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Enzian-Standort gepflegt

Sonntag, 19. Februar 2012, 12:06 Uhr
Zwei Nordhäuser Naturschützer haben am Sonnabend einen weiteren Pflegeeinsatz im Rahmen des von Bodo Schwarzberg 2004 initiierten so genannten "Flexiblen Artenhilfsprogrammes" durchgeführt. Der Initiator beschreibt sowohl den Einsatz als auch die Hintergründe...


Wir widmeten uns in Fortsetzung des Einsatzes vom 8.01.2012 einem früheren Standort des in Thüringen vom Aussterben bedrohten Feld-Enzians (Gentianella campestris) im westlichen Landkreis Nordhausen. Dieser Standort war nach Aussage eines Kartierers bis 1998 besetzt und verschwand dann offenbar infolge einer zu sporadischen oder in Gänze fehlenden Beweidung, auf die die Art angewiesen ist.

Enzian (Foto: B. Schwarzberg) Enzian (Foto: B. Schwarzberg) Wie ich bereits früher in der nnz berichtete, haben unsere Maßnahmen in diesem Fall das Ziel, den Standort zu revitalisieren. Wir möchten also, dass der Feld-Enzian seinen dritten Thüringer Standort wieder besetzen kann und hoffen dabei auf im Boden eventuell noch vorhandene Samenvorräte.

Da die Art magere, das heißt stickstoffarme und kurzgrasige Standorte bevorzugt, eine Beweidung aber wie so oft nicht mehr stattfindet, imitieren wir diese Bewirtschaftungsform mittels Entfilzung per Harke und Ablagerung der Biomasse außerhalb des Standortes. Gestern haben wir zudem mit einer besonders robusten Hacke Bodenverwundungsmaßnahmen angelegt.

Die Arbeiten am Standort werden mit weiteren Einsätzen in diesem Jahr fortgeführt. Gestern bearbeiteten wir unter nicht ganz einfachen Bedingungen (der Boden war teilweise noch gefroren) eine Fläche von 4 m x10 m. Im besonders glücklichen Fall, könnten wir bereits im Herbst blühende Enzian-Exemplare sehen, da die Art fakultativ ein- oder zweijährig ist.

Wir sind durchaus optimistisch, da ich gemeinsam mit einem Partner in der Nähe von Halle bereits einen Standort der deutschlandweit vom Aussterben bedrohten Klebrigen Miere (Minuartia viscosa) wiederbeleben konnte.

Sollten unsere konsequent weiter verfolgten, derzeit ehrenamtlich durchgeführten Pflegemaßnahmen im Falle des Feld-Enzians nicht zum gewünschten Erfolg führen, könnte eine Ansalbung zur Arterhaltung für Thüringen erfolgen, natürlich in Ansprache mit den zuständigen Behörden. Zur Samengewinnung böte sich der nahegelegene, allerdings ebenfalls zurückgehende Standort des Feld-Enzians im Kyffhäuser an.

Ansalbungen sind im Artenschutz stets das letzte Mittel, um eine Art in einem bestimmten Gebiet vor dem Aussterben zu bewahren und ihren regionalen Genotyp zu sichern.

Hintergründe

Bisher gab es unter dem Namen "Flexibles Artenhilfsprogramm" mit dem Schwerpunkt Landkreis Nordhausen seit 2003 an die 100 Pflegeeinsätze, deren Folgen ich über Jahre konsequent mit dem Ziel untersuche, die Pflege zu optimieren. Alle von mir bisher erfassten Daten stelle ich gegenwärtig für eine Publikation zusammen.

Die Standorte weiterer bedrohter Arten versuchen wir perspektivisch über Projektmittel zu pflegen. Ziel ist es, aus dem Landkreis Nordhausen einen "Referenzkreis Artenschutz" zu machen. Den Beweis, dass es mit unbürokratischen, einfachen Maßnahmen möglich ist, den Rückgang von Arten zu stoppen und umzukehren, konnten wir bereits erbringen. Nun könnte der gesamte Landkreis ein "Beispielkreis" werden, der im Sinne der Internationalen Biositätskonferenz von Nagoya (2011) und der Nationalen Biodiversitätsstrategie auf dem Gebiet des Artenschutzes neue Maßstäbe setzt. Dreh- und Angelpunkt ist die bisher in den Artenschutzstrategien weitestgehend fehlende Hinwendung zu den einzelnen Standorten selbst, parallel natürlich zur erforderlichen großflächigen Pflege.

Bilder:

Die Bilder zeigen die am Sonnabend von uns bearbeitete Fläche im Vergleich zu unbearbeiteten, verfilzten Abschnitten und außerdem ein Exemplar des Feld-Enzians am Standort Kyffhäuser aus dem Jahre 2011.

Abschießend noch einmal zu Ihrer Information einige Angaben zum Feld-Enzian aus meiner Reihe "Enziane-Perlen des Herbstes" aus dem Herbst 2011. Diese Reihe werde ich übrigens 2012 mit den zwei noch fehlenden, in unserer Region siedelnden Arten fortsetzen:

Feld-Enzian (Gentianella campestris)

Standort:Im Gegensatz zum nahe verwandten, viel häufigeren Deutschen Enzian bevorzugt der Feld-Enzian kalkarme Lehmböden mit noch magereren, d.h. ungedüngten, kurzgrasigen Wiesen oder Streuobstwiesen mit konstanten, eher frischen Feuchteverhältnissen.

Verbreitung: Die Art ist auf Europa beschränkt und kommt innerhalb ihres Areals (=Verbreitungsgebiet) in Nordwest-, Nord- und Mitteleuropa, meist im Hügel- und Flachland vor. In ihrem gesamten Areal gilt sie als selten.

Gefährdung: In ganz Mitteleuropa gilt der Feld-Enzian als stark gefährdet. Von den zehn deutschen Bundesländern, in denen er nachgewiesen wurde, ist er in neun ausgestorben, vom Aussterben bedroht oder stark gefährdet.

Gefährdungsursachen: An erster Stelle ist hier der Stickstoffeintrag aus der Luft zu nennen. Vor allem die Stickoxide aus dem Autoverkehr sorgen für eine Nährstoffanreicherung im Boden, wodurch Arten gefördert werden, die den konkurrenzarmen Feld-Enzian verdrängen.
Weiterhin ist die Aufgabe der früher verbreiteten Schafbeweidung seiner Standorte zu nennen, die für den notwendigen Nährstoffentzug und für die Kurzgrasigkeit sowie Magerkeit sorgt. Schafe lohnen sich heute für den Landwirt kaum noch.

Maßnahmen: Die Gefahr, dass der Feld-Enzian in Thüringen ausstirbt , ist real. Zwar wird sein letzter oder vorletzter Standort im Kyffhäuser gut beweidet, aber die drastischen Standortverluste der letzten 100 Jahre zeigen eine eindeutige Tendenz. Dass ich in diesem Jahr nur zwei Pflanzen fand, kann vielfältige Ursachen haben: So stellte ich eine erst kürzlich erfolgte Beweidung fest. Erfolgt sie aber während der Blütezeit, könnten die Pflanzen abgefressen werden. Geschieht dies öfters, ist eine dauerhafte Schädigung des Bestandes nicht auszuschließen.

Eventuell hat der Art auch das trockene Frühjahr zugesetzt, denn der Feld-Enzian bevorzugt eher frische, tendenziell gleichbleibend feuchte Verhältnisse.
Wichtig ist zur Erhaltung dieser Enzianart für Thüringen eine regelmäßige Kontrolle des Standortes und eine Abstimmung der Bewirtschaftung mit den zuständigen Behörden. Und diese ist im Kyffhäuserkreis ganz hervorragend. Ich selbst setze mich seit 2009 für die Erhaltung des Feld-Enzians an seinem Standort im Kyffhäuser ein. Im von mir als BUND-Mitglied im Villenpark Hohenrode geplanten Erhaltungsgarten für bedrohte Pflanzenarten werden wir versuchen, auch den Feld-Enzian anzusiedeln.
Bodo Schwarzberg, Mitglied BUND
Autor: nnz

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