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Die Pflanze von nebenan (10)

Montag, 16. April 2012, 09:41 Uhr
All Jenen unter Ihnen, liebe nnz- und kn-Lesern, die eventuell gedacht haben, die Serie über die in Nordthüringen siedelnden Arten der Gattung Goldstern (Gagea) sei wider seinen Ankündigungen vorfristig beendet, möchte Bodo Schwarzberg mit der zehnten Folge der Dauerserie „Die Pflanze von nebenan“ das Gegenteil bekunden...


Nach dem Böhmischen Goldstern, dem Wald-Goldstern, dem Acker- und dem Wiesen-Goldstern folgt heute ein Porträt des Pommerschen Goldsterns Gagea pomeranica.

Er fällt ein wenig aus der Reihe der anderen Goldsterne. Laut Flora Thüringen von Zündorf, Günther Korsch und Westhus (2006) verfügt er aktuell im Freistaat nur über einen einzigen Fundort. Und dieser liegt im Landkreis Nordhausen. Damit ist er der seltenste Vertreter seiner Gattung im Gebiet. Zweitens aber galt er bis vor wenigen Jahren als eigenständige Art. Mit einer Arbeit aus dem Jahre 2004 wiesen jedoch die Autoren John, Peterson & Peterson molekularbiologisch den Hybridcharakter dieser Sippe nach, die demnach aus einer Kreuzung von Wiesen- und Wald-Goldstern hervorgegangen ist.
Und tatsächlich: Am von mir vor wenigen Tagen aufgesuchten Standort siedeln sowohl die beiden Elternarten, als auch ihr gemeinsames „Kind“, der extrem seltene Pommersche Goldstern. Er wurde erstmals 1893 vom Botaniker Ruthe auf Usedom gefunden (daher der Name „Pommerscher Goldstern“) und von ihm als eigenständige Art beschrieben. Nach den genannten Untersuchungen ist der Artcharakter nun möglicherweise nicht mehr haltbar.

Nach der Arbeit von John und Peterson & Peterson gibt es bisher nur einige wenige Nachweise aus Deutschland. Bemerkenswert erscheint die Tatsache, dass Gagea pomeranica trotz seines Hybridcharakters Früchte bildet. Denn oftmals sind derartige Bastarde nicht fortpflanzungsfähig. Er kann sich also möglicherweise selbsttätig über Samen vermehren und somit erhalten. Vielleicht sind wir ja sogar Zeuge der Entstehung einer neuen Art?

Nun noch zu einigen Merkmalen des Pommerschen Goldsteins aus der Flora von Thüringen (2006), gut sichtbar auch auf den von mir am einzigen Thüringer Standort erzeugten Bildern: Die Sippe steht tatsächlich hinsichtlich ihrer Merkmale zwischen den genannten Elternarten: Beim Wiesen-Goldstern ist der Stängelgrund tiefrot, beim Wald-Goldstern weißlich, beim Pommerschen Goldstern jedoch nur rötlich, also gemischt. Die Zwiebeln des Wiesen-Goldsterns stehen zu dritt, der Wald-Goldsterns verfügt nur über eine einzige Zwiebel, während der Pommersche Goldstern zwischen beiden vermittelt: Zwei Zwiebeln machen ihn unverwechselbar. Ich allerdings ersparte mir das Ausgraben zur diesbezüglichen Begutachtung. um das einzige Thüringische Vorkommen zu schonen.

Auffallend und typisch für dein Pommerschen Goldstern ist zudem das breite, am Grunde eiförmig erweiterte und den Stängel scheidig umfassende oberste Stängelblatt. Beiden Elternarten hingegen fehlt der scheidige Charakter dieses Blattes. Bei ihnen ist es an dessen Grunde eher verschmälert.

Das Bestimmungsbuch von Rothmaler (1996) gibt für den Pommerschen Goldstern als typische Standorte Wiesen und Waldränder an. Im Landkreis Nordhausen siedelt er zu mehreren Dutzend Exemplaren auf einer flussnahen Wiese. Seine Eltern indes wachsen in der Nähe.

Bleibt zu hoffen, dass der von Korsch im Jahre 2002 entdeckte Standort erhalten bleibt und dass wir an den wenigen anderen deutschen Standorten weiter beobachten können, ob der Pommersche Goldstern auch künftig ein stabiler Vertreter unserer heimischen Flora bleibt.

Bisher wird er laut floraweb.de in keiner deutschen Roten Liste geführt, wohl weil ihn bisher nur wenige Botaniker zu Gesicht bekamen, also kennen. Die Seltenheit der Sippe sollte uns Anlass genug sein, ihre Vorkommen zu erhalten.

Als nächstes und letztes folgen die Porträts der ebenfalls seltenen Arten Zwerg-Goldstern Gagea minima und Scheiden-Goldstern Gagea spathacea. Letzteren habe ich allerdings noch nicht gefunden, bin aber natürlich optimistisch.
Bodo Schwarzberg

Quellen / Literatur:

Zündorf, H.J., Günther, K.F., Korsch, H., Westhus, W. (2006) Flora von Thüringen. Jena.
John, H, Peterson, A. & Peterson J. (2004): Zum taxonomischen Rang zweier kritischer Sippen der Gattung Gagea in Mitteleuropa. Mitt. florist. Kart. Sachsen-Anhalt 9, 15-26.
Rothmaler, W. (1996): Exkursionsflora von Deutschland. Gefäßpflanzen – Kritischer Band. Jena, Stuttgart.
Autor: nnz

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