Gemeinsam kostet
Freitag, 23. März 2012, 13:26 Uhr
Immer mehr Schüler mit besonderem Förderbedarf besuchen in Thüringen eine Regelschule. Im Schuljahr 2010/2011 gingen 25,2 Prozent der verhaltensauffälligen, lern- oder körperbehinderten Schüler in Rheinland-Pfalz nicht mehr auf eine separate Förderschule. Ein Jahr zuvor hatte der Inklusionsanteil noch bei lediglich 21,1 Prozent gelegen. Thüringen liegt damit leicht über dem Bundesdurchschnitt in Höhe von 22,3 Prozent. Die Zahlen wurden von Bildungsökonom Prof. Klaus Klemm im Auftrag der Bertelsmann Stiftung errechnet...
Deutschland hat sich verpflichtet, Kinder mit und ohne Förderbedarf künftig gemeinsam zu unterrichten. Die Abkehr vom derzeitigen Sonderschulsystem schreibt eine UN-Konvention vor, die am kommenden Montag vor drei Jahren (26. März 2009) in Kraft trat. Besonderen Förderbedarf haben in Deutschland rund eine halbe Million Schüler. Dies sind 6,4 Prozent der gesamten Schülerschaft. In Thüringen ist die Förderquote höher. Hier haben 7,8 Prozent der Schüler (12.269) besonderen Förderbedarf.
Der bundesweite Trend zeigt ebenso wie in Thüringen steigende Inklusionsanteile: Im Schuljahr 2010/2011 ist der Anteil der Schüler mit Förderbedarf, die keine separate Förderschule besuchen, gegenüber dem Vorjahr von 20,1 auf 22,3 Prozent gestiegen. Spitzenreiter bei der Inklusion ist Schleswig-Holstein. Hier gehen 49,9 Prozent aller lern- oder körperbehinderten Schüler auf eine reguläre Schule. Auch Berlin und Bremen weisen einen Inklusionsanteil von mehr als 40 Prozent auf. Eine besonders hohe Dynamik verzeichnet Hamburg. Innerhalb eines Schuljahres ist der Inklusionsanteil um über die Hälfte gestiegen, von 16,2 auf 24,4 Prozent. Schlusslicht ist Niedersachsen, wo lediglich 8,5 Prozent der Förderschüler inklusiv unterrichtet werden.
Inklusion wird mittelfristig zur Normalität an deutschen Schulen. Das stellt die Schulen vor riesige Herausforderungen, die sie nur mit genügend gut ausgebildetem Personal bewältigen können, sagte Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung. Begrüßenswert sei der Grundgedanke der Inklusion auch, weil auf einer Förderschule die Aussichten auf einen Schulabschluss nur gering sind. Über 75 Prozent der Förderschüler, die separat unterrichtet werden, erlangen nicht den Hauptschulabschluss. Der vermeintliche Schutzraum hat sich für viele als Isolationsfalle entpuppt, sagte Dräger. Wenn das Ziel erreicht werden solle, die Zahl der Hauptschulabbrecher in Deutschland zu halbieren, führe der Weg nur über eine Reform des Sonderschulsystems.
Umstritten war bislang, welche personelle Ausstattung inklusive Schulen benötigen, um alle Kinder angemessen zu fördern. Mit der neuen Studie der Bertelsmann Stiftung liegt nun erstmals eine Berechnung vor, die den konkreten Bedarf benennt. Für Thüringen würde ein Umbau des Schulsystems auf Inklusion vergleichsweise günstig, weil aufgrund sinkender Schülerzahlen im kommenden Jahrzehnt eine demographische Rendite zu erwarten ist. Trotzdem bliebe unter dem Strich ein Mehrbedarf von 636 Lehrern.
Umgerechnet bedeutet das im Vergleich zum Schuljahr 2009/2010 zusätzliche Kosten von jährlich rund 45,2 Millionen Euro, die in voller Höhe ab dem Schuljahr 2020/21 anfallen. In seiner Berechnung geht Prof. Klemm davon aus, dass die bisherige Förderung der behinderten und verhaltensauffälligen Kinder vom Umfang her künftig auch in Regelschulen geleistet wird.
Inklusion ist notwendig und bezahlbar. Aber sie wird dort scheitern, wo Länder sie als Sparmodell betrachten, sagte Dräger. Das Geld und die Stellen, die an bisherigen Förderschulen frei werden, seien nicht ausreichend, sofern der Umfang der Förderung nicht reduziert werden soll. Eine hinreichende Personalausstattung der Schulen mit Lehrern, Sonderpädagogen, Psychologen und Therapeuten sei – neben dem durchgängigen pädagogischen Prinzip der individuellen Förderung – die wichtigste Voraussetzung für den Erfolg und die Akzeptanz von Inklusion.
Umfragen der Bertelsmann Stiftung in jüngerer Zeit hatten gezeigt, dass bei Lehrern und Eltern die Skepsis gegenüber Inklusion nach wie vor groß ist. Nur wenn alle Schüler vom gemeinsamen Lernen profitieren, wird inklusiver Unterricht den nötigen Rückhalt erfahren, sagte Dräger.
Autor: nnzDeutschland hat sich verpflichtet, Kinder mit und ohne Förderbedarf künftig gemeinsam zu unterrichten. Die Abkehr vom derzeitigen Sonderschulsystem schreibt eine UN-Konvention vor, die am kommenden Montag vor drei Jahren (26. März 2009) in Kraft trat. Besonderen Förderbedarf haben in Deutschland rund eine halbe Million Schüler. Dies sind 6,4 Prozent der gesamten Schülerschaft. In Thüringen ist die Förderquote höher. Hier haben 7,8 Prozent der Schüler (12.269) besonderen Förderbedarf.
Der bundesweite Trend zeigt ebenso wie in Thüringen steigende Inklusionsanteile: Im Schuljahr 2010/2011 ist der Anteil der Schüler mit Förderbedarf, die keine separate Förderschule besuchen, gegenüber dem Vorjahr von 20,1 auf 22,3 Prozent gestiegen. Spitzenreiter bei der Inklusion ist Schleswig-Holstein. Hier gehen 49,9 Prozent aller lern- oder körperbehinderten Schüler auf eine reguläre Schule. Auch Berlin und Bremen weisen einen Inklusionsanteil von mehr als 40 Prozent auf. Eine besonders hohe Dynamik verzeichnet Hamburg. Innerhalb eines Schuljahres ist der Inklusionsanteil um über die Hälfte gestiegen, von 16,2 auf 24,4 Prozent. Schlusslicht ist Niedersachsen, wo lediglich 8,5 Prozent der Förderschüler inklusiv unterrichtet werden.
Inklusion wird mittelfristig zur Normalität an deutschen Schulen. Das stellt die Schulen vor riesige Herausforderungen, die sie nur mit genügend gut ausgebildetem Personal bewältigen können, sagte Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung. Begrüßenswert sei der Grundgedanke der Inklusion auch, weil auf einer Förderschule die Aussichten auf einen Schulabschluss nur gering sind. Über 75 Prozent der Förderschüler, die separat unterrichtet werden, erlangen nicht den Hauptschulabschluss. Der vermeintliche Schutzraum hat sich für viele als Isolationsfalle entpuppt, sagte Dräger. Wenn das Ziel erreicht werden solle, die Zahl der Hauptschulabbrecher in Deutschland zu halbieren, führe der Weg nur über eine Reform des Sonderschulsystems.
Umstritten war bislang, welche personelle Ausstattung inklusive Schulen benötigen, um alle Kinder angemessen zu fördern. Mit der neuen Studie der Bertelsmann Stiftung liegt nun erstmals eine Berechnung vor, die den konkreten Bedarf benennt. Für Thüringen würde ein Umbau des Schulsystems auf Inklusion vergleichsweise günstig, weil aufgrund sinkender Schülerzahlen im kommenden Jahrzehnt eine demographische Rendite zu erwarten ist. Trotzdem bliebe unter dem Strich ein Mehrbedarf von 636 Lehrern.
Umgerechnet bedeutet das im Vergleich zum Schuljahr 2009/2010 zusätzliche Kosten von jährlich rund 45,2 Millionen Euro, die in voller Höhe ab dem Schuljahr 2020/21 anfallen. In seiner Berechnung geht Prof. Klemm davon aus, dass die bisherige Förderung der behinderten und verhaltensauffälligen Kinder vom Umfang her künftig auch in Regelschulen geleistet wird.
Inklusion ist notwendig und bezahlbar. Aber sie wird dort scheitern, wo Länder sie als Sparmodell betrachten, sagte Dräger. Das Geld und die Stellen, die an bisherigen Förderschulen frei werden, seien nicht ausreichend, sofern der Umfang der Förderung nicht reduziert werden soll. Eine hinreichende Personalausstattung der Schulen mit Lehrern, Sonderpädagogen, Psychologen und Therapeuten sei – neben dem durchgängigen pädagogischen Prinzip der individuellen Förderung – die wichtigste Voraussetzung für den Erfolg und die Akzeptanz von Inklusion.
Umfragen der Bertelsmann Stiftung in jüngerer Zeit hatten gezeigt, dass bei Lehrern und Eltern die Skepsis gegenüber Inklusion nach wie vor groß ist. Nur wenn alle Schüler vom gemeinsamen Lernen profitieren, wird inklusiver Unterricht den nötigen Rückhalt erfahren, sagte Dräger.
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