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nnz-Forum: Ursache und Wirkung

Freitag, 17. Februar 2012, 14:23 Uhr
Die Ära Wulff ist vorbei. Sie kann also als Beispiel zu diesem Thema dienen. Das ist aber nur sinnvoll, wenn man sie als austauschbares Beispiel sieht. Dazu die Anmerkung eines Lesers im Forum der nnz...


Es wird immer wieder neue Beispiele geben und an ein nur geringfügig älteres wird gleich erinnert. Immer wieder wird es vorkommen, dass man versucht, die Wirkung zu bekämpfen bzw. anzuprangern, aber nicht die Ursache zu beseitigen. Weil alte Ursachen auch morgen neue Seiten - und leider nicht nur der Boulevardpresse, die man ja dank nnz und ähnlicher Medien meiden könnte - füllen?

Keiner braucht wirklich einen Minister, der seine Doktorarbeit abgeschrieben hat. Aber brauchen wir vielleicht Doktorväter, längst im Rentenalter, und eine Promotionskommission (einige Mitglieder auch nicht gerade mit jugendlichem Tatendrang gesegnet), die eine derart abgeschriebene Arbeit mit summa cum laude bewerten? Hätte der Abschreiber für die Arbeit statt des Doktortitels einen (um im Bild zu bleiben) gehörigen Schuss vor den Bug bekommen, wäre möglicherweise ein ganz anderer Mensch aus ihm geworden.

Zumindest hätte er erkennen müssen, dass man Haupt- und Nebenkriegsschauplatz (um weiter im Bild zu bleiben) sauber voneinander trennen muss und sich nicht mit Überlastung und Selbstüberforderung herausreden kann, wenn man eine Aufgabe schlecht, weil nebenbei, erledigt.

Ich habe in den Internetausgaben der großen deutschen Tageszeitungen nichts darüber gefunden, wie man diese Versager an der Universität spürbar zur Verantwortung gezogen hat. Klar ist, das hätte bestenfalls eine Spalte gefüllt, aber nicht viele Tage viele Seiten, wie man sie mit dem Sturz eines Hoffnung verbreitenden Ministers füllen kann.

Auch das Lamentieren der betroffenen, zur Kontrolle verpflichteten, Professoren und Doktoren über zu spät vorhandene, zu schlechte Software, zu viel Vertrauen in die anderen Kollegen usw. usf., hat viel Zeitungspapier und Druckerschwärze und gesetzte Bits gekostet.

Keiner braucht einen Bundespräsidenten, der auf – anfangs möglicherweise unberechtigte - Kritik mit niveaulosen Drohungen reagiert. „Ein Präsident, der die unfassbare Dummheit begeht, angesichts einer drohenden Blamage wie Rumpelstilzchen zu toben und seine Suada auch noch auf einer Mailbox zu hinterlassen, verströmt nicht die Würde, die das Amt erfordert.“ („Neue Zürcher Zeitung”, Schweiz). Aber brauchen wir Medienvertreter, die offenbar ohne große Mühe im Privatleben von jedweder Prominenz herumschnüffeln können und dies auch täglich tun? Wusste „die Presse“, dass man den Bundespräsidenten Wulff mit den anfänglichen „Enthüllungen“ so reizen kann, dass er derart dumm reagiert?

Wusste „die Presse“, dass man den vorhergehenden Bundespräsidenten mit an sich lapidaren Beschuldigungen, resultierend aus merkwürdigen Formulierungen in einem Interview, gleich zum Rücktritt treibt? Wie kommen Journalisten an die Kontendaten und Einzelheiten von Krediten von Prominenten? Kommt man, wenn man will, genau so leicht an die Kontendaten von uns allen? Zum Schluss dann die Frage, mit welcher Moral man dies in Erfahrung bringt? Die Frage nach der Moral kann auch gleich an die Informanten der betreffenden Medienvertreter weitergegeben werden. Darf man jedes Dienstgeheimnis verraten, wenn man es den Medien gegenüber tut?

Pressefreiheit ist eminent wichtig. Wenn man sie missbraucht, ist es gefährlich. Für uns alle und zwar dahingehend, dass wir von den Medienvertretern regiert werden, die in dieser oder jener Hinsicht die „gefälligste Schreibe“ haben.

Wer kann uns eigentlich verbindlich sagen, wie viel Informationen nicht veröffentlicht wurden, weil ein mehr oder weniger Prominenter am Telefon rechtzeitig die richtigen Worte oder ausreichend Gegenargumente fand? Über Inhalt und Form der Gegenargumente nachzudenken, überlasse ich den Lesern dieses Beitrages. Sitzen die wirklich fähigen Ermittler – nicht nur in diesem Land – nicht in der Kriminalpolizei und den Staatsanwaltschaften?

Wie viel Kalle Blomkvist aus Stieg Larsson´s Millennium-Trilogie steckt in jedem deutschen Journalisten? Wie viel Lisbeth Salander steckt in den Computerfreaks in unserer Nachbarschaft? Eine Zeitung, die auf 8 Seiten (oder weniger) täglich die jeweils vollständigen Informationen zu den aktuellen Themen veröffentlicht, würden sicher viele Menschen schon aus Zeitgründen gern abonnieren. Aber ich fürchte, sie würde schon in der Testphase Insolvenz anmelden müssen.
Jürgen Wiethoff
Anmerkung der Redaktion:
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Autor: nnz

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