seitdem betreibt er in der Hauptstraße 66 in Salza einen gemütlichen und großzügig eingerichteten Imbiss, in dem er nach wie vor handwerklich verarbeitete, frisch gestopfte Thüringer Bratwurst, Schinken, Knackwurst, Rotwurst, Leberwurst und Sülze, jeweils in Verbindung mit Brötchen, verkauft. Zwischen 6:30 und 14:00 ist der große Parkplatz auf der anderen Straßenseite voll, wenn sich Handwerker und andere Geschäftsleute bei Klaus Polle ihr Frühstück oder ihr Mittagessen schmecken lassen.

Direkt am Parkplatz befindet sich seit 1990 auch die vielleicht bekannteste Würstchenbude von Salza, in der natürlich „Original Thüringer Bratwurst“ verkauft wird. Zwei festangestellte Mitarbeiter, sowie vier Teilzeitkräfte stehen heute bei Klaus Polle in Lohn und Brot.

Die Antwort auf die Frage, warum die Freundschaft zwischen Gerd Hucke und ihm mitunter auf Verwunderung stößt, liegt nun auf der Hand: Beide sind Fleischermeister und Mitbewerber. „Wir verstehen uns ganz hervorragend, und haben uns stets zum gegenseitigen Vorteil auch und gerade in schweren Zeiten unterstützt. Wir haben gemeinsam unsere Betriebe vorangebracht und tauschten sogar schon Rezepte aus“, erklärt der Salzaer Unternehmer. Untrennbar mit den beiden verbunden aber ist auch noch der bekannte Nordhäuser Konditormeister Wilfried Jacobsohn (siehe in diesem Band). Gemeinsame Unternehmungen und Urlaube sind selbstverständlich.

Die beiden Töchter von Klaus Polle, Annekatrin (geb. 1970) und Jana (geb. 1972) sind ebenfalls selbstständig. Annekatrin betreibt in Salza einen Lotto- und Zeitschriftenladen, während Jana in eine bekannte Nordhäuser Eisdiele eingeheiratet hat.

Mit dem Text über Klaus Polle aus dem ersten Band der Reihe "Menschenilder aus der Harz- und Kyffhäuserregion" von Bodo Schwarzberg wird die Online-Publikation von Ausschnitten des Buches in der nnz fortgesetzt. Das mit mehr als 1.000 Fotos und Dokumenten illustrierte 1.200-Seiten-Werk ist im Autohaus Peter und im Buchhaus Rose erhältlich.
Autor: nnz

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