Trockenes Wetter ist eine Katastrophe
Samstag, 17. März 2012, 14:39 Uhr
Endlich Biergartenwetter! Endlich relaxen und grillen im Garten! Endlich Sonne, werden fast alle Menschen an diesen Frühlingstagen sagen und sich an dem schönen Wetter freuen. Ich als Botaniker und Naturschützer sage: Das Wetter ist eine Katastrophe...
Das Frühjahr2007 gehörte zu den trockensten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. So ähnlich wie dieses Exemplar der Orchidee Helm-Knabenkraut (Orchis militaris, Aufnahme im Landkreis Nordhausen) sahen in den Jahren 2007, 2009 und 2011 viele Pflanzen aus.
Eine Schwalbe mache noch keinen Sommer, lautet eine alte Volksweisheit und natürlich macht ein trockenes Frühjahr noch keinen Klimakollaps. Als katastrophal beurteilen die meisten Zeitgenossen bekanntermaßen nur Wirbelstürme und Hochwasser, also lediglich jene Wettererscheinungen, von denen sie ihr Hab und Gut bedroht sehen.
Und so hätte das Helm-Knabenkraut eigentlich aussehen müssen. (Foto: B. Schwarzberg)
Seit Jahren beobachte ich unsere heimische Flora, stelle Beziehungen ihrer Entwicklung zum Wetter her und lese internationale Studien. Nicht die aktuell sehr trockenen Wochen, sondern die Häufung derartiger Dürrefrühjahre ist das Problem: 2007, 2009, 2011 und jetzt auch 2012?
Innerhalb von nur 150 Jahren ist die Weltdurchschnittstemperatur um fast ein Grad gestiegen, eine nie dagewesene Steigerung während der letzten 500.000 Jahre Erdgeschichte: Nicht nur wärmeliebende Arten, wie der schön anzuschauende Vogel Bienenfresser weiten ihr Areal nach Norden aus, sondern auch Krankheitsüberträger wie die Asiatische Tigermücke und Krankheiten wie das Hanta-Virus und das West-Nil-Fieber-Virus. Der Ausstoß von Treibhausgasen ist wider allen Konferenzen weiter angestiegen, nach einer australischen Studie in 2010/11 um unglaubliche 5,9 Prozent. Appelle zum Sparen, zum Maßhalten verhallen ungehört.
Dabei hat jeder von uns doch schon davon gehört, dass wir Industrielandbewohner mit unserem ungehemmten und vor allem unüberlegten Ressourcenverbrauch die Hauptverantwortung für das Desaster tragen, dass unsere einzigartige Erde heimsucht. Doch wer mag sich schon freiwillig einschränken, wo doch das neue Auto des Nachbarn so verführerisch aussieht?
Die Grenzen des Wachstums indes werden immer deutlicher: 15.000 Liter Wasser für ein Kilo Fleisch und 200 Liter für einen Latte Macchiato, andererseits die wachsende Weltbevölkerung und angesichts des Klimawandels zunehmende Wasserknappheit. Und das ist nur ein Beispiel von vielen. Ich bin gespannt, wann die ökologischen Tatsachen den Kapitalismus, so wie wir ihn kennen und meist kritiklos hinnehmen, in die Knie zwingen. Hoffentlich geschieht dies, bevor es zu noch mehr Hungertoten, Klimaflüchtlingen und Hitzetoten kommt, für die niemand, zumindest nicht juristisch, zur Verantwortung gezogen wird.
Vor unserer Haustür beobachte ich derweil die Auswirkungen unseres Klimawandels: Gräser ziehen sich zurück und geben den nackten, nun erosionsgefährdeten Boden an einigen Hängen in der Rüdigsdorfer Schweiz frei. Manche Orchideenarten unserer Wiesen flüchten förmlich in etwas schattigere Randbereiche, andere kommen gar nicht mehr zur Blüte oder vertrocknen, bevor sie blühen können (siehe Bild). Selbst in ansonsten feuchten Biotopen beobachtete ich neuerdings Trockenschäden an Pflanzen. Und interessanterweise breiten sich einige Steppenpflanzen aus, ja ich beobachte sogar Hänge, an denen die letzten Gebüsche angesichts der Trockenheit und aggressiven Sonneneinstrahlung absterben – Versteppung wie in Kasachstan.
All das sind sehr traurige Entwicklungen, und zwar nicht, weil ich ein Schwarzmaler bin, sondern weil sie einem nachweislichen, internationalen Trend folgen. Immer weiter klafft die Schere zwischen den Appellen der UNO und wissenschaftlichen Studie einerseits und dem Verhalten der Wirtschaft und des Einzelnen auseinander. Scheuklappen und im Sand steckende Köpfe, wohin man schaut.
Ich appelliere dennoch an die Verantwortung des Einzelnen und reihe mich ein in den kleinen Chor der in der Wüste Rufenden. Nicht nur die Chinesen sind schuld, weil sie gerade flächendeckend vom Fahrrad aufs Auto umsteigen und statt Bambussprossen ressourcenverschleuderndes Schweinefleisch essen. Wir machen es ihnen vor. Wir sind mit unserem materiellen Wohlstand und unserer Verschwendung Vorbild für sie.
Am Ende hängt unser eigenes Überleben aber nicht von Aktienkursen und Swimmingpool, sondern von einer Biosphäre ab, die uns artgerechte Lebensbedingungen ermöglicht. Mich erschreckt oft die Selbstverständlichkeit, mit der angeblich treusorgende Mütter weltweit Kinder gebären, ohne das sie wissen, ob es der Mensch doch noch schafft, das Leben dieser Kinder und der auf sie folgenden Generation zu erhalten, ob es ihm also gelingt, das ihm längst entglittene Szenario noch einmal zu beherrschen.
Haben Sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, dass wir in einer gerade einmal 3.000 Meter dicken, lebensfreundlichen Zone auf der Erde leben? Dass unter uns totes Gestein und über uns viele Lichtjahre Lebensfeindlichkeit herrscht? Wir sind im Begriff, dieser hauchdünnen Lebenshülle, einem Produkt eines einzigartigen Zusammenfallens geradezu idealer physikalischer und chemischer Bedingungen, die Grundlagen zu entziehen. Dem wunderschönen Biergartenwetter zum Trotz.
Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende
Bodo Schwarzberg
Autor: nnzDas Frühjahr2007 gehörte zu den trockensten seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. So ähnlich wie dieses Exemplar der Orchidee Helm-Knabenkraut (Orchis militaris, Aufnahme im Landkreis Nordhausen) sahen in den Jahren 2007, 2009 und 2011 viele Pflanzen aus.
Eine Schwalbe mache noch keinen Sommer, lautet eine alte Volksweisheit und natürlich macht ein trockenes Frühjahr noch keinen Klimakollaps. Als katastrophal beurteilen die meisten Zeitgenossen bekanntermaßen nur Wirbelstürme und Hochwasser, also lediglich jene Wettererscheinungen, von denen sie ihr Hab und Gut bedroht sehen.
Und so hätte das Helm-Knabenkraut eigentlich aussehen müssen. (Foto: B. Schwarzberg)
Seit Jahren beobachte ich unsere heimische Flora, stelle Beziehungen ihrer Entwicklung zum Wetter her und lese internationale Studien. Nicht die aktuell sehr trockenen Wochen, sondern die Häufung derartiger Dürrefrühjahre ist das Problem: 2007, 2009, 2011 und jetzt auch 2012?Innerhalb von nur 150 Jahren ist die Weltdurchschnittstemperatur um fast ein Grad gestiegen, eine nie dagewesene Steigerung während der letzten 500.000 Jahre Erdgeschichte: Nicht nur wärmeliebende Arten, wie der schön anzuschauende Vogel Bienenfresser weiten ihr Areal nach Norden aus, sondern auch Krankheitsüberträger wie die Asiatische Tigermücke und Krankheiten wie das Hanta-Virus und das West-Nil-Fieber-Virus. Der Ausstoß von Treibhausgasen ist wider allen Konferenzen weiter angestiegen, nach einer australischen Studie in 2010/11 um unglaubliche 5,9 Prozent. Appelle zum Sparen, zum Maßhalten verhallen ungehört.
Dabei hat jeder von uns doch schon davon gehört, dass wir Industrielandbewohner mit unserem ungehemmten und vor allem unüberlegten Ressourcenverbrauch die Hauptverantwortung für das Desaster tragen, dass unsere einzigartige Erde heimsucht. Doch wer mag sich schon freiwillig einschränken, wo doch das neue Auto des Nachbarn so verführerisch aussieht?
Die Grenzen des Wachstums indes werden immer deutlicher: 15.000 Liter Wasser für ein Kilo Fleisch und 200 Liter für einen Latte Macchiato, andererseits die wachsende Weltbevölkerung und angesichts des Klimawandels zunehmende Wasserknappheit. Und das ist nur ein Beispiel von vielen. Ich bin gespannt, wann die ökologischen Tatsachen den Kapitalismus, so wie wir ihn kennen und meist kritiklos hinnehmen, in die Knie zwingen. Hoffentlich geschieht dies, bevor es zu noch mehr Hungertoten, Klimaflüchtlingen und Hitzetoten kommt, für die niemand, zumindest nicht juristisch, zur Verantwortung gezogen wird.
Vor unserer Haustür beobachte ich derweil die Auswirkungen unseres Klimawandels: Gräser ziehen sich zurück und geben den nackten, nun erosionsgefährdeten Boden an einigen Hängen in der Rüdigsdorfer Schweiz frei. Manche Orchideenarten unserer Wiesen flüchten förmlich in etwas schattigere Randbereiche, andere kommen gar nicht mehr zur Blüte oder vertrocknen, bevor sie blühen können (siehe Bild). Selbst in ansonsten feuchten Biotopen beobachtete ich neuerdings Trockenschäden an Pflanzen. Und interessanterweise breiten sich einige Steppenpflanzen aus, ja ich beobachte sogar Hänge, an denen die letzten Gebüsche angesichts der Trockenheit und aggressiven Sonneneinstrahlung absterben – Versteppung wie in Kasachstan.
All das sind sehr traurige Entwicklungen, und zwar nicht, weil ich ein Schwarzmaler bin, sondern weil sie einem nachweislichen, internationalen Trend folgen. Immer weiter klafft die Schere zwischen den Appellen der UNO und wissenschaftlichen Studie einerseits und dem Verhalten der Wirtschaft und des Einzelnen auseinander. Scheuklappen und im Sand steckende Köpfe, wohin man schaut.
Ich appelliere dennoch an die Verantwortung des Einzelnen und reihe mich ein in den kleinen Chor der in der Wüste Rufenden. Nicht nur die Chinesen sind schuld, weil sie gerade flächendeckend vom Fahrrad aufs Auto umsteigen und statt Bambussprossen ressourcenverschleuderndes Schweinefleisch essen. Wir machen es ihnen vor. Wir sind mit unserem materiellen Wohlstand und unserer Verschwendung Vorbild für sie.
Am Ende hängt unser eigenes Überleben aber nicht von Aktienkursen und Swimmingpool, sondern von einer Biosphäre ab, die uns artgerechte Lebensbedingungen ermöglicht. Mich erschreckt oft die Selbstverständlichkeit, mit der angeblich treusorgende Mütter weltweit Kinder gebären, ohne das sie wissen, ob es der Mensch doch noch schafft, das Leben dieser Kinder und der auf sie folgenden Generation zu erhalten, ob es ihm also gelingt, das ihm längst entglittene Szenario noch einmal zu beherrschen.
Haben Sie sich schon einmal Gedanken darüber gemacht, dass wir in einer gerade einmal 3.000 Meter dicken, lebensfreundlichen Zone auf der Erde leben? Dass unter uns totes Gestein und über uns viele Lichtjahre Lebensfeindlichkeit herrscht? Wir sind im Begriff, dieser hauchdünnen Lebenshülle, einem Produkt eines einzigartigen Zusammenfallens geradezu idealer physikalischer und chemischer Bedingungen, die Grundlagen zu entziehen. Dem wunderschönen Biergartenwetter zum Trotz.
Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende
Bodo Schwarzberg

