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nnz-Forum: Respekt verdient

Freitag, 06. April 2012, 12:27 Uhr
Die Diskussion um das Gedicht von Günter Grass geht munter weiter. In den großen Online-Portalen, aber eben auch in der nnz. Wir bieten Ihnen in unserem Forum das Statement eines nnz-Autors an...

Günter Grass verdient Respekt

Die gekünstelten, vorgebackenen Aufschreie des politischen und kulturellen Establishments auf Grass‘ Gedicht in Deutschland und darüber hinaus haben mich entsetzt. Nur weil der Autor Israel kritisiert hat, sei er ein Antisemit, der aus seiner SS-Mitgliedschaft von 1944 nichts gelernt hat.

Aber Grass hat mehr gelernt als das genannte Establishment! Er hat sich nicht einer ideologisch determinierten Blindheit verschrieben, sondern ganz nüchtern die Gefährdung des Friedens und deren Ursachen analysiert. Denn Grass weiß aus eigener Erfahrung, wozu ideologische Einseitigkeit, also das Ausblenden von Realitäten, führen kann. Ahmadinedschad ist tatsächlich ein Dummschätzer und Demagoge, dem das heimliche Basteln an der Bombe zuzutrauen ist. Israel aber hat mit einem Angriff gedroht, nicht der Iran. So, als sei eine solche Drohung das Normalste von der Welt. Hätte dies der iranische Diktator getan, wäre die Welt auf die Barrikaden gegangen.

Aber selbst Obama hat die Augen verdreht, bei Israels Ankündigung und abgeraten. Das spricht wohl Bände: Denn Obama weiß nur zu gut, zu welchem Flächenbrand ein israelischer Erstschlag führen könnte. Deutschland hat dies offenbar nicht erkannt, eben aus einer falsch verstandene "Nibelungentreue" heraus, wie es Grass selbst ausdrückt, und schickt Israel ein U-Boot, mit dem angeblich Atomraketen verschossen werden können. Wenn Grass so etwas kritisiert, dann ist er ein Friedensstifter und kein Ignorant wie mancher deutsche Politiker!

Schon einmal wurde im Nahen Osten vom Westen auf der Grundlage von Lügen für viel Leid gesorgt. Bekanntermaßen musste der letzte britische Premier kleinlaut einräumen, dass die Behauptung, der Irak verfüge über Chemiewaffen, nur den Angriff legitimieren sollte. Da aber hatten US-Panzer schon tausende Menschen getötet, übrigens mit logistischer Unterstützung aus Deutschland.

Den RTL-gewohnten politisch wenig interessierten Bürger haben diese Erkenntnisse wenig interessiert. Er ist moralisch abgestumpft und hätte doch gegen die eigenen Regierungen auf die Straße gehen müssen. Schließlich klebte das Blut Unschuldiger an ihren Händen.

Literatur-Nobelpreisträger Grass aber weiß um derartige Dinge, schon weil er seine Blechtrommel verinnerlicht hat. Sie bringt ja nichts anderes zum Ausdruck, als die Fahrt des dumpfbackenen Spießbürgers in den gemeinsamen Abgrund unter Hitler, eben auf Grund von Ignoranz, Blindheit und Nibelungentreue.

Mit seinem Gedicht knüpft Grass an die Blechtrommel an: Er hat mit seinem Gedicht das getan, was er als weltbekannter Schriftsteller mit einem moralischen Anspruch tun muss, wenn die Ignoranz des Establishments gar zu traurige Blüten treibt. Ich hoffe, dass es trotz seines hohen Alters noch nicht die "letzte Tinte" ist, mit der er in die eingefahrenen Denkstrukturen eingegriffen hat.

Seine Kritik an Israel hat nichts mit Antisemitismus zu tun. Gerade Grass' Freundschaft zu diesem unverzichtbaren Land ist nur dann echt, wenn er sie im Bedarfsfalle mit klaren Worten untermauert. Dem Autor seine SS-Mitgliedschaft als 17-jähriger vorzuwerfen, zeugt von der geistigen Armut jener, die dies aussprechen: Vor einigen Jahren kursierte die gnadenlos kritisierte Floskel von der "Gnade der späten Geburt". Wer jedoch behauptet, er wäre unter den Bedingungen der Nazizeit nicht SS-, NSDAP- oder HJ-Mitglied geworden, der versteigt sich in nicht vorhandene moralische Höhen.

Grass ist 1928 geboren und kannte praktisch nichts anderes als Hitler und Goebbels. Er hatte wohl keinen Vergleich, genau wie so viele andere damals, die mitliefen und auch mit mordeten. „Die Banalität des Bösen“ ist sehr nahe, wenn man eingepeitscht bekommt, dass das Böse richtig und gut ist. Einen Vorwurf kann man ihm daher wohl kaum machen. Zudem hat er sich, wenn auch leider sehr spät, freiwillig mit diesem dunklen Kapitel auseinandergesetzt. Suchen Sie mal im Netz nach früheren SS-Leuten, die Reue zeigten oder sich doch wenigstens mit der damaligen Zeit kritisch auseinandersetzen. Zudem bedeutete die Mitgliedschaft in einer verbrecherischen Organisation nicht automatisch, dass das Mitglied zum Täter wird.

Schwarz-Weiß-Malerei hilft eben nicht bei der Betrachtung so komplexer Dinge wie der Biografie von Günter Grass und der Gefahr eines neuen Krieges im nahen Osten. Mir läuft ein kalter Schauer über den Rücken, wenn ich mit ansehen muss, dass der 84-jährige Literaturnobelpreisträger die deutsche Politik daran erinnern muss, diesmal, nicht wie im Iran-und Afghanistankrieg, keinen Fehler zu machen - aus Freundschaft zu Israel.
Bodo Schwarzberg
Anmerkung der Redaktion:
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Autor: nnz

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