Aus der wehrhaften Vergangenheit
Mittwoch, 08. Oktober 2003, 12:50 Uhr
Nordhausen ist inzwischen eine weltoffene Stadt. Mit der Fachhochschule und der Landesgartenschau 2004 lädt sie gern Gäste ein. Das dies nicht immer so war bezeugen zahlreihe alte Wehrbauten. nnz hat sich für Sie den neuen Rundweg angesehen.Zwischen 1290 und 1330 wurden die ersten Teile der Stadtbefestigung errichtet. Schon damals lebten selbstbewußte Bürger in Nordhausen, die jedoch fürchten mußten von Aufständischen aus den ländlichen Gebieten heimgesucht zu werden. Teile dieser und der später entstandenen Stadtmauern sind bis heute erhalten geblieben.
Natürlich hat der Zahn der Zeit tüchtig an ihnen genagt. Obwohl Anfang der 90er Jahre ein Stadtrundweg gestaltet und die Mauern von ABM-Kräften gesichert wurden, mußte jetzt eine grundhafte Sanierung erfolgen. Auch Sanierungsfehler aus der Vergangenheit, wie die Verpressung mit Beton, konnten nun behoben werden. Insgesamt belaufen sich die Kosten auf 1.850.000 Euro.
Nicht nur aus Gründen der Standsicherheit war es nötig die Mauern zu rekonstruieren, man hätte sie theoretisch ja auch abreißen können, aber Nordhausen identifiziert sich mit seiner Geschichte als freie Reichsstadt und dazu gehören diese steinernen Zeugen der wehrhaften Vergangenheit.
Als problematisch stellten sich wieder einmal die gipshaltigen Baumaterialien unserer Vorfahren heraus, wie bei der Blasii Kirche, die aus Anhydritsteinen besteht. Durch Verpressung mit sulfathaltigen Zementmischungen in der 80er Jahren wurde das Gotteshaus noch mehr geschädigt. Um das der Stadtmauer zu ersparen, wurde vom Institut für Materialprüfung und Forschung GmbH nach zu dem Mauerwerk passenden Bindemitteln gesucht.
Von Juli 2002 bis September 2003 war die Nordhäuser Firma SPESA mit den Bauarbeiten beschäftigt und hat dabei Beachtliches geleistet. Bei einer einsturzgefährdete Stelle von 22 Metern Länge und 6 Metern Höhe wurde bis zur Hälfte die Mauerdicke abgetragen und eine Spritzbetonschale mit 3 horizontalen Zugpfahlreihen zu je 16 Stück angebracht. Diese Anker ragen 12 Meter in den Hang. Was jetzt so schön nach Mauer aussieht, das ist eigentlich nur eine 35 cm dicke Natursteinverblendung.
Das Rondell, ein ehemaliger Wehrturm, wurde erneuert und als Aussichtsplattform gestaltet. Auch der Rosenturm, früher von Gestrüpp überwuchert und total unscheinbar, entstand nach historischen Vorgaben komplett neu. An der Wassertreppe wurde die Mauerkrone einer Stützmauer erneuert und die Treppe mit Altstadtleuchten ausgestattet. Viele Bürger fragten sich warum diese so dicht stehen, meinte Oberbürgermeisterin Barbara Rinke (SPD). So viele Lampen, das wäre doch wohl Verschwendung? Doch: Es gibt nun einmal Normen, die vorschreiben, wie eine Treppe ausgeleuchtet zu sein hat. Normalerweise wird eine entsprechende Helligkeit durch höhere Lampenmasten sichergestellt, aber das hätte hier einfach unpassend ausgesehen, wenn die Pfähle die Mauerkrone überragen.
Im Laufe dieses Monats werden noch Bepflanzungen im Bereich der Wassertreppe und des Rundweges vorgenommen. Im Frühjahr lädt dieser dann zum Spazierengehen und Verweilen ein. Schöne Ausblicke ins Nordhäuser Umland sind garantiert.
Warum die Wassertreppe eigentlich so heißt, fragten Kinder während der Objektbegehung. Ganz einfach: Die Bürger aus der Oberstadt mußten diese Treppe zum Mühlgraben hinuntergehen, um sich Trink- und Brauchwasser von dort zu holen. Da können wir doch froh sein, daß Wasser jetzt aus dem Hahn kommt und diese Treppe einfach eine schön sanierte Erinnerung an unsere spannende Vergangenheit ist.
