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"Behälter" für Erinnerung und Info

Donnerstag, 30. Oktober 2003, 14:54 Uhr
Nordhausen(nnz.) Kein großes Museum, sondern ein einfaches, zweigeschossiges Lern- und Dokumentationszentrum soll in der KZ- Gedenkstätte Mittelbau Dora entstehen. Den Rohbau durfte nnz gemeinsam mit viel Prominenz schon einmal in Augenschein nehmen.


Dagmar Schipanski Darf man sich an so einem Ort, der unzähligen Menschen schreckliches Leid angetan hat, überhaupt freuen? Diese Frage stellte Dagmar Schipanski, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst, zu Beginn ihrer Rede in den Raum. Man darf es, wenn der Anlaß die Übergabe des Rohbaus eines neuen Lern und Dokumentationszentrum ist, gab sie sich selbst die Antwort.

Im Rahmen der Neukonzeption der Gedenkstätte Mittelbau Dora wurde im September 2000 ein Ideenwettbewerb ausgelobt. 131 Arbeiten wurden eingereicht, 25 Architekturbüros bekamen die Chance ihre Entwürfe für die zweite Auswahlrunde zu überarbeiten. Verwirklicht wird nun der einstimmig mit dem ersten Preis bedachte Entwurf des Büros Uwe Kleineberg aus Braunschweig und des Landschaftsarchitekten Hinnerk Wehberg aus Hamburg.

Rohbau Besonders hervorzuheben ist hierbei die Lichtgestaltung. Die Fenster befinden sich nicht wie gewohnt im oberen Teil der Räume, sondern werden als schmales, den ganzen Bau umlaufendes Glasband in Bodenhöhe gestaltet. Dieser ungewöhnliche Lichteinfall soll zum besonderen Charakter der Ausstellung beitragen, die auf rund 420 qm wesentlich mehr Raum einnehmen kann als bisher.

Im oberen Teil des Gebäudes sind dann die Büros der Mitarbeiter untergebracht, außerdem das Archiv, eine Bibliothek und der kleinste der Seminarräume. Von dort hat man auch einen guten Ausblick auf die Stadt Nordhausen. Das gehöre laut Gedenkstättendirektor Jens-Christian Wagner zum Konzept. Es soll damit deutlich werden, daß das Lager nicht nur ein Ort des Schreckens außerhalb der Stadt war, sondern auch in die Gesellschaft eindrang. Vor allem Dora sei ein exemplarisches Beispiel für die Zusammenarbeit von zivilen Wissenschaftlern und der SS. Das führte dazu, daß das Konzentrationslager bis in die Mitte der 1960er in Vergessenheit geriet. Niemand wollte sich erinnern. Jetzt bekommt die Gedenkstätte fast 60 Jahre nach Kriegsende die Bedeutung, die sie verdient, um dem Vergessen vorzubeugen.

Die Neukonzeption soll auch nicht die Produktion der V2 und den Nutzen der Raketenforschung für die zivile Raumfahrt in den Vordergrund stellen. Das Leitthema muß die Zwangsarbeit sein, denn unzählige Menschen fanden in den Untertageanlagen es Mittelwerkes den Tod. Sie zu vergessen, käme einer Glorifizierung eines unrühmlichen Geschichtskapitels gleich.

Damit das nicht geschieht, gibt es nicht nur das Lern und Dokumentationszentrum, sondern auch einen Verein wie "Jugend für Dora", der internationale Workcamps organisiert. Dabei können sich junge Leute kennenlernen und gemeinsam Teile der Gedenkstätte rekonstruieren. Das ist der beste Weg gegen Vorurteile.

Auch Besuche von Überlebenden tragen zu einer realistischen Darstellung des Raketenbaus bei. Solange sie noch reden können, müssen Menschen wie der Belgier Leopold Claessens herkommen, der mit einer Delegation aus seiner Heimat im September einen Gedenkstein übergab. nnz berichtete.

Wenn das Lern und Dokumentationszentrum im Herbst 2004 eröffnet wird, dann nutzen hoffentlich viele Bürger die Angebote. Nur wer weiß, wie der Nationalsozialismus funktionierte, der wird auch etwas dafür tun, daß derartiges keine Chance in der Gesellschaft erhält.
Autor: nnz

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