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Meine ganze Liebe ist der Fußball

Samstag, 17. März 2012, 08:51 Uhr
Die auf einem quadratischen Keilrahmen aufgespannte weiße Leinwand lässt das Herz von Klaus Becker beim Betrachten immer wieder höher schlagen. Auf dieser ist eine Collage mit vier schwarz-weiß Abbildungen, in der Mitte das Logo der BSG Motor Nordhausen West, aufgeklebt. Diese bekam Becker vor 25 Jahren an seinem 50. Geburtstag geschenkt und zeigt ihn als leidenschaftlichen Fußballer...

Klaus Becker heute (Foto: privat) Klaus Becker heute (Foto: privat)

Nun hat bereits die Zeit an den bildhaften Erinnerungen genagt, die weiße Leinwand umgibt einen grauen Schleier und ist mit ein, zwei dunklen Flecken versehen. Dagegen verlief das Leben von Becker alles andere als nur in Schwarz und Weiß. Am 20. März feiert Becker seinen 75. Geburtstag und ist stolz auf sein Lebenswerk: „Ich habe dem Sport über 60 Jahre meine ganze Liebe gegeben.“

Für den glühenden Anhänger des Bundesligisten Borussia Dortmund sind die vier Aufnahmen weit mehr als nur schwarz-weiße Erinnerungen. Auf diese angesprochen, taucht er ein in diese Zeit, die er besonders farbenfroh und lebendig erscheinen lässt. Diese Leidenschaft und Energie, die ihn als Jugendlicher auszeichnete, ist nun wieder zu spüren. Es sind vor allem diese Momente, als er plötzlich aus seinem eleganten schwarzen Bürosessel hochspringt, in seine ehemalige Position, die des rechten Außenverteidigers schlüpft und seine enormen Kopfballstärke, die bei seinen Gegnern für Aufsehen sorgte, unter Beweis stellen will.
„Ich war als knallharter Verteidiger bekannt, viele hatten sogar Angst vor mir. Ich habe aber nie die Grenzen überschritten, sondern viel mehr die Athletik in die Waagschale geworfen.“ Das bekam beispielsweise Eduard „Ede“ Geyer als 20-Jähriger (SC Einheit Dresden) zu spüren. „Wir waren beide Kapitäne. Ede war als Linksaußen ein sehr robuster Spieler, technisch gut, immer sehr torgefährlich und sehr fair.“ Gegen die wuchtigen Spielertypen lieferte sich Becker gern packende Zweikämpfe. Anders die kleinen wendigen, gegen die er oft das Nachsehen hatte.

Kopfballduell (Foto: Archiv Verkouter) Kopfballduell (Foto: Archiv Verkouter) Außerdem sorgte der Abwehrhüne mit seinen unzähligen Fallrückziehern für mächtig Aufsehen. Einer davon ist auf einem der vier Fotos zu sehen. Becker überlegt nicht lange, athletisch hebt er das rechte Bein an und deutet mit seinem ausgestrecktem Fuß an, wie er damals den Ball versenkte. Danach lässt er sich langsam, ein wenig erschöpft, wieder in seinen bequemen Bürosessel fallen und beginnt von seinen Anfängen zu erzählen.
1943, auf einem kleinen Platz, atmete der gebürtige Nordhäuser erstmals den Fußballgeruch ein. „Ich muss fünf, sechs Jahre alt gewesen sein. Mein Bruder war Torwart in der A-Jugend und ich habe ihm immer die Bälle geholt.“ Die Torleute hatten es ihm besonders angetan, er vergötterte sie. „Es war die Eleganz, wie sie die Bälle hielten.“

Sein großes Vorbild war kein Torhüter, sondern Motor-Abwehrspieler Hans Noack. Dessen Kopfballstärke beeindruckte Becker, so dass er für sich entschied: „So möchte ich mal Fußball spielen.“

In der Nachkriegszeit bildeten sich Straßenmannschaften. In einer davon spielte Becker und wurde von August Lehmann angesprochen. So gehörte er zwar mit zehn Jahren zu den Kleinsten im neu zusammengestellten Team von Trainer Willi Schönleiter, aber bereits als 13/14-Jähriger hatte er einen Stammplatz sicher. Sein erster Einsatz führte ihn mit Motor zum Auswärtsspiel nach Bielen. „Wir haben jämmerlich mit 0:1 verloren.“

Die Niederlage war schnell vergessen auch angesichts des Gewinns des Landesmeistertitels für Thüringen. Die Freude währte allerdings nur kurz. „Nordhausen stand in dieser Zeit unter Quarantäne. Für uns war die Situation sehr unglücklich, denn zur DDR-Meisterschaft nach Berlin fuhren die Neustädter als Zweitplatzierter und wurden DDR-Meister“, schaut Becker wehmütig zurück.

Seine Entwicklung verlief trotz einiger Rückschläge weiterhin positiv. So erhielt er unter anderem Einladungen für die Bezirksauswahl. Die Wut packte ihn dennoch einmal, als er als 15-Jähriger den Sprung in die A-Jugend erobert hatte und aufgrund einer Festlegung, es durfte bei Städten über 40.000 Einwohnern keine Mixteams geben, wieder zurückgestuft wurde. „Aus Wut habe ich bei Motor Mitte mit dem Tischtennisspielen begonnen“, erzählt er nun mit einem Schmunzeln.

Die Wut legte sich bald, Becker kehrte zum Fußball zurück. So durfte er als 18-Jähriger mit der ersten Mannschaft mittrainieren und seinem großen Vorbild Noack nacheifern. Trotz der Konkurrenzsituation, beide füllten die Position des rechten Verteidigers aus, entwickelte sich eine Freundschaft. „Er hat mit viele Tipps gegeben, obwohl ich ihn fast verdrängt hätte.“ Dass Becker es nicht ganz gelang, lag wohl auch daran, dass ihm bereits mit Anfang 20 aufgrund einer Rückgratverkrümmung die Sportinvalidität drohte. Seine Spezialität, die Fallrückzieher, haben ihn, nach eigener Einschätzung, wohl „den Rücken versaut“.

Krücken statt Kopfbälle bestimmten nun sein Leben. Mit eisernem Willen und der ärztlichen Kunst gelang ihm mit 27 Jahren die Rückkehr. Doch Zeiten ändern sich. Max Wollschläger, inzwischen Trainer, ordnete viermal Training unter der Woche an, sogar mittags. Zu viel für Becker. „Die Trainingsrückstände haben sich bemerkbar gemacht, ich war nicht mehr wendig genug.“ Das Unheil nahm in Form des Mannschaftsleiters, der ihm kurz vor der Abfahrt zum Freundschaftsspiel in Bratislava die Mitteilung machte, dass er seine Fußballschuhe nicht mitnehmen sollte, seinen Lauf.

„Das war wie ein Hammer für mich.“ Becker zog daraufhin seine Konsequenzen. „Ich war enttäuscht, habe die Botschaft aber verstanden und lief anschließend nur noch für die zweite Mannschaft auf.“ Er tat es vor allem „aus Spaß an der Freude“, zumal die Zweite die geballte Erfahrung der Routiniers sowie die Lockerheit der jungen Spieler, die noch gefordert werden mussten, vereinte. Der Bezirksmeistertitel oder auch ein Testspiel gegen den erste Mannschaft verdeutlichte die Stärke. „Der Trainer der Ersten hat das Testspiel abgebrochen, weil er gesehen hat, dass es die Zweite gewinnt.“

Gewonnen hat Becker nicht nur auf dem Feld. Seiner Philosophie, „nimm Fußball als liebste Nebenbeschäftigung“, ist er immer treu geblieben. „Ich war kein typischer Fußballer, ich wollte kein Profi werden.“ So war er mit Anfang 20 Jahren bereits Ingenieur für Landtechnik und Chef einer kleiner Ingenieurabteilung im VEB IFA Motorenwerk. Es folgte ein weiteres Fernstudium im Bereich Kraftfahrzeugbau in Zwickau, das er ebenfalls erfolgreich abschloss. Seine Bemühungen um eine Stelle als Dozent verhinderte die IFA, die ihn für unersetzbar hielt. So übernahm er den Posten als Chef für die Materialwirtschaft.

„Ich war für 150 Leute zuständig und bin an meine Grenze gestoßen. Ich habe in dieser Zeit sehr gelitten und seitdem Kreislaufbeschwerden“, erinnert er sich. Zudem begann er sein drittes Fernstudium, um zu promovieren, schloss es aber nie ab. Er sagte dem Sport ade, allerdings nur kurzzeitig, denn Otto Brandt, der technische Direktor der IFA, kam auf ihn zu und flehte ihn regelrecht an: „Du als Fußballer mit Fach- und Sachkenntnis übernimmst den Verein und bekommst alle Unterstützung“. Becker wusste: „Brandt konnte es nicht ertragen, dass der Verein an drittletzter Stelle steht und womöglich absteigt.“

Becker übernahm und brachte das sinkende Schiff wieder auf Kurs, holte beispielsweise die Weißhaupt-Zwillinge Jörg und Horst, die Anfang der 70er zum FC Rot-Weiß Erfurt delegiert wurden, wieder zurück nach Nordhausen. Die Verpflichtung des sowjetischen Gastspielers Sergej Morosow, der bei der Roten Armee stationiert war, wurde ebenfalls zu einer Erfolgsgeschichte. „Morosow war ein exzellenter Fußballer, es war eine schöne Zeit“, kommt Becker ein wenig ins Schwärmen.

Er war auch ein Sektionsleiter mit Visionen. So erarbeitete er ein Konzept für ein Fußballstadion für 20.000 Zuschauer. Der Kreisverband erhob Einspruch, dass „wir nur ein reines Fußballstadion bauen wollen“. Es wurde dann doch gebaut, allerdings nur für die Hälfte. Die Mannschaft lag in der Saison 1981/82 auf Aufstiegskurs in die DDR-Liga, schaffte am Ende den Sprung nicht nach oben. Eine gewisse Erleichterung ist Becker heute noch anzumerken. „Wir hätten in unserem kleinen Stadion in der Oberliga nicht spielen können. Bei Heimspielen gegen Erfurt wären 15.000 gekommen. Wir waren fast froh, dass wir den Aufstieg nicht geschafft haben.“

Der Fußball war es auch, der Becker, wie er selbst sagt, „viel Kraft raubte“. Er durchlebte als Spieler und Funktionär „alle Höhen und Tiefen“, die er nur mit viel Willenskraft, Durchsetzungsvermögen, Disziplin und Härte gegen sich selbst überstand. Diese Eigenschaften erkennt man auch auf den vier schwarz-weiß Fotos, die er vielleicht heute an seinem 75. Geburtstag noch einmal mit glänzenden Augen betrachten wird, wie vor ein paar Tagen.
Autor: nnz

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